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Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 05.10.2020

Form und Farbe vermitteln einen anderen Zugang zu bekannten Texten

Die Lauffener Künstlerin Rea Siegel Ketros bannt Worte auf Leinwand – Stellen aus Hölderlinbriefen bieten Inspiration

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Zwölf Lauffener

Auch im Jahr 2020 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils Menschen vor, die in Lauffen a.N. aktiv sind. Dieses Jahr geht es um Personen, die sich rund um den 250. Geburtstag von Hölderlin engagieren oder einen Beitrag zur Lese- und LIteraturförderung in unserer Stadt leisten. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Interviews. Lesen Sie in diesem Boten das zehnte Porträt des Jahres 2020.

 

12 Lauffener: Oktober: Rea Siegel Ketros Foto: Ulrike Kieser-Hess

 

 

Erinnerungen:  Es gab wenig Spielzeug. Aber Buntstifte und kleine Papiere in Postkartengröße lagen jeden Morgen auf dem Maltisch des Stuttgarter Kindergartens, den  Rea Siegel Ketros in der Nachkriegszeit besuchte. Das war die absolute Freude für sie:  „Die Farben Karminrot und Zitronengelb hatten es mir total angetan, ich freute mich wochenlang an diesen beiden Farben, obgleich ich ihre Namen noch nicht kannte.“

 

Ein Biograf würde jetzt natürlich vermerken, dass man wohl damals schon die spätere Leidenschaft der Lauffener Malerin Rea Siegel Ketros gespürt hat. Aber in der Realität dauerte es bis Rea 14 Jahre alt war, bis sie ihrer Mutter, die sie und ihre vier Schwestern nach dem Tod des Vaters allein großgezogen hat, verkündete: „Ich werde Künstlerin“. Die Mutter forderte zunächst den weiteren Schulbesuch und dann „zuerst  etwas zu lernen zum Broterwerb“. Die Erinnerungen an Karminrot und Zitronengelb kamen wieder ins Spiel, Rea Siegel Ketros lacht, „Kinder hatte ich  gerne, die Ausbildung zur Kindergärtnerin gefiel mir.“  Allerdings bewarb sie sich gleich nach ihrem Examen für eine Studienausbildung für die Fächerkombination Kunst und Werken. Es folgten Berufsjahre in der Realschule in Reutlingen mit einem 30 Stunden-Deputat.

 

„Aber in mir rumorte es, ich wollte meine eigene Kunst machen.“  Bei einem Aufenthalt im Tessin, wo ihr Mann Reinhard in einem Institut arbeitete, lernten sie den Maler Max Bucherer, 90jährig, kennen und lebten in seinem Atelier MABU, umgeben von seiner Kunst, ein Jahr lang für Rea Siegel Ketros eine kreative Zeit. Später, wieder in Deutschland und schon Mutter von vier Kindern, besuchte sie über vier Jahre lang die Sommerkurse in Salzburg an der ehemaligen Kokoschka  Akademie bei  Stephan von Huene.  Dieser Lehrer hat sie bis heute stark geprägt, aber auch die Begegnung mit  Hundertwasser und dem Künstler Roman Opalka. Auf ihrem künstlerischen Weg den sie trotz großer Familie und Mithilfe in der Kinderarztpraxis ihres Mannes konsequent ging,  folgte ein zweijähriges Kunststudium in Stuttgart.

 

Kunst weiterzugeben war ihr wichtig und so eröffnete sie 1993 in Lauffen die KINDER-Werkstatt, bald folgten die Erwachsenen und Angebote für Menschen mit Behinderung „ich hatte meist sieben Kurse pro Woche“. Rea Siegel Ketros entwickelte viele Gestaltungsformen, arbeitete immer in Perioden, in denen sie sich ganz auf eine Ausdrucksform konzentrierte.

Ab 2002 waren es  die Wortklangbilder. Sie sollten den Gehalt eines Textes, seine Stimmung in Malerei übersetzen. „Fernöstliche Dichter, die mich berührt haben, wie Kabir und Ryokan“, bildeten den Anfang. „Ich wollte die Texte durch die Farbkomposition neu interpretieren, zunächst im Linoldruck, später als Malerei.“

 

16 Jahre gab es nur Wortbilder, großformatige Arbeiten oder kleine filigrane Leporellos, Mappen oder Bücher. In dieser Zeit lenkte ein Auftrag der Stadt Lauffen die Aufmerksamkeit der Künstlerin auf Hölderlin und sie hat seine Briefe entdeckt: „Ich war wie elektrisiert, das war alles so aktuell und er beschreibt so genau die Konflikte, die Zerrissenheit, die viele Künstler erleben“. Feinsinnig und weit empfindet sie Hölderlins Briefe, immer noch aktuell und zukunftsweisend.

 

Lange dauert es, bis ein großformatiges Bild fertig ist, „bis das Gefüge passt“ und die Farben die Stimmungen und Aussagen der Texte reflektieren.  Literaturvermittlung entsteht da, die schon ein genaues Hinschauen erfordert. „Wie Musik Texte interpretieren kann, so können auch Farben den Weg zu einem neuen Zugang eröffnen.“ Rea Siegel Ketros möchte mit ihrer Kunst nicht belehren. Dazu ist sie viel zu persönlich. Eigene Erfahrungen spielen für sie eine große Rolle und der emotionale Zugang zu den Textstellen, die nachher in einer Kombination aus Form und Farbe direkt ansprechen sollen. Und die im Betrachter so etwas auslösen wie die Begeisterung für Karminrot und Zitronengelb.   

 

Text und Foto: Ulrike Kieser-Hess