Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 05.12.2017

Profunde Klänge

Bachs Weihnachtsoratorium unter Leitung von Andreas Willberg in der Regiswindiskirche

Bachs Weihnachtsoratorium, Leitung: A. Willberg (Foto: Leonore Welzin, 3.12.17)

 

Pauken und Trompeten eröffnen effektvoll das „Jauchzet, frohlocket!“. Mit großem Elan steigen Chor und Orchester ein in Bachs Weihnachtsoratorium, das zum jährlichen Kanon kirchenmusikalischer Aufführungen gehört. Kantor Andreas Willberg eint die 90 Stimmen des Chores der Regiswindiskirche mit dem Obertonreichtum des Lukas-Barockor­chesters Stuttgart und dem Wohlklang der vier Solisten – in der Rolle des Evangelisten der Tenor Christian Wilms sowie  Lisa Stöhr (Sopran), Anna Krawczuk (Alt) und Tobias Germeshausen (Bass) – zum Opus Magnum der Kirchenmusik. Es thematisiert das Staunen über die Menschwerdung Gottes. Ursprünglich wurden die sechs circa halbstündigen Kantaten liturgisch eingebunden, an den sechs Sonn- und Feiertagen von Weihnachten bis zum Dreikönigstag aufgeführt. Heute werden jeweils drei Teile zu einem Konzert gebündelt.

 

„Es begab sich aber zu der Zeit“, erzählt der Evangelist die heilsgeschichtlich relevanten Ereignisse. Lyrisch und kontemplativ die Pastorale des Orchesters, die die zweite Kantate einleitet. Hier wird die Nachricht der Geburt an die Hirten weitergegeben: wundervoll innig das Flöten-Solo und die Arie „Schlafe, mein Liebster“, interpretiert von der Mezzosopranistin Anna Krawczuk. „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“ –  den Höhepunkten der Innerlichkeit folgt Aufbruchsstimmung. Prunkvoll barocker Lobpreis rahmt in der dritten Kantate das Geschehen. Der Chor überträgt mit instrumentaler Unterstützung den D-Dur-Optimismus im schwungvollen Dreiachtel-Takt. Herrlich kraftvolle Akzente setzt Tobias Germeshausen im Accompagnato-Rezitativ „Er hat sein Volk getröst‘“ und, begleitet von der Oboe d’amore, im eingreifenden Duett mit dem hellen Sopran von Lisa Stöhr „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen“, das Gottes barmherzige Hinwendung zum Menschen besingt.

 

Die über 600 Besucher sind im Bann der Musik. Ungewohnt für heutige Ohren und gerade deshalb besonders spannend ist die historische Aufführungspraxis, die mit dem authentischen Klang barocker Instrumente wie Naturtrompeten, Traversflöten, Oboen da caccia und Kontrafagott dem Original möglichst nahe kommt. Insbesondere die Darmsaiten der Streicher reagieren auf Änderungen der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit hochsensibel, was ein eigenwillig „unscharfes“ Klangbild ergibt. „Unsere Besetzung war genau diejenige Bachs, mit zwei Unterschieden: bei Bach hat wahrscheinlich noch ein Cembalo mitgewirkt – dafür fehlte uns der Platz – und natürlich war Bachs Chor viel kleiner als unserer und bestand aus Knaben- statt aus Frauenstimmen“ erläutert Andreas Willberg.

„Einen wesentlichen Unterschied zu moderner Aufführungspraxis bedeutet schließlich die Verwendung des originalen Kammertons (a‘=415 Hertz, ein Halbton tiefer als heute). Der Chorklang wird dadurch deutlich entspannter und ausgewogener. Auch der Einsatz des  „bassono grosso“, also des barocken Kontrafagotts (das Bach nur in der Johannespassion explizit vorschreibt), klingt eine Oktave tiefer als ein normales Fagott, weshalb es uns auch angesichts der großen Chorbesetzung naheliegend erschien, der Basso-continuo-Gruppe durch dieses Instrument einen noch profunderen Klang zu geben“, so Willberg.

 

Erstaunlich, dass der Chor der Regiswindiskirche dieses Meisterwerk sakraler Musik in nur drei Monaten erarbeitet hat. „Manche kannten das Werk noch“ mutmaßt Klaus Rensch, der bereits die Pauke schlug, als 1971 sein Vater Richard Rensch, der Gründer der Orgelbaufirma Rensch den Chor (von 1948 bis 1976) leitete und damals die Kantaten vier bis sechs aufführte. Mitgesungen hat er auch 1992, als unter Hartmut Clauß (Chorleiter von 1977 bis 2011) die erste Hälfte des Oratoriums auf dem Programm stand.

Wie wichtig die Pflege der Tradition für den Zusammenhalt ist, zeigt nicht nur der Besuch der Veranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde in Zusammenarbeit mit der Stadt Lauffen innerhalb der Reihe „bühne frei…“, sondern auch das gemeinsame Singen des Chorals „Ach mein herzliebes Jesulein“, mit dem das großartige Musikerlebnis ausklingt.

 

Text und Foto: Leonore Welzin

 

Bildunterschrift:

Abb. 1: Das Weihnachtsoratorium unter der souveränen Leitung von Kantor Andreas Willberg und mit vier ausgezeichneten Solisten, hier Tenor Christian Willms, erwies sich als wahrer Besuchermagnet.

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