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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 05.08.2020

Wie ein tollkühnes Wagnis zum Bestseller wurde

Der in Lauffenen geborene Robert Gradmann gilt als Vater der Ökologie

Auf der Heilbronner Strasse in Lauffen, die heute eher als geruhsam gilt, war im 19. Jahrhundert so richtig was los. Zahlreiche  Geschäfte und vor allem Gaststätten säumten die belebte Straße, man flanierte, man traf sich, Fuhrleute benutzten den Weg nach Heilbronn. Auch der Kaufmann Adolf Gradmann eröffnete dort 1863 in Nummer 9 seinen Laden und auf den Treppenstufen davor saß besonders gerne sein 1865 zweitgeborener Sohn Robert, der fasziniert dem geschäftigen Treiben zuschaute. Mit fast fünf Jahren war es für den interessierten Robert dann allerdings schon vorbei mit der Beschaulichkeit. Die Familie zog, der besseren Bildungschancen wegen, nach Stuttgart und Robert besuchte dort eine Privatschule, die Fünfjährige aufnahm. Realgymnasium und Klosterschulen folgten auf dem Weg zum Theologiestudium.

 

Geburtshaus Robert Gradmann (Foto: Ulrich Seidel, 08/2018)

Geburtshaus Robert Gradmann Foto: Ulrich Seidel

 

Sein Weg führte den Jugendlichen aber immer wieder auch in die Natur. Er wanderte so richtig gern und mit seinem älteren Bruder legte er eine Käfersammlung an, die etwa 100 Arten umfasste. Mit 13 begann er ein Herbarium. Das Studium war ihm dann später nicht ganz so wichtig, war er doch begabt, aber im gleichen Maße wohl auch faul. Seine Abwesenheit in Vorlesungen nannte er „die süße Gewohnheit des Schwänzens“.

1891 trat der dennoch examinierte Theologe – seine Arbeit wurde sehr positiv bewertet - seine erste Stelle in Forchtenberg an. Er hatte Julie Tritschler eine Gastwirtstochter aus Tübingen geheiratet und die Kinder Hans und Gretel kamen in Forchtenberg zur Welt. 1901 wechselte Gradmann seinen Job und zog mit seiner Familie nach Tübingen, wo er eine Stelle als Universitätsbibliothekar antrat. Der Lohn dieser Arbeit war zumindest finanziell nicht so üppig und Gradmann besserte mit Buchbesprechungen und Artikeln für Zeitschiften  die Haushaltskasse auf. Im Zuge dieser Arbeit bekam er vom Albverein den Auftrag, einen Pflanzenführer der Schwäbischen Alb zu verfassen. Für ihn, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, „ein tollkühnes Wagnis“. Fünf Jahre Arbeit steckte er in das Werk, das bis heute noch als richtungsweisend für Kartierung und Beschreibung wildlebender Pflanzen gilt und die natürlichen Zusammenhänge zwischen  den Pflanzenarten erläutert. 1898 erhielt er dafür die Doktorwürde der Uni Tübingen und den Beinahmen „Vater der Ökologie“.

Die Aufgabe, den geografischen Teil einer Landesbeschreibung zu übernehmen folgte und dann die Lehrerlaubnis (Habilitation) der Uni Tübingen in Geografie. 1919 wurde er auf einen Lehrstuhl nach Erlangen berufen. Von dort schwärmt er in seinen Erinnerungen. „Was kann es für einen Mann der Wissenschaft Befriedigenderes geben, als sich der freien Forschung zu widmen und zugleich im Umgang mit einer frischen und empfänglichen Jugend sein Wissen und Können weiterzugeben“.

 

Robert Gradmann

 

Seine damals neuartige ganzheitliche Sicht auf Vegetation, Gesteinsschichten, Landschaftsformen und Besiedlungsräume machten ihn zu einem berühmten Geografen mit einer neuen Art landeskundlich zu denken.

1931 veröffentlichte er seine zweibändige Landeskunde Süddeutschlands.

Vortragsreisen führten ihn nach Griechenland, Kleinasien  und Ägypten, wo er reimte „Hier sitze ich in der Sahara. Kamele sieht man hier und da. Der Durst ist groß, die Sonne grell, ach säß ich doch im Kommerell“. Das Cafe Kommerell war in Tübingen, wo Robert Gradmann neben Sindelfingen seine letzten Lebensjahre verbracht hat. Er starb 1950 im Alter von 85 Jahren. Sein Grab ist auf dem Tübinger Stadtfriedhof.

 

Von Lauffen und Umgebung schwärmt Robert Gradmann: „Richtig ist es, dass ich mich nirgends so heimisch fühle, wie in der Muschelkalklandschaft des wirttembergischen Unterlandes. Ich habe eben auch später mein geliebtes Heimatstädtchen immer wieder besucht und habe sein Bild ins Herz geschlossen“.

 

Text: Ulrike Kieser-Hess