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Aktuelle Nachrichten | Rutz, Gerald | 03.02.2020 – 27.02.2020

Ein optimistischer Blick in die Zukunft – trotz Wandel

lauffen will es wissen!

lauffen will es wissen 2020 Prof. Dr. Gisela Lanza Produktionsstandort

Die erste Veranstaltung der „lauffen will es wissen!“- Vortragsreihe im Jahr 2020, die wieder von Wolfgang Hess moderiert und von der Firma SCHUNK-Spann und Greiftechnik freundlich unterstützt wurde, beschäftigte sich mit dem Produktionsstandort Deutschland. Trotz Regen und Kälte, kamen knapp 200 Besucherinnen und Besucher in die Lauffener Stadthalle. Die Besucherzahl war sogar so groß, dass zusätzlich aufgestuhlt werden musste.

 

Bürgermeister Waldenberger freute sich sehr, Frau Professor. Dr. Gisela Lanza, die seit 2012 Inhaberin des Lehrstuhls für Produktionssysteme und Qualitätsmanagement des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), seit 2009 Direktorin des Global Advanced Manufacturing Institute in Suzhou (nahe Shanghai) und Trägerin des Bundesverdienstkreuz am Bande ist, am Dienstag vor einer Woche, in Lauffen a.N. begrüßen zu dürfen. Auch Wolfgang Hess, Initiator und langjähriger Moderator der „lauffen will es wissen“- Reihe, der nicht mehr der Konradin Mediengruppe angehört und wie Bürgermeister Waldenberger sagte, jetzt nur noch Mensch bzw. Bürger ist, freute sich sehr auf Professor Dr. Lanza und sparte bei seiner Einführung nicht mit Vorschusslorbeeren. Übrigens zu Recht, wie sich im Laufe des Vortrags herausstellte, denn die Produktionswissenschaftlerin Professor Dr. Lanza verstand es, den Zuhörern in  rund einer Stunde zu vermitteln, warum deutsche Unternehmen mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten müssen, wenn sie weiterhin Deutschland als Produktionsstandort erhalten wollen.

 

Die Ausgangsthese von Prof. Dr. Lanzas Vortrag war, dass sich das Bruttoinlandsprodukt, ein maßgeblicher Indikator für den Wohlstand eines Landes, nur durch einen Produktivitätszuwachs erreichen lasse. Dies ist zwar keine neue Erkenntnis, denn schon in den 80er Jahren besang die Band „Geier Sturzflug“ ironisch die Steigerung des Bruttosozialprodukts durch das Steigern der Produktivität jedes Einzelnen, „denn ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“. Der Unterschied zwischen damals und heute ist aber, dass die Industrieproduktion in Deutschland mittlerweile sehr stark auf Effizienz getrimmt und weitgehend, wie insbesondere im Fall der Automobilindustrie, automatisiert ist.

 

Eine Steigerung der Produktivität, so Lanza, lasse sich daher nur durch technologischen Fortschritt erreichen und die Digitalisierung ist dabei der essentielle Faktor zur Steigerung der technologischen Leistungsfähigkeit. Um es in Zahlen auszudrücken: mittels umfassender Digitalisierungsmaßnahmen könnte die Arbeitsproduktivität in Deutschland um 1,5 Prozent und die Produktions- und Ressourceneffizienz sogar um 3,3 Prozent pro Jahr steigen und gleichzeitig ließen sich 2,6 Prozent der jährlichen Kosten einsparen. Das Wertschöpfungspotential umfassender Digitalisierung in deutschen Unternehmen liege nach Lanzas Rechnung bei 425 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025. Allerdings muss in die Digitalisierung auch investiert werden und genau das tun viele Unternehmen, laut Lanza,  nicht.

 

lauffen will es wissen 2020 Prof. Dr. Gisela Lanza Produktionsstandort

Aber neben dem eher linearen technologischen Fortschritt, also von der Computerisierung, über die Automatisierung und Vernetzung, bis hin zu den heutigen Cyber-physischen-Systemen der Industrie 4.0, gibt es auch immer wieder disruptive Innovationen die zu technologischen Revolutionen führen. Für Lanza steht zum Beispiel fest, dass künstliche Intelligenz, eine disruptive technologische Innovation ist. Denn künstliche Intelligenz könnte als zusätzliches Werkzeug vielen Unternehmen weitere Effizienzgewinne ermöglichen. Schon heute kann künstliche Intelligenz, wenn Sie mit genügend Daten gefüttert und lang genug trainiert wird Marketingdaten analysieren, besser als jeder Arzt Krebs auf Röntgenbildern erkennen, Molekularstrukturen und Wirkmechanismen in der Arzneimittelforschung vorhersagen und Verträge auf Fehler und Widersprüche analysieren.

