Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 31.08.2020

Literatur als Lesevergnügen und Stoff für interessante Gespräche

Diese Erfahrung Menschen nahezubringen und erleben zu lassen ist das Anliegen des ehemaligen Lehrers Franz Kosel vom Hölderlin-Gymnasium.

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Zwölf Lauffener

Auch im Jahr 2020 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils Menschen vor, die in Lauffen a.N. aktiv sind. Dieses Jahr geht es um Personen, die sich rund um den

250. Geburtstag von Hölderlin engagieren oder einen Beitrag zur Lese- und Literaturförderung in unserer Stadt leisten. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Interviews. Lesen Sie in diesem Boten das neunte Poträt des Jahres 2020.

 

 

35 Jahre Leiter eines Lesekreises, über 200 besprochene Bücher aus unterschiedlichsten Epochen und von unterschiedlichen  Autoren machen deutlich, mit welchem Engagement und Freude er sich der Leseförderung verschrieben hat. Als Dreijähriger  war er 1946 nach der Vertreibung aus Südmähren mit seinen Eltern erst ins Weinsbergertal gekommen, dann ins für ihn ungeliebte Böckingen,  „wo die Kinder noch in den Ruinen Krieg spielten“. Da stellten die Freude am Lesen und sein Dienst als Ministrant eine Gegenwelt dar, die den Jungen  geprägt hat. Lachend erinnert er sich an die  ersten Romane, die er damals verschlungen hat, Ludwig  Ganghofers „Der Jäger von Fall“ und  „Die Martinsklause“.

Nach dem Abitur am Justinus-Kerner-Gymnasium studierte er Deutsch, Geschichte und katholische Theologie in Tübingen mit einem kurzen Abstecher nach Wien. Die kulturträchtige Stadt an der Donau hat ihm gutgetan und ihm mit Theater und Oper neue literarische und musikalische Erlebniswelten erschlossen. Mit Hölderlin hat er sich im Studium nicht speziell beschäftigt. Er war ihm aber bereits in der Schule begegnet, wo er, als jeder sein Lieblingsgedicht vorstellen sollte, Hölderlins „Andenken“ vortrug. „Es war die unerklärliche Magie dieser Sprache, die mich faszinierte, und sein bewegendes Schicksal, das hinter dieser Dichtung stand.“

 

1972 bekam er am Hölderlin-Gymnasium seine erste Lehrerstelle, Schwerpunkte: Religion und Deutsch. Neben dem Unterricht führte er damals zahlreiche Theaterfahrten mit Schülern nach Heilbronn durch. „Intendant Klaus Wagner war ein Glücksfall für Heilbronn. Sein vielseitiges Repertoire und seine kluge, am Zuschauer orientierte Aufführungspraxis waren  gerade auch für Jugendliche ideal.“ 1985 schließlich wurde der Literaturgesprächskreis ins Leben gerufen und Lehrer Kosel freute sich, „dass ich das, was ich gerne mache, nämlich mich mit Literatur zu beschäftigen, auch mal außerhalb der Schule mit Erwachsenen und ohne Lehrplan tun konnte“. Es sollte ein wirklicher Gesprächs-Kreis sein, in dem jeder, so er will, seine Eindrücke von dem Gelesenen äußern kann.  Im Zeitraum eines Winterhalbjahres werden sechs Titel gelesen und besprochen. Sie sind einem Rahmenthema zugeordnet, so dass inhaltliche Bezüge wie auch Unterschiede zwischen den Werken erkennbar werden. „Es ist interessant, wie vielfältig und unterschiedlich Texte  wahrgenommen werden und wie groß der Ertrag für das eigene Verständnis des Werkes dabei ist.“ Nicht die Vorbereitung der einzelnen Sitzung stellt für ihn inzwischen die anstrengendste, aber auch wichtigste Aufgabe dar, sondern die Auswahl der zu lesenden Titel. „Auf dem heutigen Buchmarkt wird es zunehmend schwieriger zu erkennen, was wirklich lesenswert ist.“  Nur einmal ist Franz Kosel mit einem Buchvorschlag komplett durchgefallen: „Es war der satirische Blick in ein  Frauenmagazin für  Kosmetik und Mode“. Ansonsten liest sich die Leseliste des Literaturkreises, der zur Zeit im „Senfkorn“ beheimatet ist, wie eine Empfehlungsliste nach dem Motto: „Diese Bücher sollten Sie gelesen haben“.

 

Seit 2011 ist Franz Kosel im Vorstand des Hölderlin Freundeskreises und dies sehr gern. „Die Entwicklung in Lauffen in Sachen Hölderlin macht mir große Freude“. Bei den Exkursionen des Freundeskreises zu verschiedenen Hölderlinorten  war er Mitorganisator  und konnte dabei seine Erfahrungen bei Planung und Durchführung von Städtereisen des Albvereins nutzen. „Viele in Lauffen“, so gibt er zu bedenken, „machen sich nicht klar, welche Chancen für die Stadt das Hölderlinhaus darstellt. Schließlich besitzt der Ort nun eine zusammenhängende Kulturmeile, die vom Kreisverkehr bis zum Kiesplatz führt, der mit Fluss, Brücke, Burg, Weinberg und urwüchsiger Natur eine Topographie bietet, die sich auch bei Hölderlin  findet.“  Lauffen könnte erreichen, „was  Marbach gelungen ist, dass nämlich der Ortsname mit dem Namen des Dichters im Laufe der Zeit für immer mehr Menschen eine enge Verbindung eingeht.“  Als vor kurzem in einer bekannten Fernseh-Quizsendung nach „der Wein- und Hölderlinstadt in Deutschland“ gefragt wurde, hieß  die richtige Antwort bereits: Lauffen am Neckar.          

 

Text und Foto: Ulrike Kieser-Hess