Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 04.05.2020

Hölderlin ist einfach Balsam für die Seele

Terezia Berghe ist seit fünf Jahren Gästeführerin in Lauffen mit dem Spezialgebiet Friedrich Hölderlin

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Zwölf Lauffener

Auch im Jahr 2020 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils Menschen vor, die in Lauffen a.N. aktiv sind. Dieses Jahr geht es um Personen, die sich rund um den 250. Geburtstag von Hölderlin engagieren oder einen Beitrag zur Lese- und LIteraturförderung in unserer Stadt leisten. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Intervies. Lesen Sie in diesem Boten das fünfte Porträt des Jahres 2020.

 

Wenn Terezia Berghe schwärmt – und das kann sie so richtig von Herzen – dann geht es in erster Linie um Hölderlin, dann um ihr Umfeld in Lauffen und in letzter Zeit auch um ihr neues Gästeführerprojekt in ihrem Heimatland Rumänien. Ihr Abitur und ihre Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin  in ihrem Heimatland waren noch komplett Hölderlin frei. Zwar hat die von Donauschwaben abstammende Terezia in Lugoj ein deutschsprachiges Abitur gemacht, aber da standen „Schiller und Goethe im Vordergrund“. Heute ist  die begeisterungsfähige Gästeführerin ganz sicher: „Hölderlin ist besser als die Beiden“.

 

12 Lauffener: Berghe  Foto: Ulrike Kieser-Hess

 

Doch der Weg zum Lauffener Dichtersohn war dann doch etwas kurvig. Terezia Berghe arbeitete als Fremdsprachenkorrespondentin im Rathaus ihrer Heimatstadt, wechselte dann ins Gesundheitswesen und war als Krankenschwester sowohl pflegend wie planerisch 27 Jahre im Katastrophendienst tätig. „Kranken zu helfen, war mir immer ein wichtiges Anliegen, dem ich meine ganze Kraft gewidmet habe“, und so war der nächste Schritt die private Krankenpflege. Eine pflegebedürftige Tante in Obersulm gab den Ausschlag nach Deutschland zu gehen, Stuttgart war eine weitere Station auf dem Weg nach Lauffen, bis zur Begegnung mit Hölderlin. „Eigentlich war es nur eine ganz kleine Annonce“ erinnert sich Terezia Berghe lachend. Gästeführer wurden für Lauffen gesucht, aber schnell war ihr klar, „das möchte ich mal versuchen“. Da die Ausbildung für die Gästeführer schon am Laufen war, manche Seminare schon abgeschlossen, hieß es für die Neue büffeln. Sieben Bücher bekam sie, drei Monate hatte sie Zeit, sich mit Landes- und Stadtgeschichte, Literatur und Geographie zu beschäftigen. „Ich habe mich da richtig reingeschafft, wollte perfekt sein“. Am 22. Juli 2015 bei 32 Grad im Schatten hatte sie „Prüfung“ und es gab eine neue Gästeführerin. Eigentlich wollte sie am Anfang nichts mit Hölderlin zu tun haben, den Römischen Gutshof fand sie viel spannender, doch heute ist aus dem erst Verschmähten ihr absoluter Lieblingsdichter geworden, „wenn er über die Schönheit schreibt, ist das zum Dahinschmelzen“. Die Führungen und um das „tolle Mannsbild“ sind ihr die liebsten, wenn sie zwei Stunden lebhaft, mitfühlend, voller Hingabe erzählen kann von einem  Leben mit Höhen und Tiefen, man meint fast, sie hätte ihn persönlich gekannt, kennengelernt hätte sie ihn auf alle Fälle gern.

 

Terezia Berghe ist sich auch sicher, dass Hölderlin „richtig froh“ ist über die Aufmerksamkeit, die man ihm in Lauffen schenkt und für sie ist er „ein Mensch, der von allem etwas hat, jeden anspricht und topaktuell ist“. „Egal ob man glücklich oder traurig ist“, für jede Gemütslage empfiehlt sie Hölderlin: „man nimmt ein Büchlein mit Hölderlingedichten, geht in die Natur, schlägt es einfach irgendwo auf und findet sicher ein paar Zeilen, die man versteht. Er ist einfach Balsam für die Seele“.

 

Terezia Berghe, die „eigentlich alles mag“, vom Holzhacken übers Kochen bis zur Oper und dem Theater und „immer in Aktion sein muss“, betont, dass die freundliche, kollegiale Aufnahme, die unterstützende Art der anderen Gästeführer und der Stadt Lauffen, „ich bin wie adoptiert worden“, ihr den Einstieg und das Durchalten als Gästeführerin leicht gemacht hat. Mittlerweile gehören auch Kirchenführungen zu ihrem Repertoire und als Motto über alle Führungen schreibt sie: „Ich liebe was ich tue“. Mit ebenso viel Engagement hat sie jetzt in  südwestlichen Teil Rumäniens, entlang der Donau ein Gästeführernetzt aufgebaut und zwar speziell mit Jugendlichen von 15 bis 18 Jahren aus der Gegend, die begleitet von einem Erwachsenen dem dort noch etwas zurückhaltenden Tourismus Schwung geben sollen. Ihre Augen leuchten, wenn sie vom neuen Projekt erzählt, sie gestikuliert, beschreibt anschaulich und begeisternd, sodass man, wenn man ihr so zuhört automatisch schaut, wo der Anmeldebogen für die Reise ist, natürlich nach Corona.

 

Text und Foto: Ulrike Kieser-Hess