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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 20.09.2021

Archäologische Rettungsgrabung Im Brühl

Wo früher Knochen geschliffen wurden – Römische und frühmittelalterliche Knochenobjekte aus Lauffen am Neckar

Die Bebauung auf dem Areal der ehemaligen Kleingartenanlage Im Brühl mit Drogeriemarkt und Kundencenter der Kreissparkasse machte im vergangenen Jahr eine dreimonatige Rettungsgrabung erforderlich. Die Grabung wurde durch die Firma ArchaeoBW GmbH durchgeführt, begleitet vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart.

 

Römisches Brandgrab

 

Archäologische Rettungsgrabung im Bürhl

Abb. 1

 

Im Nordosten der Grabungsfläche fand sich ein römisches Brandgrab aus dem 2. Jh. n. Chr., das mit einer Schicht aus Keramikfragmenten verfüllt worden war. Als Beigabe sind vor allem sechs gut erhaltene Öllämpchen hervorzuheben, die allein aufgrund ihrer Anzahl einen außergewöhnlichen Fund darstellen (Abb. 1). Eine der Lampen lässt die Bodenstempelung SATONS (SATTONIS) erkennen, was auf eine Herstellung nördlich der Alpen hinweist.

Siedlungsgeschichtlich geriet Lauffen ab der 2. Hälfte des 1. Jh. unter römischen Einfluss. Spätestens mit der Errichtung des Obergermanisch-Raetischen Limes in der Mitte des 2. Jh. kann eine römische Ansiedlung im Bereich um die Neckarstadt mit mindestens 12 Villae Rusticae archäologisch belegt werden. Mit der Aufgabe des Limes um die Mitte des 3. Jh. wurde dieser Siedlungsplatz vermutlich ebenfalls aufgelassen, sodass der Lauffener Grabbefund in die 2. Hälfte des 2. Jh. datiert werden kann.

 Archäologische Rettungsgrabung im Bürhl

 

Abb. 2

 

 

Frühmittelalterliche Grubenhäuser

 

Archäologische Rettungsgrabung im Bürhl

Abb. 3

 

Neben zahlreichen (Pfosten-)Gruben sowie mehreren Feuerstellen fanden sich im Südteil der Grabungsfläche die Überreste von insgesamt 23 Grubenhäusern (Abb. 2, 3). In diesen wurden zahlreiche Knochenobjekte gefunden, die zusammen mit dem ergrabenen Keramikmaterial in das 8. Jh. und somit in das frühe Mittelalter weisen. Informationen zu den konstruktiven Details lieferte ein Grubenhaus, das mit ca. 3,60 x 3,00 m nur noch eine Resttiefe von gut 0,30 m aufwies. Hier zeigten sich in den vier Ecken sowie mittig an den Stirnseiten Pfostengruben, welche die Rekonstruktion eines Satteldachs mit Firstpfosten erlauben. Aus den Funden ergibt sich für die zugehörige Siedlung eine relativ kurze Bestandsdauer von maximal 100 Jahren.

 

Die Knochenobjekte

 

Archäologische Rettungsgrabung im Bürhl

Abb. 4

 

Bei den zahlreichen Knochenfunden aus den Grubenhäusern handelte es sich zum einen um Gebrauchsobjekte, die im weitesten Sinne auf Leder-/Textilverarbeitung schließen lassen. Zu nennen sind hier vor allem eine ritzverzierte Ahle mit Gebrauchsspuren sowie eine Beinnadel mit erhaltener Öse (Abb. 4). Zum anderen handelte es sich um Objekte, die auf eine Herstellung vor Ort hindeuten. Neben einer begonnenen Knochenflöte mit Blasloch zählt hierzu auch ein Beinplättchen mit Kreisaugenverzierung, die auch an einem dreilagigen Beinkamm auftritt (Abb. 5). Letzterer besteht aus zwei mit einem Linienmuster verzierten Griffplatten, zwischen denen sich drei Knochenplättchen mit fein ausgestalteten Kreisaugen befinden.

 

 

Archäologische Rettungsgrabung im Bürhl

Abb. 5

 

Die relativ große Anzahl an Knochenobjekten und das gleichzeitig eher unterrepräsentierte keramische Fundmaterial legt die Vermutung nahe, dass zumindest einige der Grubenhäuser primär für die Knochenverarbeitung genutzt wurden.

 

Siedlungsaktivität

Somit zeigte sich wie so oft in der Vergangenheit auch bei dieser Baufläche, dass schon in früheren Zeiten das Lauffener Stadtgebiet als Siedlungsraum ausgesprochen attraktiv war und eine rege Siedlungsaktivität bestand.

Dies bedeutet, dass bei allen Bauvorhaben und Planungen besondere Rücksicht auf die Belange des Denkmalschutzes genommen werden muss, um die Zeugnisse der früheren Bewohner für die Stadtgeschichte zur erhalten oder wie im vorliegenden Fall zumindest zu dokumentieren.

 

 

Der vollständige Bericht ist in der Publikation Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2020 (ISBN: 978-3-8062-4361-1) erschienen und kann unter https://www.denkmalpflege-bw.de/publikationen/reihen/archaeologische-ausgrabungen-in-baden-wuerttemberg/?no_cache=1 bestellt werden.

 

 

Autoren

Max Hermann: ArchaeoBW GmbH, Tannenweg 11, 70839 Gerlingen, info@archaeobw.de

 

Olaf Goldstein: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Referat 84.2, Berliner Straße 12, 73728 Esslingen am Neckar, olaf.goldstein@rps.bwl.de

 

 

Abbildungen

Abb. 1: Lauffen am Neckar, Im Brühl. Firmalampen aus dem römischen Brandschüttungsgrab (Y. Mühleis, LAD).

 

Abb. 2: Lauffen am Neckar, Im Brühl. Gesamtplan der Rettungsgrabungen (M. Hermann / S. Klaß, ArchaeoBW GmbH).

 

Abb. 3: Lauffen am Neckar, Im Brühl. Frühmittelalterliches Grubenhaus mit Steinschüttung im Profil (M. Hermann, ArchaeoBW GmbH).

 

Abb. 4: Lauffen am Neckar, Im Brühl. Beinerne Flöte, Ahle und Nadel aus frühmittelalterlichen Grubenhäusern (Y. Mühleis, LAD).

 

Abb. 5: Lauffen am Neckar, Im Brühl. Frühmittelalterlicher Dreilagenkamm aus Bein (Y. Mühleis, LAD).