Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 09.01.2018

Kasachstan und Kartoffeln

Der Lauffener Günther Schmid berät in Kasachstan einen landwirtschaftlichen Betrieb

Zwölf Lauffener

 

Im Jahr 2018 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils einen bzw. mehrere dadurch verbundene Menschen aus Lauffen a. N. mit ihren besonders interessanten Hobbies, Berufen oder Hintergründen vor. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Interviews.

Lesen Sie in diesem Boten das erste Portrait:

 

 

 

Über 6000 Kilometer Richtung Osten muss Günther Schmid aus Lauffen zurücklegen, um an seinen zweiten Arbeitsplatz in der Nähe von Öskemen im Osten von Kasachstan zu kommen. Eine Entfernung, die ihn aus der „hiesigen schnelllebigen hektischen“ Welt in eine Welt bringt, die „charmant, zufrieden , ausgeglichen und genügsam“ ist.

 

Die Kartoffel, beziehungsweise deren Anbau hat den 33Jährigen in das ferne Land gebracht. Günther Schmid hat in Geisenheim Gartenbaumanagement, Schwerpunkt Obst studiert und an der Uni in Hohenheim noch Agrarbusiness draufgesetzt, nachdem er zwei Jahre als Berater für einen Kartoffelzüchter tätig war. „Sich Zeit nehmen für Bildung und Erfahrungen sammeln, das hatte für mich und meine Familie Priorität“.

 

In Hohenheim kam dann 2013 der Anruf mit Fernwirkung. In Kasachstan, dem neuntgrößten Land der Welt suchte man einen Pflanzenbauberater für Kartoffeln in einem Betrieb der insgesamt 7000 Hektar an Sonnenblumen und Weizen bewirtschaftet (zum Vergleich: Lauffen hat eine Gesamtfläche von 2263 Hektar) und nur auf einer relativ kleinen Fläche von 250 Hektar mit dem Kartoffelbau anfing, nachdem dort schon viele Jahre keine Kartoffeln mehr angebaut wurden. Die Reaktion von Herrn Schmid Senior war eindeutig: „das ist so verrückt, das musst du machen“.

 

Gesagt getan, der junge Lauffener  reiste nach Kasachstan,  man wurde sich schnell handelseinig und bis heute hat Günther Schmid die Entscheidung für ein Jahr Kartoffelentwicklungshilfe in dem „faszinierenden und schrägen Land“ zu leisten, nicht bereut. Nurlan heißt sein neuer Chef und wenn Günther Schmid von dem fernen Betrieb erzählt, leidenschaftlich, manchmal händeringend, stolz und mitreißend, meint man, schon ein bisschen dort gewesen zu sein. Und ein bisschen mit den Widrigkeiten mit gekämpft zu haben, die einem in dem von der ehemaligen sowjetischen Kolchosen-Wirtschaft geprägten Land begegnen.

Günther Schmid in Kasachstan

Von den veralteten Maschinen für die man ewig auf ein Ersatzteil warten muss, bis zu den supermodernen, die aber niemand so richtig bedienen kann, von der für mitteleuropäische Verhältnisse eher lockeren Arbeitsmoral, bis zur streng hierarchisch geführten Arbeitseinteilung, die unflexibel ist und sich Neuerungen und seien sie auch noch so sinnvoll, verschließt. Risikobereitschaft sei nicht ein hervorstechendes Merkmal seiner neuen Mitarbeiter resümiert Günther Schmid lächelnd und „die Menschen dort im Dorf, in dem es keine Duschen mit warmem Wasser oder Toiletten mit Wasserspülung gibt, leben sehr einfach, sind aber sehr zufrieden mit dem was sie haben“. Ein „arbeiten auf Teufel komm raus, ist ihnen doch eher fremd“. Aber sie haben miteinander und voneinander gelernt, der deutsche Chef, der ihre Sprache lernt und so viel gutes Know-how mitgebracht hat und die gastfreundlichen Kasachen, die auch das Scheitern so gut wegstecken können, mit der Natur leben und schon so viel gelernt haben.

 

„Vor vier Jahren hätte ich nicht gedacht, dass daraus mal was wird“ berichtet Günther Schmid, der immer noch jedes Jahr zweimal nach Kasachstan reist, um mit seinen Leuten gemeinsam weiter am Gelingen des Projekts Kartoffelanbau zu arbeiten. Beregnung, Düngung, Pflanzenschutz, das Vokabular der Arbeiter im Betrieb hat sich erweitert, und Günter Schmid strahlt, „das macht ungeheuer viel Freude, wenn man sieht, da entwickelt sich was, Selbstverantwortung gehört jetzt zum Arbeitsalltag“.

Aus Kollegen wurden inzwischen Freunde, man freut sich aufeinander, und: „Der Austausch macht einfach Spaß“.

 

 Text: Ulrike Kieser-Hess

Foto: privat

 

Bildunterschrift: Günther Schmid in Kasachstan auf einem K700 Kirovet Traktor aus dem Jahr 2013.

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