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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 19.11.2018

Zeitgeschichtliches zu Hölderlin

Dr. Georg Eckert referierte über Politik und Kultur zu Zeit Hölderlins

Wie die große Zahl von Genies in Kunst und Wissenschaft zur Zeit Hölderlins zu erklären sei, dieser Frage ging der Wuppertaler Privatdozent Dr. Georg Eckert in seinem Vortrag letzten Samstagabend im Museum nach, zu dem der Hölderlin-Freundeskreis eingeladen hatte. Neben einem gestiegenen Bevölkerungswachstum und  dem hohen Stellenwert, den Bildung durch die  Aufklärung erhalten hatte, lag der Grund dafür in dem besonderen Verhältnis, das im vormaligen Heiligen Römischen Reich zwischen Politik und Kultur entstanden war – mit den Worten Goethes: „Zur Nation euch zu bilden, hoffet es, Deutsche, vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“ Das aus unzähligen Fürstentümern und Herrschaftsbereichen bestehende Deutschland konnte nicht durch Einigkeit und Stärke, sondern nur auf kulturellem Gebiet glänzen. Seine Zersplitterung in Einzelstaaten förderte einen Wettbewerb, bei dem auch kleine und kleinste Länder in Kunst und Wissenschaft Spitzenplätze erringen konnten.     

 

Professor Eckert Veranstaltung Hölderlin-Freundeskreis                                                                                           

Eckert macht dies am Beispiel Weimars deutlich, das als politisch unbedeutendes Fürstentum mit Wieland, Herder, Goethe und Schiller die literarische Elite der damaligen Zeit an seinem Hof versammelte und das später mit Jena eine Universität von überregionaler Bedeutung erhielt. Das kulturelle Renommee, das Weimar damals errang, blieb bis heute lebendig. Es zog auch den jungen Hölderlin an, der einige Zeit in Jena verbrachte, wo damals Fichte und Schiller die herausragenden Lehrer an der Universität waren. Aber selbst große Länder, die wie Preußen ihren Aufstieg vor allem politischen, sprich militärischen Anstrengungen zu verdanken hatten, wussten um die Bedeutung kultureller Bemühungen für den inneren Zusammenhalt und das Ansehen des Landes. Als Preußen nach den vernichtenden Niederlagen gegen Napoleon am Boden lag, waren es Personen wie Schleiermacher, Hegel, Hardenberg und von Stein, die es geistig und politisch stabilisierten und zu neuen Aufstieg verhalfen. Wie Goethe, der einst als Minister in Weimar tätig war, so legte in Berlin der Universalgelehrte Wilhelm von Humboldt in politisch verantwortlicher Position die Grundlagen für ein höchst effektives und bis heute nachwirkendes Bildungssystem.

Wie aber stand es im Herzogtum Württemberg? Die zentrale Gestalt war hier Herzog Karl Eugen, der – für manche Zuhörer überraschend – bei Eckert eine recht positive Bewertung erhielt. Seine Förderung der Universität Tübingen und vor allem die Gründung von Kunstakademie und Hoher Karlsschule waren entscheidende Initiativen für den kulturellen Aufstieg Württembergs. Seine Anstrengungen müssen freilich auch als eine Aktion gegen die sogenannte württembergische Ehrbarkeit, der Beamten- und Pfarrerschaft des Landes, verstanden werden, die als protestantische, verwandtschaftlich eng vernetzte bürgerliche Oberschicht im Land das Sagen hatte und dabei oftmals in Gegnerschaft zum katholischen Herzog stand. Dabei waren die Bemühungen des Herzogs und seiner Nachfolger, auf diesem Wege eine dem Herrscher verpflichtete Elite zu schaffen, nur zum Teil erfolgreich. Dies zu einem deshalb, weil nicht ausreichend Stellen für die hochgebildeten Absolventen dieser Einrichtungen zur Verfügung standen. Diese mussten dann, wie die Biographien von Schiller, Hegel und  Hölderlin zeigen, ihr Land verlassen, um woanders eine ihrer Befähigung und inneren Berufung entsprechende Wirkungsmöglichkeit zu finden – was Schiller und Hegel gelang, Hölderlin aber versagt blieb. Zum anderen auch dadurch, dass sich die Regenten mit dieser Bildungsschicht eine Opposition heranzog, deren kritische Rückfragen auch die Stellung und das Handeln der Herrschenden nicht ausschloss.

 

Dies zeigt der Fall  Isaak von Sinclair. Seit ihrer gemeinsamen Zeit in Jena mit Hölderlin freundschaftlich verbunden, hatte der als leitender Minister im Zwergstaat  Hessen-Homburg wirkende Sinclair dem Dichter dort eine Stellung als Hofbibliothekar verschafft. Als Sinclair wegen angeblicher Verschwörungspläne gegen den württembergischen Herrscher verhaftet wurde, geriet auch Hölderlin in das Visier der Ermittler. Nur das ärztliche Attest seiner geistigen Zerrüttung bewahrte den damals bereits kranken Dichter vor weiteren Nachstellungen – ein weiteres Beispiel für das Einwirken politischer Konstellationen auf das Leben Hölderlins. Dass auch sein Werk nicht frei von politischen Anspielungen und aktuellen Zeitbezügen ist, dies zu betonen, war dem Referenten am Ende seines interessanten, inhaltsreichen, viele Aspekte ansprechenden Vortrags noch besonders wichtig.

 

Text: Franz Kosel

 

 

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