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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 12.07.2021

Kein Verzicht auf Hirn und Herz

Kabarettist Martin Zingsheim im Klosterhof: spritziger Auftakt zum Lauffener Kultursommer

Der Kabarettist Martin Zingsheim machte den Auftakt beim Lauffener Kultursommer 2021. (Foto: Bärbel Kistner)

Abb. 1: Martin Zingsheim überzeugte mit Wortwitz und Relevanz.

 

Dinslaken, Trier, Lauffen. Der Klosterhof ist 2021 erst die dritte Station in Deutschland für Martin Zingsheim. Üblicherweise hätte der Kabarettist aus Köln bereits 100 Auftritte absolviert.  Fast habe er nach über einem Jahr Pause vergessen, „wie schön das Auftreten vor richtigem Publikum“ ist. „Ob ich das überhaupt noch kann?“

 

Und ob. Dass er es bestens versteht, sein Publikum zu amüsieren, zu irritieren und zu begeistern, stellt der preiskrönte Künstler in seinem neuen Programm „aber bitte mit ohne“ bei der Auftaktveranstaltung des Lauffener Kultursommers unter Beweis. Deutlich mehr als die 60 Zuschauerinnen und Zuschauer hätte Zingsheim auf alle Fälle vertragen. Doch zum einen sei das Wetter „wacklig“ gewesen, zum anderen gebe es einfach noch Anlaufschwierigkeiten nach der langen Zwangspause, schätzt die Lauffener Kulturbeauftragte Bettina Keßler.  Weil Gewitter vorhergesagt sind, muss das Publikum kurzfristig vom Außenbereich in den Saal im Klosterhof umziehen. Doch ob unter freiem Himmel oder drinnen, Hauptsache es gibt endlich wieder ein Live-Kulturerlebnis. Eigentlich hätte der Kabarettist bereits im November 2020 nach Lauffen kommen sollen.

 

Corona-Gags hat Zingsheim zu Hause gelassen. „Wenn Sie zu irgendwas keine Infos wollen, dann dazu“, witzelt der 37-Jährige und beschränkt sich auf ein paar Anspielungen zur Pandemie, durch die man sogar „Markus Söder urplötzlich sympathisch findet“.

Verzicht ist sein Lieblingsthema, und dafür bietet der Zeitgeist eine Menge Stoff. Auf Plastik zum Beispiel kann der Bühnenkünstler gerne verzichten, ob auf „Latex-Burkas“ für Bio-Gurken oder die obligatorische Wasserflasche, die manchen überallhin begleitet. Was seien das früher doch für schlimme Zeiten gewesen, als man auf dem Weg zum Bäcker fast verdurstet sei!

 

Essen sei überdies furchtbar kompliziert geworden, sagt Zingsheim. Genüsslich nimmt er absurde Auswüchse des Veganismus aufs Korn (der Kumpel, der keine Blutorangen mehr essen mag) - ohne dabei die Fleischesser aus der Verantwortung zu entlassen. Warum man eigentlich nicht alle Tiere esse und einen „Seniorenteller Muschi“ auf die Speisekarte nehme?

Der Umgang mit Sprache ist für den promovierten Musikwissenschaftler außerdem die liebste Spielwiese. Er empfiehlt, einmal die Woche „vegan“ zu sprechen, also ohne „tierische Zusatzstoffe zu talken“. Mein lieber Schwan, so mühsam ernährt sich das Eichhörnchen! Vor lauter Lachen verpasst man schon mal die nächste Pointe.

 

Verzicht sei befreiend. Ob auf Religion, die eigene Meinung oder den Kölner Karneval. Sein privater Tipp: sich Kinder anzuschaffen oder sich wenigstens welche auszuleihen. „Das ist eine Reduktion aufs Wesentliche, auch finanziell“, sagt der Vater von drei Söhnen (10, 8 und 6) und einer Tochter (4). Und noch einen Tipp hält er zum Abschluss parat, um den Wahnsinn der Welt zu ertragen: Wie wäre es damit, das Leben mit Irritationen anzureichern? Sich zum Beispiel mit einem alten Wählscheibentelefon – ob orange oder grün – in Bus oder Bahn zu setzen und einfach man dranzugehen. Oder noch besser: eine E-Mail mit dem Füller zu schreiben.

 

Wie einfach es mit dem Verzicht übrigens sein kann, beweist Martin Zingsheim auf der Bühne. Dort gibt es nichts außer ihm, Requisiten braucht der kluge Kopf keine. In seinem Rucksack, mit dem er am nächsten Morgen in den Zug zu seinem nächsten Auftritt nach Norddeutschland steigt, hat er ein paar CDs und einige Exemplare seines Buches „Eltern haften an ihren Kindern“ dabei. Auf der Rückfahrt ist dann Platz für die ihm überreichte Flasche Lauffener Schwarzriesling – natürlich bio und vegan.

 

Text und Foto: Bärbel Kistner