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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 31.05.2021

Vom Wesen der Poesie

In der Ausstellung „Hölderlin Bilder“ offenbart Lea van Heck ihre Seelenverwandtschaft mit dem Dichter.

Fotos: Leonie Welzin   Ausstellung Hölderlin Haus Lea Van Heck

„Mit Mezzotinto habe ich angefangen“, erklärt Lea van Heck. Die belgische Künstlerin Jahrgang 1946, blättert mit Bedacht durch den Bildband „Poèmes de l’autre vie“. „Gedichte aus einem anderen Leben“, erschienen 1993 auf Französisch in der Reihe „Dichter, die es zu entdecken gilt“, bezieht sich auf Hölderlins Spätwerk.

 

 

Ausstellung lea van Heck Foto: Waldenberger

 

 

Was könnte den Seelenzustand des Verfassers jener Werke, die er in der vermeintlichen Umnachtung schrieb, besser charakterisieren, als das abgrundtiefe Samtschwarz dieser Drucktechnik? Mühevoll und zeitintensiv sei die Arbeit daran gewesen. Jedes Blatt habe sie eigenhändig gedruckt, sechs Jahre habe es bis zur Fertigstellung gedauert: „Das mache ich nie wieder!“ habe sie sich geschworen, gesteht die rüstige Künstlerin beim Rundgang durch ihre Ausstellung „Hölderlin Bilder“, die noch bis Ende August im Hölderlinhaus Lauffen am Neckar zu erleben ist.

 

Fotos: Leonie Welzin   Ausstellung Hölderlin Haus Lea Van Heck

 

„Die Linien des Lebens sind verschieden, wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.“, so Hölderlin in einem seiner berühmten Turmgedichte. „Lesen, lesen und wieder lesen“, sagt van Heck, dabei formen sich in Gedanken Bilder, denen sie in unterschiedlichen Techniken nachspürt. Beim Linolschnitt wandere das Messer vom Körper weg hinaus ins Material, als wandere es durch eine Landschaft. „Die wandernde Linie“ und „Landschaft“ sind denn auch Titel zweier Linoldrucke. Thematisch korrespondiere dieses verfahren auch mit der  innigen, gleichwohl schmerzlichen Verbindung der beiden Liebenden „Hölderlin und Diotima“.

Wer die Liebesgeschichte der verheirateten Susette Gontard (alias Diotima) und dem Hauslehrer Friedrich Hölderlin kennt, weiß vom Rauswurf durch den düpierten Gatten, von den Hindernissen und Geheimbotschaften (weißes Tüchlein am Fenster) um sich per Brief zu verständigen. Geeignete Technik für solch empfindliche Sujets wie „Der Mensch“ und „Der Brief“, ist für Lea van Heck die Kaltnadelradierung. Ausdifferenziert von zartesten Linien bis zu Furchen suggerieren - insbesondere durch die aufgeworfenen Ränder - höchste Verletzlichkeit. Vom Wesen des Dichters angesteckt, spielt van Heck in Kupferstichen wie „Der blinde Sänger“ und „Wenn aus der Ferne“, wie auch in Weichgrundätzungen „Wir waren eine Blume“ oder „Der Kern“ mit Empathie und Transparenz in seelischen Echoräumen. Einem Medium gleich entführt sie in „Gedanken Reisen“ in ein Liniengespinst, umkreist, „Da ich ein Knabe war“, mit empfindsamen Umrisslinien, als zeichne sie mentale Landkarten.

 

Fotos: Leonie Welzin   Ausstellung Hölderlin Haus Lea Van Heck

 

Lea van Heck entdeckte die Lyrik Hölderlins 1986 während eines Hörfunkprogramms des belgischen Klassik-Senders RTBF3 „un homme et un livre“ („Ein Mensch und ein Buch“). Ergriffen von Hölderlins Sprache und Rhythmus vertiefte sie sich zunächst anhand der französischen Übersetzung der berühmten Plejaden-Reihe ins Spätwerk. Eine erste Arbeitsphase mündete in den eingangs erwähnten Mezzotinto-Arbeiten für Alain Préaux‘ französische Übersetzung von Hölderlins letzten Gedichten „Poèmes de l’autre vie“.

Es lohnt sich für diese Ausstellung, die das Werk der Belgierin mit viel Feingefühl ins Ambiente des geschichtsträchtigen Hauses eingebunden hat, Zeit und Muße mitzubringen. Nach dem Rundgang laden im obersten Stockwerk Sessel und Sofa zum Verweilen ein. Hier kann man in van Hecks Ring- und Skizzenbücher schmökern und dabei etliches über die Stationen der Annäherung erfahren. Die Reise, die sie im Jubiläumsjahr 2020 von Mechelen über Leuven – wo die Ausstellung ebenfalls geplant war, pandemiebedingt aber ausfallen musste – nach Tübingen und Lauffen. Einer ihrer letzten Drucke zeigt zwei Arbeitstische, den ihren und den von Hölderlin, stellvertretend für zwei Seelenverwandte, Seite an Seite.

 

 

 

Text und Fotos (3) Leonore Welzin

Foto (1) Klaus-Peter Waldenberger