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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 03.11.2020

Schweigende Gesänge und ein Geschenk aus anderen Himmeln

Hölderlin-Hommage "ins tiefste Herz": Uraufführung mit Maraile Lichdi und dem Sonar Quartett in der Regiswindiskirche

Zu Ehren des Jubilars Friedrich Hölderlin hat der Förderkreis für Neue Musik Heilbronn unter dem Titel "…ins tiefste Herz…" ein besonders anspruchsvolles Programm zusammengestellt: „Fragmente – Stille. An Diotima“ (1980) des Venezianers Luigi Nono und „Intime Briefe“ (1928) des Tschechen Leoš Janáček flankieren „hand in hand“ (2019/2020), ein Auftragswerk des Förderkreises an die Niederländerin Rozalie Hirs.

 

Foto: Leonie Welzin Lichdi

Eigentlich sollte das Konzert zum 250. Geburtstag am 20. März 2020 in der Kilianskirche in Heilbronn uraufgeführt werden. Tags darauf sollte es in Lauffen in Hölderlins Taufkirche wiederholt werden. Die Pandemie warf die ursprüngliche Planung um. Das So­nar Quartett konnte als einzigen Termin in diesem Jahr nur noch den 1. November anbieten, in der Kilianskirche war nur der 17 Uhr-Termin verfügbar, so konnte das Konzert in der Regiswindis­kirche bereits am Vormittag stattfinden. Durch die Terminver­schie­bung  ist die Uraufführung tatsächlich auf Lauffen gefallen, was nicht nur Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger besonders gefreut hat. Dass die Hölderlin-Würdigung nach einem Viertel Jahrtausend am Festtag Allerheiligen ausgetragen wurde, empfindet die Organisatorin Nanna Koch (1. Vorsitzende sowie künstlerische Leiterin des Förderkreises) als „ein Geschenk von oben“.

Luigi Nono, bekannt als linksengagierter Revolutionär und Mitglied der KP Italien, hat immer eigene künstlerische Pfade gesucht, sich nie dem Sozialistischen Realismus untergeordnet. In der Auseinandersetzung mit Hölderlin findet er zu neuer Innerlichkeit. Für die Komposition „Fragmente – Stille. An Diotima“ wählte er 52 Textfragmente aus Gedichten Hölderlins –  „wenn ich trauernd versank“, „dem Täglichen gehör ich nicht“, darunter auch das titelgebende "ins tiefste Herz“ –  die er über den Notentext verstreut. Diese Zitate sollen von den Musikern mitgedacht werden, quasi als schweigende Gesänge aus anderen Himmeln. Auf Nonos ausdrücklichen Wunsch sollen sie nicht im Programmheft erscheinen.

Aus langen Pausen treten punktuell rätselhafte Klangereignisse hervor, meist im Piano oder Pianissimo verharrend. Ein äußerst fragiles Gebilde, das nach allen Seiten hin offen erscheint, ein fein gesponnenes Netz von Klanginseln, aus der Stille kommend in Pausen verklingend, wie geschaffen für den Nachhall in der Akustik des Sakralbaus. Für Nono kam in den Texten die „unendliche Besorgnis“ Hölderlins zum Ausdruck, die er keineswegs als Flucht ins Private missverstanden wissen wollte. „Auch das Zarte, Private hat seine kollektive, politische Seite. Deshalb ist mein Streichquartett nicht Ausdruck einer neuen retrospektiven Linie, sondern meines gegenwärtigen Experimentierstandes: ich will die große, aufrührerische Aussage mit kleinsten Mitteln“, so Nono.

 

Der geheimnisvolle, fast durchweg fremdartige Klang wird durch extreme Spieltechniken der Streicher wie Flageolett, Sul ponticello, Schlagen mit dem Bogenholz etc. erzeugt und grenzt oft schon an elektronisch wirkende Klänge, während der traditionelle Quartettsatz fast ganz ausgeklammert bleibt. Das ist für Musiker enorm diffizil zu spielen, weshalb das Werk nur äußerst selten zu erleben ist. Auch für das Publikum ist das Werk in jeder Hinsicht eine extreme Hörerfahrung, die sich fast permanent an der Grenze zur Stille abspielt.

Derart sensibilisiert, ist das Publikum eingestimmt auf die Uraufführung. Bei Rozalie Hirs gehen Ton und Text „hand in hand“. Komponistin und Dichterin in Personalunion, entwirft sie  eine nächtliche Szene, eine Art Traum, in dem Diotima ihren Geliebten sucht: „nachts such ich dich der mich liebt aber ich find dich nicht…“ so beginnt die visionäre Wiedervereinigung des Paares, formal angelehnt an das „Hohe Lied“. Was mit der Suche beginnt, endet mit Sehnen „küsse mich mit deinen küssen den küssen deines mundes“, einzelne Wörter und Satzteile steigern sich durch Wiederholungen ins Ekstatische, vergleichbar mit traditioneller Sakralmusik, dem Kyrie, Credo oder Sanctus.  Kraftvoll, kristallklar und konturiert bis in die höchsten Stimmlagen brilliert die Sopranistin. Grandios: Maraile Lichdi, fantastisch das Zusammenspiel mit den Streichern Wojciech Garbowski und Susanne Zapf (Violine), Nikolaus Schlierf (Viola) und, eingesprungen für Cosima Gerhardt, am Violoncello Konstantin Manaev.

 

Rozalie Hirs war „sehr glücklich über die hoch professionelle und ergreifende Ausführung durch Maraile Lichdi und das Sonar Quartett“. Die Mitglieder des Sonar Quartetts gönnten sich zwischen den Auftritten einen Besuch des Hölderlinhauses und einen Spaziergang in den Weinbergen. Susanne Zapf meinte, beim Anblick der Landschaft hätte sie intuitiv gespürt, wie inspirierend dieses wunderschöne Fleckchen Erde auf das Gemüt eines Künstlers, zumal auf einen Dichter wie Hölderlin, wirken musste.

Thematischer Bezugspunkt der drei Kompositionen ist die große Sehnsucht zweier Liebender, denen die Erfüllung versagt bleibt. Der 74-jährige Leoš Janáček bezieht sich ein Jahr vor seinem Tod nicht auf Hölderlin. „Intime Briefe“ (1928), so der Titel, sind Bekenntnismusik einer platonischen Liebe. Adressatin ist die 36-jährige Kamila Stöslová. Von der Liebe auf den ersten Blick bis zur Sorge um die wesentlich jüngere Geliebte illustriert das viersätzige Werk alle Facetten einer „großen Sehnsucht, die sich aus sich selbst heraus stillt“, so Janáček. Das äußerst intensive Werk endet - einer Umarmung gleich - mit einem Rondo, das in hymnischem Des-Dur ausklingt.

 

Für das Uraufführungskonzert, das in die Annalen eingehen wird, bedankte sich das Lauffener Publikum mit frenetischem Applaus.

 

Text und Foto: Leonore Welzin

Foto Titelseite: K.P. Waldenberger