Virtueller Lauffener Bote

Archiv: Aktuelle Nachrichten

Dieser Artikel befindet sich im Archiv!

Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 25.03.2019 – 25.05.2019

Poetisches Zwiegespräch mit Hölderlin

Lauffen feiert den 249ten Geburtstag des Dichters

 

Hölderlin-Freundeskreis Logo

 

 

Hölderlin-Freundeskreis

 

Die diesjährige Feier zum 249ten Geburtstag von Friedrich Hölderlin wurde von drei Künstlern aus Tübingen gestaltet, die GerlindeEndriß als Vorsitzende des ausrichtenden Hölderlin- Freundeskreises besonders herzlich begrüßte: Helge Noack, die ehemalige Leiterin des Hölderlin-Museums im Turm, die ebenfalls im Literaturbetrieb tätige Elisabeth Bohley und den als freier Musiker und Komponist in Tübingen lebenden Bernhard Mohl.                                                                                                                             

 249. Geburtstag Hölderlin

Bildunterschrift v.l.n.r.        Elisabeth Bohley u. Helge Noack

 

In ihrem Programm „Hölderlin-Resonanzen“ trugen sie Gedichte von Hölderlin alternierend mit Gedichten des 20. und 21. Jahrhunderts vor, was zu einem fortlaufenden poetischen Zwiesprach  zwischen diesen Texten führte. So folgte zu Beginn auf Hölderlins Ode „Der Neckar“ Friederike Mayröckers „Hölderlinturm“ - Hölderlins Naturbilder wurden so konfrontiert mit den Eindrücken der österreichischen Lyrikerin bei einem Besuch in Tübingen.                                                                                                                                                   

Durch diese Gegenüberstellungen wurde auch erkennbar, welche Nachwirkungen – bei allen formalen und sprachlichen Unterschieden - Hölderlins Dichtkunst bei späteren Lyrikern hatte. Wenn etwa auf „Hyperions Schicksalslied“, in dem es von leidenden Menschen heißt, sie stürzten „Wie Wasser von Klippe / Zu Klippe geworfen, / Jahrlang ins Ungewisse hinab“ in der Lesung das Gedicht „Der letzte Stern“ von Else Lasker-Schüler folgt, das die Brüchigkeit menschlichen Lebens in die Worte fasst:  „In den Tiefen taumeln die Wasser / und drängen hin und stürzen erdenab“. Oder wenn im Anschluss an Hölderlins „Lebenslauf“, das den Leser auffordert, „aufzubrechen, wohin er will“, in Silke Scheuermanns „Allegorie der Luft“ das lyrische Ich fasziniert den Flug der Vögel beobachtet, ihr sicheres „Steigen und Fallen“, ihre Fähigkeit, „überall landen“ zu können – was ihm zum tröstlichen Bild für sein eigenes menschliches Leben wird.                                                                                                                                                   

In ihrem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ greift Ingeborg Bachmann das Thema „Heimat“ auf, zu dem es auch einen Text von Hölderlin gibt. Bachmann gibt der verzweifelten Suche einer Heimatlosen, in unserer Welt ein Zuhause zu finden, eine Stimme: „Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder. / Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.“  Sprachlich weniger verschlüsselt beklagt Theodor Kramer, der als Jude 1939 nach England emigrieren musste, den Verlust seiner Heimat. „Andre, die das Land so sehr nicht liebten / War´n von Anfang an gewillt zu geh´n / Ihnen – manche sind schon fort – ist besser / Ich doch müsste mit dem eig´nen Messer / Meine Wurzeln aus der Erde dreh´n!“ Dieses Gedicht wurde von Bernhard Mohl gesanglich eindrucksvoll vorgetragen, der darüber hinaus Vertonungen von Hölderlins späten Jahreszeiten-Gedichte aus dem Turm zu Gehör brachte, die sich durch ihre emphatischen Bilder für eine musikalische Gestaltung eignen, wie man sie sonst von vertonten Brecht- und Biermanngedichten kennt.           

       249. Geburtstag Hölderlin                                                                                                                                                      Die im letzten Teil des Abends präsentierten Stücke wiederum machten deutlich, was unsere Welterfahrung und Weltsicht von der Hölderlins unterscheidet. Der „Hälfte des Lebens“ und der ersten Strophe von „Brot und Wein“ mit der Anfangszeile „Rings um ruhet die Stadt“ standen nun „Auch eine Hälfte …“ von Enzensberger und Falkners „Ringsum ruhet nichts“ gegenüber. Die erkennbaren Unterschiede konnten auch als eine kritische Anfrage an uns und unsere Zeit verstanden werden.                                                                                                                                                                  

 

Nach dem herzlichen Dank an die Vortragenden klang der Abend in gewohnter Weise aus - mit Sekt und einer leckeren Geburtstagstorte und vielen anregenden Gesprächen. Eine „Count down“- Installation, die Hans Krauss mit Schülern gefertigt hatte, mit denen er schon zwei Tage zuvor an gleicher Stelle Hölderlins Geburtstag gefeiert hatte, erinnerte die Anwesenden an das  große Ereignis, dem wir  uns nun mit jedem Tag mehr nähern: Hölderlins 250ter Jubiläumsgeburtstag 2020.

 

(Die Veranstaltung wurde unterstützt vom Literaturland Baden-Württemberg)Logo Literaturland BW

 

Text: Franz Kosel

Fotos: Gerlinde Endriß