Friedrich Hölderlin (1770-1843)
Bei einem Denkmal für Hölderlin würde man erwarten, dass der Dichter selbst im Mittelpunkt steht. Hier haben sich mit der Doppelfigur Schiller/Goethe andere in die Mitte geschoben, während der erwachsene Hölderlin den Figuren den Rücken zuwendet. Er wirkt abwesend, in sich gekehrt.
Von der Mutter zum Pfarrberuf bestimmt, absolviert Hölderlin die Lateinschule in Nürtingen und die Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn, von 1788 bis 1793 studiert er am Theologischen Seminar in Tübingen. Während der Studienzeit befreundet er sich mit Schelling und Hegel.
Aufgrund einer stetig wachsenden Abneigung gegen den Pfarrberuf wird Hölderlin 1793 auf Empfehlung Schillers Hauslehrer bei Charlotte von Kalb in Waltershausen, Thüringen. 1794 besucht er Vorlesungen Fichtes in Jena. Er erhält 1796 eine Stelle als Hauslehrer bei dem Frankfurter Bankier Gontard. Die schwärmerische Liebe zu dessen Gattin Susette, die von dieser innig erwidert wird, endet mit einer erzwungenen Trennung. Weitere Stationen führen Hölderlin 1800 nach Stuttgart und Nürtingen. 1801 hat er kurz eine Hauslehrerstelle in der Schweiz inne, 1802 bei einem deutschen Konsul in Bordeaux.
1802 stirbt Susette Gontard und Hölderlin trifft damit der große Verlust seines Lebens. Seine persönliche Entwicklung nimmt den umgekehrten Weg zu seiner poetischen: Als Dichter betritt er immer wieder neue Räume, entwickelt er eine bis heute faszinierende Meisterschaft, aber als Mensch gerät er zunehmend in bedrängende Zustände.
Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.
Aus: Lebenslauf
Sein Gemütszustand verschlechtert sich so, dass er unter Obhut gestellt werden muss. Er hält sich eine Zeit lang in Nürtingen im mütterlichen Haus auf, später bei seinem Freund Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Schließlich wird er gegen seinen Widerstand in die Authenriethsche Klinik in Tübingen eingeliefert, in der man mit den Methoden der damaligen Zeit versucht, seine Psyche zu behandeln. Die Diagnose lautet schließlich "unheilbar". Er ist 37 Jahre alt, als er vom Schreiner Ernst Zimmer zur Pflege in sein Haus aufgenommen wird und er wird bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843 weitere 36 Jahre dort im Tübinger Turm wohnen, wird knappe Briefe und ein paar Gedichte und Fragmente schreiben.
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
Hölderlin sitzt in sich gekehrt auf dem Kiel der Schreibfeder. Er wendet den anderen Figuren des Kunstwerks den Rücken zu. Er hat eine andere Richtung gewählt, einen eigenen Weg, der quer liegt zu den Erwartungen seiner Familie, zum damaligen Zeitgeist, aber auch zu seinen eigenen Hoffnungen. Hölderlin ist kompromisslos auf der Achse seiner Zeit gewandert, von den Idealen der Französischen Revolution zu Schillers ästhetischem Idealismus, über die Philosophen seiner Zeit, er hat an Goethe vorbei gesteuert, er wanderte durch die griechische Antike und die liebevolle Bestätigung durch Susette Gontard hindurch. Sein Weg führte weiter, er führte weg von dieser Zeitachse, seine Schreibfeder liegt quer dazu, seine Poesie ist anders orientiert. Er findet sein „Eigenes“. Sein poetischer Ausdruck entwickelt sich unaufhörlich weiter und in seinem Werk werden bis heute immer wieder neue Facetten entdeckt. Ein Dichter, der spannend ist und bleibt, wenn man sich auf ihn einlässt.
... So komm! dass wir das Offene schauen,
Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.
Aus: Brot und Wein