Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 24.06.2019

Durchkreuzte Lebensentwürfe

Braucht es Gedenktage? Wer sich am vergangenen Fronleichnam-Nachmittag auf den Weg zum „Posten 47“ gemacht hat, der Kreuzung Bahnhofstraße/Siedlerstraße, wird diese Frage klar und eindeutig mit „Ja“ beantworten. Vor exakt 60 Jahren gab es dort noch keine Bahnunterführung und keinen Weltmarktführer Schunk, an dessen Westeingang Mitarbeiter und Vorbeifahrende von einem Kunstwerk des Ravensburger Stahlbildhauers Robert Schad begrüßt werden. Damals vor 60 Jahren begegneten sich dort täglich 2.000 Autos, LKW und Busse sowie über 100 Züge der Deutschen Bundesbahn an einem schienengleichen Bahnübergang, voreinander geschützt nur durch eine Schrankenanlage, die immer wieder von einem Schrankenwärter mechanisch bedient werden musste. Er hatte zur Kontrolle der Fahrtzeiten nur seine eigene, private Armbanduhr, ein automatisch auslösendes Signal, das auf anfahrende Züge hinwies, war technisch vorbereitet aber noch nicht installiert. So konnte es zu einem Zusammentreffen menschlichen Versagens kommen, das 45 Frauen, Männer und Kinder das Leben kostete.

 

 Feierstunde 60 Jahre Busunglück

Die Schranke war noch offen an diesem Samstagabend um 17.32 Uhr, der Eilzug 867 Tübingen/Stuttgart/Würzburg anders als üblich mit einer besonders leistungsstarken Lokomotive bestückt. Der Weg von Kirchheim nach Lauffen konnte schnell zurückgelegt werden. Schrankenanwärter Merckle begann die Schließung der Schranken, als der Zug schon zu sehen war. Ein Mercedes-Fahrer schaffte es gerade noch rechtzeitig, die zu späte Schließung zu nutzen und „durchzuwitschen“, das spornte offensichtlich auch den Omnibusfahrer der Firma Ernesti an, der im Auftrag der Deutschen Bundesbahn mit 71 Reisenden zum Bahnhof Lauffen unterwegs war. Er wollte das auch noch schaffen und bezahlte diesen unverantwortlichen Leichtsinn mit seinem und 44 weiteren Leben.

 

Dabei, das machte Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger deutlich, liegt die Schuld nicht nur beim dem 45-jährigen 4-fachen Vater, der die Schrankenanlage zu verantworten hatte. Hätte der Mercedes gewartet, wäre auch der Bus nicht mehr gefahren, drei Männer, drei fatale Entscheidungen. Und auch die Deutsche Bundesbahn kann nicht aus der Verantwortung gelassen werden, so der Bürgermeister. Zwischen 100 – 150 Tote gab es in diesen Jahren in der Republik an schienengleichen Bahnübergängen zu beklagen. Wenn der Unfall in Lauffen etwas bewirkt hat, dann ein Umdenken der Bahn-Verantwortlichen in Richtung Sicherheitstechnik, bessere Ausbildung und technische Ausstattung der Schrankenwärter und einen zügigen Umbau der schienengleichen Bahnkreuzungen durch Unterführungen.

 

Für die Toten und Verletzten des 20. Juni 1959 kam all dies zu spät, es kann die zahlreichen Angehörigen, die an der Zusammenkunft an Fronleichnam zum Unfallort kamen, nicht trösten. Das gelang eher Pfarrer Michael Donnerbauer, der in seinen Worten zu dem neu angebrachten Metallkreuz am Gedenkstein auf die Symbolik des Kreuzes hinwies. Es kann auch Zeichen dafür sein, wie ein Lebensentwurf in Sekundenschnelle durchkreuzt wird, wie Leben ausgelöscht werden, Partner, Kinder durch den Tod des nahen Angehörigen die Zukunft neu denken müssen, auf ganz brutale Weise. Und wie einem dadurch das Geschenk des Lebens miteinander bewusst wird, dieses Miteinander zu genießen und positiv zu gestalten, keine Zeit verstreichen zu lassen. Auch um sich selbst damit wieder zu beschäftigen, dafür braucht es Gedenktage wie den 20. Juni am Posten 47 in Lauffen am Neckar.

 

Bildunterschrift:

60 Jahre Busunglück - Gerhard Löw spendete ein neues Metallkreuz für den Gedenkstein an die Opfer vom 20. Juni 1959

 

 

Foto: Helga El-Kothany

Text: Klaus-Peter Waldenberger