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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 29.08.2019

Ein Verbrechen an der Jugend eines Landes

SchülerInnen der Hölderlin-Realschule besuchen die Schlachtfelder bei Verdun

Es ist ein schrecklicher Anblick für einen jungen Menschen, die Gebeine von 130.000 Soldaten im Keller des Beinhauses von Douaumont, der nationalen Gedenkstätte bei Verdun. Man muss in die Hocke gehen, um durch kleine Fensteröffnungen auf Schädel, Rippen und Knochen zu blicken. Zuvor waren die Schülerinnen und Schüler in der großen Halle des Beinhauses gewesen, hatten die unzähligen Namenstafeln der Gefallenen gelesen, Männer, die meisten gerade einmal zwanzig Jahre alt, haben ihr Leben für die Grand Nation geopfert, sind für Frankreich gestorben. Ein Verbrechen an der Jugend eines Landes, sei es Deutschland oder Frankreich.

 Verdun Schülergruppe  Vorbereitung Volkstrauertag

Die Exkursionsgruppe vor dem Beinhaus von Doauamont

Bildunterschrift:  (Foto Ulrich Kammerer)

 

Was hat dieser Krieg mit dem Europa unserer Tage zu tun, wie setzt man sich als Jugendlicher mit den Ursachen und den schrecklichen Folgen des Ersten Weltkrieges auseinander, kann man daraus für sich persönlich Schlüsse ziehen – diese Fragestellungen hatten die Mädchen und Jungen zu beantworten, eine Woche lang. Am Montag der Projektwoche Mitte Juli die Vorbereitung, von Dienstag bis Donnerstag die Fahrt ins Nachbarland und am letzten Projekttag dann die Vorbereitung auf den 17. November 2019. Dann wollen sie gemeinsam mit Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger die Gedenkstunde zum Volkstrauertag auf dem Alten Friedhof unserer Stadt gestalten.

 

Der Bürgermeister hatte zusammen mit der Geschichtslehrerin Birgit Rossmann und der Lehrerin für Französisch, Nathalie Schulz die Exkursion vorbereitet. Am Dienstagmorgen kurz vor 8.00 Uhr war planmäßige Abfahrt in zwei Kleinbussen in Richtung Verdun und die Organisatoren waren gespannt darauf, wie die Jugendlichen das über 100 Jahre zurückliegende Thema verarbeiten. Der Start war schon einmal imposant – ein Besuch der Zitadelle in Verdun, letztlich eine im Boden versenkte Kaserne die sich auf dem Stadtplan beinahe so groß ausnimmt, wie die Stadt selbst. Kilometerlange unterirdische Gänge, Schlafsäle, Küchen, Backstuben, im Prinzip aber militärischer Alltag. Vor der Zitadelle ein Kunstprojekt mit großen schwarzen Tafeln, die um Bäume herum gruppiert waren – spontan wurden die Lauffener initiativ, beteiligten sich mit dem Bemalen einer Tafel an dem Kunstprojekt vor der mächtigen Zitadelle.

 Verdun Schülergruppe  Vorbereitung Volkstrauertag

 

Bildunterschrift: Lauffener für ein friedliches Europa – ein Kunstprojekt vor der Zitadelle von Verdun  (Foto K.P. Waldenberger)

 

Der Haupttag der Exkursion war aber der Mittwoch, der Besuch der Nationalen Gedenkstätte von Douaumont, dem Dorf Fleury und des Memorial de Verdun ganz in der Nähe von Fleury. Ein Beinhaus, ein Nationaldenkmal, das einem in die Erde gerammten Schwert nachempfunden wurde, tausende im Raster stehende weiße Kreuze mit einem kleinen Rosenstrauch davor.

 

Staunend standen die Jugendlichen vor den wuchtigen Denkmalen, die nicht-christlichen Glaubensangehörigen gewidmet sind, den jüdischen Kämpfern und den Soldaten mit muslimischem Glauben. Hebräische und arabische Schriftzeichen erinnern daran, dass zum Beispiel auch viele Menschen aus den nordafrikanischen französischen Kolonien in den Stellungskriegen vor Verdun starben – MORTS POUR LA FRANCE. Und auch wenn heute ein Wald aufgegangen ist über dem ehemaligen Ort Fleury devant Douaumont – die kleinhügelige Oberfläche besteht ausschließlich aus Kratern, kleinen Aufschüttungen. Darunter, so kann man es auf dem historischen Rundweg nachlesen, viele ehemalige Bauernhöfe, eine Schmiede, ein Rathaus, eine Kirche – nichts davon ist mehr zu sehen. Es gibt diesen und andere Orte rund um Verdun nur noch in der Erinnerung. Dann, zum Schluss der Begehung das Memorial, ein nagelneues, museumspädagogisch aktuelles Museum, in dem die Schrecken des Stellungskrieges drastisch nachempfunden werden, massenweise verkrüppelte Männer, entstellte Fratzen, die aus hilflosen Gesichtsoperationen entstanden sind und der Schrecken, den der Krieg für die Zivilbevölkerung mit sich bringt – aber auch: was hat der Glauben für diese Männer in Ihrem Einsatz bedeutet, wie konnten sie in diesem Horror ihre Religion praktizieren – beeindruckend.

 

Es war schon später Nachmittag – nach diesen Erlebnissen passte der nächste Programmpunkt ganz gut – bei schönstem Sonnenschein eine Bootsfahrt durch Verdun und die Umgebung auf der Meuse, Stadtansichten vom Fluss aus sowie wunderbare Landschaften und auch eine handbetriebene Schleuse. Dann aber stand am nächsten Morgen schon die Rückfahrt nach Lauffen an. 20 Kilometer nördlich von Verdun hatte der Bürgermeister noch einen Zwischenstop vorgesehen – der  deutsche Soldatenfriedhof in Consenvoye, auf dem auch Francois Mitterand und Helmut Kohl bereits die gefallen deutschen Soldaten ehrten. Etwa 11.000 Deutsche sind dort bestattet, so viele Menschen, wie unsere Stadt Einwohner hat und die Kreuze der Gefallenen sind nicht weiß sondern schwarz. Es ist Kriegsbrauch, den Gefallenen des Gegners eine Grabstätte nicht zu verweigern, der Friedhof sollte sich aber eindeutig unterscheiden – so kam man zu der Regelung mit schwarzen Kreuzen und Steinplatten.

 

Verdun Schülergruppe  Vorbereitung Volkstrauertag

 

Bildunterschrift: Die schwarzen Kreuze von Consenvoye (Foto K.P. Waldenberger)

 

Damit es keine weißen und schwarzen Kreuze mehr braucht wurde der europäische Einigungsprozess eingeleitet, er hat zu einem Staatenbund mit zumindest teilweiser Währungsunion geführt. Eine starke Gemeinschaft. Wer die Schlachtfelder von Verdun besucht hat kennt den Preis des Nationalismus und des staatlichen Egoismus.

 

Es wird sich nun zeigen, welche Erkenntnisse die Realschüler mitgenommen haben, was sie uns zu sagen haben beim Volkstrauertag im Alten Friedhof unserer Stadt. Ein großes Dankeschön den Lehrerinnen aber auch Ulrich Kammerer, der sich bereiterklärt hatte, den zweiten Bus zu fahren und die Gruppe auf Ihrer Reise in die dunkle Vergangenheit unseres vereinten Europa zu begleiten.