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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 16.11.2021

Eine Mahnung zu Frieden und Versöhnung

Feierstunde zum Volkstrauertag auf dem alten Friedhof in Lauffen gilt nicht nur den Gefallenen der beiden Weltkriege

Volkstrauertag auf dem alten Friedhof in Lauffen. November-Tristesse. Dennoch haben sich schon früh vor allem ältere Bürger zur Feierstunde mit Kranzniederlegung eingefunden. Antje Arnold, Claudia Dommer und Marina Plotzitzka von der Neuapostolischen Kirche eröffnen die Veranstaltung mit dem getragenen „Du heil’ger Wille meines Herrn.“

 

Im Gegensatz zu den drei klaren, zarten Frauenstimmen danach das Bläserensemble der Stadtkapelle mit „Humanitas“ – Menschlichkeit. Ein mächtiger, gravitätischer Auftakt wird abgelöst von getragener Melancholie, bevor das Musikstück voluminös endet. Volkstrauertag – das ist kein Relikt aus vergangener Zeit, bei dem nur an die Toten der Weltkriege erinnert wird, wie Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger in seiner Ansprache deutlich macht.

 

Volkstrauertag 2021 - Fotos: Keßler

 

Als Bundestagspräsident Hermann Ehlers 1951 im Bundestag in Bonn die erste Fassung vorträgt, ist der Zweite Weltkrieg erst wenige Jahre vorbei. Gedacht wird all derer, die „auf den Schlachtfeldern der großen Kriege in der Heimat und in allen Völkern verdorben und gestorben sind, aller derer, die auf der Flucht und in der Vertreibung ihr Leben eingebüßt haben.“ Seither hat sich die Liste derer, an die am Volkstrauertag erinnert wird, um weitere Gruppen verlängert, seien es die Opfer aufgrund der Teilung Deutschlands in den 70er Jahren, die Opfer des Terrorismus in den 80ern, seit den 90ern die Opfer der Euthanasie, des Fremdenhasses oder Soldatinnen und Soldaten, die ihr Leben bei Auslandseinsätzen verloren haben. Mit den Leidtragenden zu trauern, heiße auch, wie Waldenberger betont, die Verantwortung zu übernehmen, sich für eine friedliche Welt einzusetzen. Dazu gehöre, eine historisch korrekte, umfassende Erinnerungskultur wachzuhalten.

 

 

Es gebe heute Entwicklungen, die er, wie er gesteht, in seinem Optimismus nicht für möglich gehalten hätte. Dazu zählen für ihn der Brexit, das Ignorieren von EU-Richtlinien und Verordnungen einiger osteuropäischer Mitgliedsstaaten oder auch die eventuelle Wiederwahl eines notorischen Lügners zum Präsidenten in den USA. Auch in Lauffen beschäftige man sich mit Erinnerungskultur. Bei der Überprüfung der örtlichen Straßennamen durch den Jugendrat sei man auf fragwürdige Personen gestoßen. Man habe sich für die Beibehaltung entschieden, jedoch mit Ergänzungen. Dem mündigen Bürger sei es nun überlassen, sich seine eigene Meinung zu bilden. Allerdings, macht der Bürgermeister klar, relativiere oder entschuldige auch eine zeitkontextuelle Einordnung keine wie auch immer gearteten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auch vor einer Rückprojektion warnt er und zitiert den absurden Vorschlag eines Verfassers eines Zeitungsartikels, nach dem mit Farbe übergossenen Kopf von Kaiser Augustus in Tübingen doch lieber das „von braunem Militarismus triefende Denkmal des Volkslieddichters Friedrich Silcher zu schänden“ oder den ebenfalls von den Nazis verehrten Hölderlin.

 

Volkstrauertag 2021 - Fotos: Keßler

Bildunterschrift: Terzett der Neuapostollischen Kirche

 

Im letzten Jahr hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das „Totengedenken“, mit dem der Bürgermeister traditionell seine Ansprache beendet, ergänzt: „Wir gedenken der Opfer von Terrorismus und Extremismus, Antisemitismus und Rassismus in unserem Land.“ Letzteres ein Problem, mit dem man sich auch in Lauffen befasse: Rassismus gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Die letzten Zeilen stehen jedoch im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern und Frieden zu Hause und in der ganzen Welt. Berührend und passend zu dem Hoffnungsgedanken das zweite Lied des Terzetts, „Kleine Tropfen Wasser“, und das Bläserensemble schließt sich mit einem getragenen, leisen „Falling rain“ an.

 

Volkstrauertag 2021 Foto: El-Kothany

 

Zum Glück fallen nur die Blätter, als Bürgermeister Waldenberger mit Stadtrat Axel Jäger den Kranz zu den Gedenktafeln für die Gefallenen trägt und niederlegt – und wo man zu Gerhard Seidenbergs Trompetensolo „Ich hatt‘ einen Kameraden“ den Toten die letzte Ehre erweist.

 

Text und Foto (1) Helga El-Kothany
Foto (3) Bettina Keßler