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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 03.11.2020

Theater in Zeiten von Corona

Das Landestheater Tübingen mit „Hyperion“ zu Gast in Lauffen

Banner Hölderlin Freundeskreis Animiert

 

 

„Gerade noch geschafft“ – dieser Stoßseufzer kann am besten die Gefühle derer zum Ausdruck bringen, die seit einem Jahr die „Hyperion“-Aufführung des Landestheaters Tübingen (LTT) in Lauffen geplant und vorbereitet hatten. Das Stück sollte der Beitrag des Hölderlin-Freundeskreises zum Hölderlin-Jubiläum sein und deshalb war die Erleichterung groß, als bekannt wurde, dass erst einen Tag nach dem Gastspiel der erneute Lockdown in Kraft treten würde, die Aufführung also stattfinden konnte.

 Fotos: Landestheater tübingen

 

Dennoch, ungeschoren von den Einwirkungen der aktuellen Corona-Krise blieb auch diese Aufführung nicht. Maskenpflicht für das Publikum während des gesamten Spiels, die Zuschauerzahl auf 40 begrenzt, und es war ein Entgegenkommen des LTT, zu dem Nachmittags- auch noch einen Abendtermin anzubieten.

 

Hölderlins Briefroman auf die Bühne zu bringen ist ein heikles Unterfangen, geht es in den Briefen doch weniger um das Tun und Handeln der Menschen als um ihre Gedanken und Empfindungen. Diesem Umstand versuchte die Inszenierung bereits bei der  Gestaltung der Spielszene Rechnung zu tragen. Die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum war aufgehoben, vier pavillonartige Zellen, hinter deren transparenten Wänden die vier Schauspieler aus Hölderlins Briefen las, begrenzten einen Raum, in dem auch die Zuschauer saßen. Ein Klangteppich und eine spezielle Beleuchtung markierten ihn als Ort nicht eines äußeren Geschehens, sondern eines inneres Erlebens. In der Mitte eine runde, leicht erhöhte Spielfläche, auf der im Wechsel die Schauspieler in einer Art Pantomime das in den Briefen Ausgesprochene körperlich Ausdruck verliehen. Dies geschah auf vielfältige und einfallsreiche Weise. Etwa mit Hilfe eines Kapuzenpullovers, mit dem ein Schauspieler Hyperions Streben anschaulich machte, sich der Welt zu öffnen, „eins zu sein mit Allem, was lebt!“, wie auch sein Bedürfnis, sich von der Welt abzuwenden und sich in sein Inneres zu verschließen. Dabei verkörperten die Darsteller nicht einfach die Figuren des Romans. Die Person, der die Schönheit Diotimas zur Offenbarung einer höheren Wahrheit wird, hat männliche wie weibliche Züge. Und die kriegerische Begeisterung, die Hyperion in den Krieg ziehen lässt, verkörpert eine Darstellerin, die wie eine asiatische Kampfsportlerin agiert. Vieles bleibt dabei für unterschiedliche Ausdeutungen offen. Was etwa stellt die gedrückte Gestalt dar, die immerfort ein Rad dreht? Die unaufhörlich fließende Zeit, die nichts Bleibendes in der Welt zulässt, das unerbittliche Schicksal, in dessen Mahlsteinen Menschen zerrieben werden? 

                                                                                                                     

Fotos: Landestheater tübingen

 

Gut gelungen ist der Schluss der Inszenierung: Wenn am Ende alle vier Darsteller in Coronaschutzkleidung auf die Bühne kommen und in den dort vorhandenen Recordern die Kassetten wechseln, werden wir als  Zuschauer auf nachvollziehbare Weise aus Hölderlins Sprach- und Erlebniswelt wieder in das Stimmengewirr unserer Zeit entlassen.

Von den zahlreichen Veranstaltungen zu Hölderlin der letzten Jahre zählt die Inszenierung von Carina Riedl, von der auch die Textfassung stammt, zu den anspruchsvollsten und auch zu denen, die die Besucher am meisten forderten.

Und was den Aufwand an Bauten, an elektronischer Technik, an Ton- und Lichtregie betrifft, war es sicher eine der aufwendigsten und ambitioniertesten, die in Lauffen je zu sehen war. Auch deswegen und nicht nur wegen der besonderen der Pandemie geschuldeten Umstände wird dieses denkwürdige Gastspiel noch lange in Lauffen in Erinnerung bleiben.

 

 

Text: Franz Kosel

Fotos: zur Verfügung gestellt vom Landestheater Tübingen aus anderen Veranstaltungen, Fotograf: Tobias Metz

 

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