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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 02.09.2020

Wie ein Spaziergang durch einen literarischen Garten

Ministerpräsident Winfried Kretschmann begann seine diesjährige Sommertour durchs Land im Lauffener Hölderlinhaus

Seine Begleiter waren nicht beunruhigt, lösten keinen Alarm aus, als Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Montag im Lauffener Hölderlinhaus für einige Zeit in einem dunklen Raum verschwand aus dem eine unbekannte Männerstimme klang.  Denn alle wussten ja, der Politiker aus Stuttgart war zu Gast bei Hölderlin und lauschte dort drinnen seinem Gedicht „Der Mensch" und fühlte sich „wie bei einem Spaziergang durch einen literarischen Garten“.

 

Der Erlebnisraum Gedicht ist eine der interessanten Stationen in dem Haus, in dem Hölderlin in seiner frühen Kindheit lebte und das seit dem 2. Juli in Betrieb ist. Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger begrüßte Kretschmann im neuen Trakt der Museumsstätte, die durch eine gelungene ideelle  und finanzielle Zusammenarbeit von Land, Kommune und privatem Finanzier in zweijähriger Arbeit zu, so Winfried Kretschmann, „ einem echten Kleinod geworden ist“.

 Ministerpräsident Kretschmann im Hölderlinhaus

Bildunterschrift: Klaus-Peter Waldenberger begrüßt den Ministerpräsidenten im Beisein von Ehrenbürger Heinz Dieter Schunk

 

Der Bürgermeister lobte vor allem das großenteils ehrenamtliche Engagement derer, die im Haus mit ihrer Mitarbeit helfen, Literatur zu vermitteln. Für ihn war und ist es wichtig bei allen Auflagen, die eine Pandemie nötig macht, „das Freibad aber auch soweit wie  möglich Kultureinrichtungen zu öffnen“. Damit war er auch mit Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch einig, die betonte, wie wichtig es sei, Kultur vor Ort erleben zu können und kulturelle Angebote in die Breite zu bringen. „Dann braucht man nicht groß nach Stuttgart zu fahren“.

 

Den Menschen Friedrich Hölderlin in seiner Gesamtheit und nicht nur als Dichter den Besuchern nahezubringen, das ist Anliegen der Ausstellung im Hölderlinhaus, die die Leiterin des Hölderlinhauses  Eva Ehrenfeld kuratiert hat und durch die sie Ministerpräsident Kretschmann und Landrat Detlef Piepenburg führte. In einzelnen Räumen begegneten die beiden Politiker verschiedenen Facetten eines Dichterlebens, lernten den Sohn und den Liebhaber, den Bruder, den Politiker und den Freund kennen, und das alles belegt mit Briefzitaten, „wir wollen den Dichter selbst sprechen lassen“, so Eva Ehrenfeld. Die einzelnen Räume, unterschiedlich gestaltet, führen so durch ein Leben, dessen Schwerpunkt in Lauffen auf dem jungen Hölderlin liegt.

 

„Das Zimmer mit den Kulissen hat mir besonders gut gefallen“, resümierte Winfried Kretschmann. Wie im Theater soll dieser Raum symbolisieren, dass auch im realen Leben das Leben vor und hinter den Kulissen nicht immer deckungsgleich ist. Kleine Stellen im Haus, die man bei der Renovierung in ihrem ursprünglichen  Zustand belassen hat, sollen dem Besucher einen Blick in die Vergangenheit ermöglichen  und man ist in Lauffen stolz, dass man den einzigen authentischen Hölderlin-Ort besitzt. Den Ort, so Architektin Dr. Elke Nagel, „an dem Hölderlin wohl rumgekrabbelt ist“.

 Ministerpräsident Kretschmann im Hölderlinhaus

Bildunterschrift: Eva Ehrenfeld, Leiterin des Hölderlinhauses führt Ministerpräsident Winfried Kretschmann durch die Ausstellung

 

Statt eines Eintrags in Gästebuch kann man im Hölderlinhaus dem Dichter eine Karte schreiben. Sicherlich hatte der Ministerpräsident auf seiner Sommertour keine Zeit Karten zu schreiben, aber in Worte konnte er sein Lob trotzdem fassen: „das ist ein sehr, sehr gelungenes Werk, Chapeau“. Und er ist fasziniert, „dass Sprachkunst nach 200 Jahren immer noch berührt, ergreift, uns was sagt“. Für ihn ist der Museumsbesuch dann ein Erfolg, wenn „dort Hölderlin lebt“. Viele haben zum Gelingen der Renovierung beigetragen, betonte der Ministerpräsident und hätten dadurch gezeigt, was auch in der momentanen Krise wichtig ist: „im Zusammen liegt unsere Zukunft“.  Klug und kreativ hätten sich die Menschen in der Krise gezeigt und, wie man am Hölderlinhaus sähe, sich auch nicht aufhalten lassen. Für ihn, der appelliert, dass Demokratie nur funktionieren kann, wenn man gemeinsam sich auf Tatsachen einigt, gilt sein „Vertrauen auf Menschen mit kreativen Kräften, die den Mut haben, die nächsten Schritte gemeinsam zu gehen“. „Komm ins Offene, Freund“, formuliert hier Hölderlin für Winfried Kretschmann „kurz und knackig“ genauso wie mit der Hoffnung, „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Das Rettende wird in unserer Zeit, so der Ministerpräsident, der Impfstoff sein.

 Ministerpräsident Kretschmann im Hölderlinhaus

Bildunterschrift: Götz Schwarzkopf singt aus dem Musical Hölder das Lied "Der Wanderer" , begleitet von Carlotta Waldenberger am Klavier

 

Bürgermeister Waldenberger gab dem Stuttgarter Regierungschef noch die Bitte mit auf dem Weg, dass Hölderlin wieder in die Lehrpläne der Gymnasien und Realschulen im Land aufgenommen werde. Das Team des Hölderlinhauses wird in dieser Beziehung schon selbst aktiv, denn jede Lauffener Schulform und jede Klassenstufe bekommt einen Tag im Hölderlinhaus ganz für sich, um den Menschen, der einer von ihnen gewesen sein könnte, der aber auch ein großer Dichter war, kennenzulernen.

 

Text und Foto (1): Ulrike Kieser-Hess

Fotos: Waldenberger, Spieth