 

Auch auf den Fachkräftemangel hat die digitalisierte Industrie 4.0 Antworten parat. Um den Mangel abzumildern empfiehlt Lanza Mensch-Maschine Kollaborationen zum Beispiel mit Hilfe von Augmented Reality. Dabei werden strikt vorgegebene Arbeitsabläufe, statistische Daten, Toleranzen oder die Daten der Zustandsüberwachung von Maschinen mittels spezieller Augmented Reality Brillen oder über einen Bildschirm bzw. ein Tablett in das Sichtfeld von Arbeitern projiziert. So entfällt langwieriges Einlernen von neuen Mitarbeitern. Auch Maschinen und Menschen die sehr viele unterschiedliche Teile bearbeiten müssen, können entlastet werden, indem ihnen die genauen Arbeitsschritte für jedes neue Teil während des Arbeitsvorgangs parallel angezeigt werden kann.

 

In Kombination mit sogenannten LEAN-Management Methoden, also verkürzt gesagt möglichst schlanker und effizient gestalteter Produktionsprozesse und Wertschöpfungsketten wie zum Beispiel bei „just in time“- Produktion, kann laut Lanza der Einsatz von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und digitaler Vernetzung für mehr Transparenz und Produktivität sorgen. Ganze Produktionsketten, sogar über Staatengrenzen hinweg, wie zum Beispiel bei Zulieferern aus dem Ausland üblich, können dadurch effizienter sowie transparenter gestaltet und besser aufeinander abgestimmt werden.

Ein weiteres Handlungsfeld um Produktivitätszuwächse zu erzielen und Produktionsprozesse sowie Wertschöpfungsketten mittels moderner, neuer Technologien effizienter zu gestalten, sieht Prof. Dr. Gisela Lanza beim Thema Ressourceneinsatz. Auch hier kann der Einsatz moderner Technologien neue effiziente Kreisläufe zur Ressourcenrückgewinnung oder Ausschussvermeidung ermöglichen.

 

Letztlich zeichnet Prof. Dr. Gisela Lanza in ihrem Vortrag ein optimistisches Bild der schönen neuen digitalisierten, algorithmisierten und KI-gestützten Arbeitswelt 4.0. Optimistisch deshalb, weil der Einsatz von neuen fortschrittlichen Technologien wohl tatsächlich noch effizientere Produktionsprozesse und damit echte Produktivitätszuwächse und eine gesteigerte Wertschöpfung am Produktionsstandort Deutschland verwirklichen kann.

 

lauffen will es wissen 2020 Prof. Dr. Gisela Lanza Produktionsstandort

Anschließend an Lanzas Vortrag startete Wolfgang Hess die dieses Mal sehr stark besetzte Diskussionsrunde. Insgesamt standen zusammen mit Hess und Lanza sechs Personen auf dem Podium. Die vier Diskutanten waren Jonas Wagner und Christopher Schudt beide im Physik-Leistungskurs der 11. Klasse des Hölderlin-Gymnasiums Lauffen und sehr interessiert an einem Maschinenbau-Studium, sowie Paul Barreis und Samuel Dürrstein beide Auszubildende zum Mechatroniker im zweiten Lehrjahr bei der Firma Schunk GmbH & CO KG.

 

Gefragt haben die Diskutanten fleißig. Ob die Politik die Industrie mehr schützen und Firmenverkäufe ins Ausland, wie im Fall von KUKA, verbieten soll. Ob man die Menschen vor Künstlicher Intelligenz schützen soll. Wohin man sich zukünftig beruflich orientieren soll und wer größter Profiteur vom chinesischen Wirtschaftswachstum ist. Diese und viele andere Fragen, auch aus dem Publikum, beantwortete Gisela Lanza souverän. Bei der Frage, welche Gefahren  durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz aufkommen können, meinte Prof. Dr. Gisela Lanza nur: „Gefahren? Das überlasse ich Anderen“. Allerdings räumte Sie ein, dass die Einführung neuer Technologien natürlich auch Arbeitsplätze kosten, jedoch gleichzeitig auch neue schaffen würde.

 

Die nächste "lauffen will es wissen!"- Veranstaltung findet am Donnerstag, den 27. Februar, um 19.30 Uhr in der Stadthalle statt. Thema ist der knifflige Rückbau von Kernkraftwerken.

 

Was bei einem solchen Rückbau zu beachten ist und wie dieser gemanaged wird, trägt an diesem Abend von Prof. Dr. Sascha Gentes vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) vor. Sascha Gentes ist seit 2008 Professor für Technologie und Management des Rückbaus kerntechnischer Anlagen.

 

lauffen will es wissen 2020 Prof. Dr. Sascha Gentes Rückbau Kernkraft

 

Fotos: Gerald Rutz

Bild 1 von links nach rechts: Jonas Wagner, Christopher Schudt, Prof. Dr. Gisela Lanza, Wolfgang Hess, Paul Bareis, Samuel Dürrstein