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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 16.11.2021

„Gehackte Zores“ zum Nachtisch, gefüllte Teigtaschen für den Heimweg

Von Spanien bis zum osteuropäischen Schtetl – musikalische Reise durch 1700 Jahre jüdischen Lebens in Europa

Klezmer-Konzert mit den Homentaschn: (von links) Götz Engelhardt - Bratsche, Harald Schnabel - Klarinette, Schlagwerk, Rainer Albrecht - Piano, Roland Wunderlich - Bass (Foto: Helga El-Kothany).

Sie nehmen ihr Publikum mit auf eine erlebnisreiche Reise quer durch Europa: (von links) Götz Engelhardt, Harald Schnabel, Rainer Albrecht, Roland Wunderlich.

 

Zum Start in den Kulturherbst  bietet die VHS-Unterland in Kooperation mit dem städtischen Kulturprogramm "bühne frei..." am vergangenen Samstag einen ganz besonderen Leckerbissen: die Klezmer-Band „Homentaschn.“ Vier exzellente Musiker, die seit 20 Jahren mit großem Enthusiasmus und Feingefühl die untergegangene Welt des osteuropäischen Schtetls zumindest für einen bereichernden Abend aufleben lassen.


Das Publikum im ausverkauften Lauffener Klosterhof, mit seinem sakralen Charakter ein idealer Rahmen, ist eingeladen, wie Doris Petzold von der VHS-Unterland in ihrer Begrüßung sagt, einzutauchen in die seit 1700 Jahren wechselvolle Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland und in Europa. Und so wechselhaft wie die Geschichte, so vielseitig ist die Musik.


Zu Veranstaltungsbeginn ist der Sabbat, jiddisch „Schabbes“, zwar schon zu Ende, aber Rainer Albrecht und Roland Wunderlich besingen diesen wichtigen Tag, begleitet von Geige (Götz Engelhardt) und Klarinette (Harald Schnabel), in mehreren Liedern. In ihnen spiegeln sich viele Facetten des Feiertages – von feierlicher Melancholie bis hin zu ausgelassener Fröhlichkeit und mitreißenden orientalischen Rhythmen.


Die Musik, ob „himmelhoch jauchzend oder zum Tode betrübt“, spricht an, ist seelenvoll und braucht wenig Erklärung. Anders die Liedtexte, die die beiden Sänger übersetzen und in einem unterhaltsamen „Jiddisch für Anfänger“ dem Publikum erläutern. Vieles lässt sich jedoch gut verstehen. Schließlich hat sich die Sprache aus dem Mittelhochdeutschen entwickelt, im Laufe der Zeit allerdings angereichert mit Wörtern aus dem Hebräischen und den Ländern, wo die Juden hinzogen.

 

In viele dieser Länder nehmen die Homentaschn ihr Publikum mit auf eine musikalische Reise. Im Spanien des 11. Jahrhunderts begleitet die klagende Geige einen Rabbi und seine Sehnsucht nach einer richtigen Heimat. Die nächsten Stationen, Türkei und Griechenland, reizen mit fröhlichem Tanz und der wie so oft führenden Klarinette, einem wichtigen Instrument in der Klezmer-Musik, zumindest zum Mitklatschen. Bei fast allen Liedern, egal, was sie zum Thema haben, herrscht das tänzerische Element vor – und macht Lust, sich zu bewegen.


Vom Hochzeitslied aus Deutschland im 18. Jahrhundert, mit moralischen Ermahnungen, ist es nicht weit in das Schtetl, wo Armut, (Galgen-)Humor, Trauer und Lebensfreude auch in Musik und Texten Ausdruck finden. Obwohl der Inhalt ernst ist, bereitet Musikern und Publikum das Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn über die Unterschiede beim Essen von Reich und Arm großes Vergnügen. Wunderlichs ausgeprägte Mimik und Gestik helfen beim Textverständnis – und Engelhardts Geige unterstützt das Elend der Armen, bei denen es zum Nachtisch nur „gehackten Zorn“ gibt, durch jämmerliches Kratzen.


Spontanen Applaus und „Bravo“-Rufe gibt es für ein Tanzlied mit einer so rasant schnellen Geige, dass das Publikum selbst beim Klatschen Mühe hat, mit dem Tempo mitzuhalten.
Stimmungswechsel: Abschied vom Schtetl, Aufruf zum Widerstand, Pogrome, Tod eines Mädchens in Treblinka, das in einem Lied ihres Bruders weiterlebt. Und dann wieder ein fröhliches „Prost“ auf das Leben, „Lechaim!“, und die beliebten „daidaidai“-Refrains zum – vorsichtigen - Mitsingen. Auch das durch den Zupfgeigenhansel und Joan Baez bekannt gewordene „Donna Donna“ lädt trotz Mund-Nasenschutz zum Mitsummen ein.


Der begeisterte Applaus macht klar: Ohne Zugabe geht es nicht! Zwei Strophen auf Jiddisch von Leonard Cohens Erfolgssong „Hallelujah“, diesmal mit dem Saxofon als Melodieträger, zurückhaltend begleitet von Mandoline, Geige und Keyboard – und vielen Hallelujahs aus dem Publikum. Ein emotionales Ende eines besonderen Abends, den nicht nur Zuhörerin Friederike Wilhelm als „beglückend“ empfindet.


Ein letzter Leckerbissen erwartet die Besucher am Ausgang: hygienisch verpackte „Homentaschn“, das Traditionsgebäck zum Purim-Fest, gebacken von Rainer Albrechts Ehefrau.


Näheres zu Band, Name und Gebäck unter www.homentaschn.de.

 

Bild und Text: Helga El-Kothany