Virtueller Lauffener Bote

Aktuelle Nachrichten

Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 29.07.2019

War Hölderlin verrückt?

Eine Veranstaltung des Hölderlin-Freundeskreises

 Hölderlin-Freundeskreis Logo

 

Diese Frage konnte auch bei der am Sonntag, 21. Juli, im Klostergarten neben dem Hölderlin-Denkmal durchgeführten Lesung mit dem Neuropharmakologen Dr. Reinhard Horowski aus dessen Buch „ Hölderlin war nicht verrückt“  nicht geklärt werden.

Die Mehrzahl der sich mit der Erkrankung Hölderlins beschäftigenden Psychiater diagnostizieren eine Schizophrenie. Horowski dagegen geht in seiner Streitschrift von einer Vergiftung Hölderlins durch die Behandlung in der Autenriethschen Klinik

in Tübingen im Jahr 1806 mit dem Medikament Kalomel, einer Quecksilberverbindung, aus, wobei er Autenrieth beste Absicht unterstellt.

 

 

Durch ein weiteres verabreichtes Medikament (spanische Fliege – Cantharidin) konnte dieses Gift – so Horowski - in das Gehirn Hölderlins gelangen und die typischen neurologischen Symptome auslösen, wie verlangsamtes Denken, Gedächtnisstörungen, schwere Müdigkeit,

Schlafstörungen mit Tag- Nacht- Umkehr und allgemeine Depression. Hinzu kommen typische Veränderungen im Sozialverhalten, wie plötzliche und unbegründete Wutanfälle, generell erhöhte Reizbarkeit und Schüchternheit – Verhaltensstörungen wie sie bei

Hölderlin vorlagen. Horowski gibt aber zu, dass er sich mit der Idee einer Kalomel-

Vergiftung in den Bereich der Spekulation begebe. Seine Annahme könne aber – falls sich in irgendeinem Museum noch eine Haarlocke Hölderlins befinde  – verifiziert werden durch die Untersuchung eines einzigen Haares. Schließlich dürfe bei der Betrachtung von Hölderlins Verhalten die bei der Autopsie  beschriebene Aortenklappen-Stenose nicht außer Acht gelassen werden, die ihn sicherlich nachts wegen eines qualvollen Erstickungsgefühls zum Aufstehen und einem Aufenthalt an der frischen Luft gezwungen habe, wie dies von Ernst Zimmer berichtet wurde.

 

Am Ende der Veranstaltung stellte sich die Frage: Spielt es eine Rolle, ob Hölderlin gesund

oder krank war? Ist Hölderlin nicht vielmehr das, was seine Gedanken, sein Werk in uns

bewirken?

 

Text: Gerlinde Endriß

 

Nachtrag: Meine Recherchen  haben ergeben, dass das Hölderlin-Archiv in Stuttgart nicht  – wie von Horowski  vermutet  - im Besitz einer Haarlocke Hölderlins ist. Vielmehr befindet sich

im Deutschen Literaturarchiv in Marbach eine seidene Brieftasche mit einer Locke, die Hölderlin zugeschrieben wird, deren Datum mir jedoch nicht genannt werden konnte.

 

Die Veranstaltung wurde gefördert  vom Literaturland Baden-Württemberg.

 Logo Literaturland BW