Anmelden

zurück zum Stadt‑PortalRubrikenübersichtAktuelle NachrichtenKomm! Ins Offene! Der Hölderlinfreundeskreis zu Gast im Haus Schunk

Virtueller Lauffener Bote

Archiv: Aktuelle Nachrichten

Dieser Artikel befindet sich im Archiv!

Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 11.12.2019 – 30.01.2020

Komm! Ins Offene! Der Hölderlinfreundeskreis zu Gast im Haus Schunk

Der musikalisch-poetische Abend mit Wolfgang Jellinek war ein schöner Abschluss des Jahres und ein Versprechen für das Hölderlinjahr 2020

Es war ein verheißungsvoller Schluss und ein ebensolcher Auftakt für das Hölderlinjahr 2020, der musikalisch-poetische Abend „Komm! ins Offenen!“ von und mit dem Geiger Wolfgang Jellinek. Dass der Veranstalter, der Hölderlinfreundeskreis e.V., dafür die großzügige Gastfreundschaft des Hauses Schunk, bzw. von Heinz-Dieter Schunk, genießen durfte, machte den Abend nochmal zum Erlebnis. Jellineks Auftritt, das zeigte sich bald, war zwar eine „one-man-show“, aber eben besonderen Art. Und gleich zu Beginn gab es sogar noch eine Überraschung, als er daran erinnerte: Hölderlin konnte auch Musik! Er spielte Klavier und immerhin so gut Flöte, dass ihn sein Lehrer Friedrich Ludwig Dulon beauftragte, eine Kadenz für den ersten Satz seines Flötenkonzertes zu komponieren. Die gab es dann auch – auf der Geige – zu hören. Gustav Schwab berichtete, wie Hölderlin auch noch im Tübinger Turm musizierte und u.a. zu seinem Lieblingslied „Mich fliehen alle Freuden“ von Paisiello auf dem Klavier improvisierte. Eine bessere Einstimmung für das, was noch kommen sollte, konnte es also kaum geben.

Jellinek Konzert im Hause Schunk Foto: Klaus-Peter Waldenberger

Jellinek richtete seine Wahl der Musikstücke, bekannter und auch weniger populärer Kompositionen bis in die Jetztzeit, an bekannten Passagen von Gedichten Hölderlins aus, inhaltlich aber auch vom Metrum der Verse und der Musik bestimmt. Die Kombination „Hölderlin und Musik“ ist reizvoll, aber auch herausfordernd, bei einem Dichter, dessen Sprache schon „Musik“ ist, geht es um mehr als Melodie. Jellinek traf die Wahl mit Einfühlungsvermögen, nachvollziehbar, wagte aber auch fast provokante Brüche. Für das so vielzitierte „Komm, ins offene Freund!“ wählte er Cesar Bresgens (1913 – 1988) „Fantasia nach Themen von Bach“, für die zitierte erste Strophe aus dem nicht weniger populären „Hyperions Schicksalslied“ dann Franz Bibers „Passacaglia“. Die Passacaglia. ein Schreittanz und eine Variationsform des Barock mit oft festgelegten Akkordfolgen, wirkt dabei geradezu wesensverwandt zum Takt von Hölderlins Versen. „Wesensverwandt“ waren auch  die Textpassagen aus Gisela Franks „Holz“, einem Spiel um Friedrich Hölderlin), die ausgewählte Szenerie war ein teils mit „ausgedachten“, teils mit Orignaltexten gestaltetes Gespräch Hölderlins als Stiftler unter Stiftlern. Die darin angesprochene „Unzertrennlichkeit der Geister“ nahm Jellinek in seinem virtuosen Vortrag von Bachs „Ciaccona“ aus der Partita d-moll (BWV 1004) auf, auch ohne Scheu vor den Rauheiten im Spiel, wie zuvor auch schon bei Josef Matthias Hauers (1883 – 1959) „Harte Auseinandersetzung aus den Sieben Stücken op. 56).

 

Der Tübinger Komponist und Kirchenmusiker Gerhard Kaufmann (geb. 1944), Träger mehrerer Komponistenpreise, u.a. des Verbandes Evangelische Kirchenmusik Württemberg, war unter den Gästen, als Jellinek zum Abschluss dessen „Variationen den Frieden, den großen Frieden, herbei zu singen“ vortrug. Kein einfaches Stück, Virtuose und Zuhörer sind gefordert bei dem „langen Lied“, wie es der Komponist nennt. Es ist keine Selbstverständlichkeit bei Konzerten von zeitgenössischer Musik ein so angespannt und konzentriert lauschendes Publikum zu haben wie hier im Haus „ZEUS“ bei Schunk. So zeigte der Abend dann auch auf diese Weise, dass und wie Hölderlin heute und immer wieder auf neues Verstehen stößt. Das war nicht nur für den Veranstalter und für Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger der schon besagte „gute Schluss“, es zeigte sich auch, wie die Messlatte für das angesetzt ist, was 2020 noch alles erwartet werden kann.

 

Text: Brigitte Fritz-Kador

Fotos: Klaus-Peter Waldenberger