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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 21.01.2019 – 18.02.2019

Geplauder, Geplänkel und Gestichel

„bühne frei...“ für „Alte Liebe“ – Lesung mit Walter Sittler und Mariele Millowitsch

Walter Sittler & Mariele Millowitsch lesen ALTE LIEBE (Foto: Leonore Welzin, 18.1.2019)

 

„Was haben wir mit diesem Kind bloß falsch gemacht? Wir haben sie nie zu etwas gezwungen! Vielleicht war das falsch?!“, mutmaßt Lore, verkörpert durch Mariele Millowitsch. Das Kind ist ihre 36-jährige Tochter Gloria. Sie will in dritter Ehe einen Baulöwen heiraten, in Leipzig, einen Ossi, der ihr Vater sein könnte! Wortreich kompensiert Lore ihr Entsetzen mit Selbstanklage, während sich Harry, alias Walter Sittler, kurz fasst: „Ihr desaströses Leben geht mir am Arsch vorbei“.

 

In Anbetracht dieser Hochzeit räsoniert das Paar, an dem 40 Ehejahre nicht ganz spurlos vorbeige­gangen sind, über Liebe, Glück und Altern – Sie: „Alt werden ist kein Kampf, sondern ein Massaker“. Er: „Bei mir macht es bumm und weg!“. Fragen werden thematisiert, die sich jeder heimlich stellt, aber keiner laut zu fragen traut: Wer wird zuerst sterben, wer lässt wen alleine zurück? Lore wünscht sich insgeheim einen Neuanfang: „Harry, ich glaube, ich liebe dich noch“. Für seinen Konter „Sag mir Bescheid, wenn du’s genau weißt“, gibt es in der Stadthalle spontan Applaus.

 

Alte Liebe rostet nicht, so lautet die Botschaft des Autoren-Duos Elke Heidenreich (1943) und Bernd Schroeder (1944), das von 1972 bis 1995 verheiratet war. Inhalt­lich wimmelt es von versteckten Bezügen zu Hermann Hesses schonungsloser Selbstanalyse „Der Steppenwolf“, angefangen mit dem Namen des männlichen Protagonisten Harry bis zu Hesses spätem Hobby, dem Gärtnern. Nicht ganz so nobelpreisverdächtig wie Hesse, ist „Alte Liebe“ ein Versöhnungsprojekt in Form eines halb auto­biographischen Dialogromans.

Mittlerweile zum Bestseller avanciert, dient „Alte Liebe“ Sittler (1953) und Millowitsch (1955) als Vorlage für eine szenische Lesung. Obwohl das streitbare TV-Traumpaar nicht mehr gemeinsam über den Schirm flimmert, haben die jung gebliebenen Darsteller nichts an Sympathie verloren. Und irgendwie passen die belesene Bibliothekarin Lore – der Name spielt auf den Titel „Lore“ von Groschen­romane an ­–, ihr romantischer Revoluzzer Harry und der, mit bibliophilen Querverweise reichlich ausstaffierte Inhalt ins literaturaffine Klima der Hölderlinstadt.

 

Die Veranstaltung der Reihe „bühne frei…“ ist ausverkauft. 540 Fans hängen an den Lippen der Schauspieler, die mit sechzig plus genau den Reifegrad haben, der für Authentizität und Glaubwürdigkeit bürgt. Zwar hat Lore, wie Elke Heidenreich, genug davon, in italienischen Kneipen das Ego alter Männer zu bewundern, aber sie liebt Martin Walser, Fernando Pessoa, Paolo Conte  und die Doors (deren Name ja auf ein Zitat des britischen Autors William Blake zurückgehen soll). Harry war früher beim Bauamt, er liebt seinen Garten, sein Weißbier und vor allem seine Ruhe. Auf Glorias Hochzeit hat er null Bock.

 

Das Geplauder, Geplänkel und Gestichel der beiden Ehe-Veteranen, ihre wechselweise monologisch und dialogisch vorgetragenen Erinnerungen, Lebensweisheiten und Altersgrübeleien lassen schmun­zeln. Er ist genervt von seiner anstrengenden Kulturschaf­fenden, sie empört über die Selbstzu­friedenheit des Kulturmuffels. Mariele Millowitsch kann mit feuchten, in die Ferne schweifenden Augen, die Leere nach Sinn abtasten. Und Walter Sittler sieht Martin Walser ähnlicher als Jakob Augstein. Zur Hochzeit reist er dann doch mit, nicht weil Peter Maffay (Achtung: „Steppenwolf“) auftritt, sondern, wie Thomas Bernhard sagen würde, um sich hinzusetzen und andere Leute zu bezichtigen. Womit Harry meint: „Wir betrinken uns und lästern“.

 

Träfe das Postulat des Klappentextes zu, in diesen Eheszenen könne sich „eine ganze Gene­ration wiedererkennen”, nämlich die der Achtundsechziger, dann müsste man daraus schließen, dass sich besagte Generation geistig aufs Altenteil zurückgezogen hat. Dennoch amüsiert sich das Publikum in zwei kurzweiligen Stunden über den gemütvollen Humor des Textes, den Sittlers älteste Tochter Jennifer für die Bühne eingerichtet hat.


Text und Foto: Leonore Welzin

Bildunterschriften:
Abb. 1: Mariele Millowitsch und Walter Sittler boten ein großartiges Schauspiel:
zwei Theaterprofis, die ihr Publikum die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle
durchleben ließen und es von der ersten Minute an fest im Griff hatten.