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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 30.11.2021 – 10.01.2022

Heimat als Erfahrung und Utopie

Vortrag von Prof. Wolfgang Urban

Eine Veranstaltung, die für  2020 vom Hölderlin-Freundeskreis geplant war, sollte die Frage behandeln, was Hölderlin unter Heimat versteht. Coronabedingt verschoben, konnte sie nun am Volkstrauertag im Hölderlinhaus nachgeholt werden. Prof. Wolfgang Urban aus Rottenburg, der Referent des Abends, betonte zu Beginn den hohen Rang Hölderlins als Dichter. Er bezeichnete ihn als eine Art „Supernova“, als eine gleichsam unvorhersehbare Erscheinung am Dichterhimmel. Das Neue und Ungewohnte seiner Kunst musste seine Zeitgenossen überfordern.

 

Vortrag von Prof. Wolfgang Urban im Hölderlin-Freundeskreis Foto: Klaus-Peter Waldenberger

Vortrag von Prof. Wolfgang Urban im Hölderlinhaus - Foto: Klaus-Peter Waldenberger

 

Erst in einer langen Rezeptionsgeschichte, die bis in unsere Zeit reicht, wurde Hölderlins Einzigartigkeit und Bedeutung zunehmend erkannt. Urban, der diese Rezeptionsgeschichte kurz skizzierte, stellte dabei heraus, dass es oftmals bedeutende Denker wie Nietzsche und Heidegger oder Theologen wie Romano Guardini waren, die in Hölderlins Dichtung bereits moderne Aspekte menschlicher Seins- und Welterfahrung vorausgedacht und in dichterischer Sprache ausgedrückt fanden. Das gilt auch für Hölderlins Verständnis von Heimat. Prof. Urban zitierte zunächst  Stellen, in denen die enge Verbundenheit des Dichters mit der Landschaft, in die er hineingeboren wurde, zum Ausdruck kommt – wie in der ersten Strophe seiner Ode „Neckar“:

 

„In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf / Zum Leben, deine Wellen umspielten mich, / Und all der holden Hügel, die dich / Wanderer! kennen, ist keiner mir fremd.“

Wie hier finden sich in Hölderlins Dichtung zahlreiche Stellen, die Landschaftsbilder und die Topographie von Orten ansprechen, die ihm von Jugend an vertraut waren.                                                                                                                                                        

In dem Gedicht „Da ich ein Knabe war …“ wird zunächst ebenfalls dieses heimatliche Naturerleben thematisiert:

 

„Da spielt´ ich sicher und gut / mit den Blumen des Hains / Und die Lüftchen des Himmels / spielten mit mir“.

 

In diesem Rückblick auf seine Kindheit formuliert Hölderlin nach Prof. Urban aber auch, wie er seine Kindheit erlebt hat, nämlich als eine intime Begegnung mit Natur und Welt, als ein Berührt- und Umfangensein von etwas Heiligem und Göttlichem:

 

„Mich erzog der Wohllaut / Des säuselnden Hains / Und lieben lernt´ ich / Unter den Blumen. / Im Arme der Götter wuchs ich groß.“

Kindheit ist hier nicht etwas Unvollkommenes, vielmehr eine Grunderfahrung, die für das ganze Leben prägend wird. Verbunden bleibt diese Kindheitserfahrung mit dem Ort, wo sie erlebt wurde, der Heimat. 

                                                                                                                                       

Heimat als Ort der Geborgenheit im Einsseins mit Menschen und Natur wird so nach dem bekannten Wort von Jean Paul zum einzigen Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Die Empfindungen, die mit diesem Paradies verbunden sind, bleiben uns nah und sind immer wieder abrufbar. Hölderlin, der oftmals nach Niederlagen und Enttäuschungen in seine Heimat zurückgekehrt ist, hat dies mehrfach zur Sprache gebracht.

„Heimatliche Natur! Wie bist du treu mir geblieben! / Zärtlichpflegend, wie einst, nimmst du den Flüchtling noch auf.“ heißt es im Gedicht „Der Wanderer.“

 

Hölderlins Verständnis und dichterische Behandlung von „Heimat“, das wurde in dem Vortrag von Wolfgang Urban deutlich, ist nicht einfach eine Form von Lokalpatriotismus, dem es um die literarische Überhöhung der Landschaft geht, der wir entstammen. Heimat lässt uns erahnen, was es mit unserer Existenz auf sich hat, sie öffnet uns die Augen für die Schönheiten der Natur und wie ein gelingendes Leben aussehen könnte.  Heimat wird so zum Vorschein, zur Utopie einer besseren Welt, die als geistige Prägung unser Handeln bestimmen kann.       

                                                        

Was neben der inhaltlichen Klärung des Begriffs Heimat von Prof. Urbans Vortrag in Erinnerung bleiben wird, ist vor allem die Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit, mit der er seinen Zuhörern Hölderlins Verständnis von Heimat als eine auch für unsere Zeit wichtige Botschaft vermitteln wollte.

 

Text: Franz Kosel