Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 30.05.2022

Im wahrsten Sinne ein Durchlaufen des Lebensbogens

Die Theaterspinnerei Frickenhausen lud zu einem Kulturspaziergang in die Weinberge ein: „Himmel über Hölderlin“

"Himmel über Hölderlin": eine Frau (stehend, Verkörperung der Natur) und ein Mann (rechts neben ihr sitzend, Darsteller des Friedrich Hölderlin) vor Rebstöcken und einer Wengerthütte im Gespräch.

Die Theaterspinnerei Frickenhausen nahm die Kulturwanderer mit auf Hölderlins Lebensreise , inklusive sechs live gespielter Schauspielszenen zwischen dem Dichter (Jens Nüßle, re.) und Gaia (Susie Rosina Pochert), der Verkörperung der "Mutter Erde".

 

Der Himmel über Lauffen war wolkenreich, abwechslungsreich, als die Theaterspinnerei Frickenhausen mit ihrem Audio-Open Air-Spaziergang „Himmel über Hölderlin“ zu Gast war. Das Hölderlinhaus hatte im Rahmen des städtischen Kulturprogramms "bühne frei..." und der Kulturregion HeilbronnerLand die Truppe aus der Nähe von Nürtingen eingeladen. Ihr Anliegen war es, dem Dichter mit den heutigen technischen Mitteln nahe zu kommen, dem „Schwärmer, Suchenden, an der Liebe Zerbrochenen, Zerrissenen“.

 

Rund 30 interessierte mit Funk-Kopfhörern ausgestattete Zuschauende und Zuhörende folgten den Schauspielern Jens Nüßle und Susie Rosina Pochert auf ihrem 1,5 Stunden dauernden Dichter-Kennenlern-Spaziergang durch die Weinberge entlang des Neckars. Der Himmel bot ein spannendes natürliches Bühnenbild, dicke schwarze, trübe Wolken wechselten mit heiteren, luftigen, hellen Formationen, ein bisschen so wie in Hölderlins Leben. Sechs szenische Stationen waren auf dem Weg eingestreut, man war da ganz dicht dran an Hölderlin.

 

Dem Dichter folgte man, der in vielen seiner Gedichte immer wieder die Natur zum Thema hatte und viel gewandert ist. Und wie konnte man seinem Naturempfinden besser nachspüren als durch Kopfhörer von der Welt 2022 ein bisschen abgeschirmt, angesichts der schönen Landschaft am Neckar, der poetischen Texte, „es war, wie wenn man in eine andere Welt abgetaucht wäre“, resümiert eine Zuhörerin.

 

Die Theatermacher haben es einfühlsam und informativ, ohne großen Pathos, geschafft, dieses Leben und diese Texte lebendig werden zu lassen, Texte von denen einst ein Kritiker meinte sie seien „gänzlich sinnfrei“ oder ein anderer monierte „die Sprache ist unverständlich und dunkel und der Rhythmus rau“. Diese besondere Hölderlinsche Sprache wurde, eingebettet in die Lauffener Natur, im Vorgetragenen total verständlich und mit ruhigen und gemessenen Schritten folgte man der weiteren Entwicklung des „aus der Zeit gefallenen Dichter“.

 

Vertonungen von Hölderlingedichten, angenehm leicht, rundeten das Lebensbild ab, wie auch Briefauszüge, Kommentare der Mutter, Biografisches, Stimmen der ihn Umgebenden. Aber auch die „Flüsterstimmen“ in Hölderlins Kopf, zischelten eindringlich durch die Weinberge, Dämonen lachten hämisch, die Kopfhörertechnik machte sie lebendig, bedrohlich, gemein. Das Schicksal habe ihm ein Bein gestellt, resümiert Hölderlin. „über das man lebenslang strauchelt“.

 

Ein Durchlaufen des Lebensbogens nannten es die Mimen und von eher heiteren, verliebten und auch politisch hoffnungsvollen Zeiten glitt das Leben, geprägt auch von Misserfolgen, Unruhe und psychischen Beschwerden ins Düstere, „immer dunkler wird es auf meinen Wegen“. „Wird man sich meiner erinnern?“ fragt der Dichter am Ende seines Lebensweges, überschattet von dunklen Wolken, aber tröstlich geleitet von einem Engel.

 

Der Audio-Spaziergang „Himmel über Hölderlin“ hat dem Sohn Lauffens eine klare, positive Antwort gegeben. So ist Literatur vermittelbar, angenehm, erfahrbar, modern, frei von pathetischer Dichterverehrung, in der einleuchtenden Mischung von Leben und Werk. Hölderlin hat man mal wieder auf eine neue Art kennengelernt, eine Vermittlungsintension, die auch das Hölderlin-Musical und das Hölderlinhaus verkörpern. „Komm ins Offene Freund“ fordert Hölderlin, der Spaziergang hat genau das bewirkt, man war offen für einen vielleicht neuen Freund und die Art und Weise der Präsentation holte ihn genau dahin, ins Offene.

 

Bild und Text: Ulrike Kieser-Hess