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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 14.11.2022

Friedensunion Europa

An einem sonnigen Sonntagmorgen versammelten sich auf dem Alten Friedhof der Stadt wieder zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, um den Gefallenen zweier Weltkriege und den Verstorbenen zu gedenken. Dabei stand auch in Lauffen der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine im Vordergrund.

 

Volkstrauertag 2022 Foto: Drechsler

 

Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger stellte seiner Gedenkansprache einen Auszug aus den Akten des Stadtarchives Lauffen voran:

 

Im August 1948 berichtet der frühere Reichsluftschutzbund Ortsgruppe Lauffen am Neckar über den Luftkrieg 1940 bis 1945 an die Stadtverwaltung.

 

Die Akte des Stadtarchives Lauffen trägt die Nummer A 1168. Der darin abgelegte Bericht umfasst 16 maschinengeschriebene Seiten und ist unterzeichnet von Dr. Reinhardt, Hauptlehrer Meroth und Otto Bögel. Er wurde in 3facher Ausfertigung im Stadtarchiv abgelegt.

 

Danach war der erste Fliegeralarm am 30. Juni 1940, die letzte Beobachtung durch eine französische Spähtruppe am 14.April 1945 über dem Neckar, die aber abzogen, als gegen 11.00 Uhr amerikanische Truppen von Heilbronn aus nach Lauffen vorrückten.

 

Leider, so schreiben die Verantwortlichen, war die kleine Stadt Lauffen am Neckar mit ihren 5.500 Einwohnern die erste Stadt von ganz Württemberg, die die Schrecken des Luftkrieges zu spüren bekamen.

 

„Nicht wenig habe dazu beigetragen“, schreiben sie weiter, dass mit dem Scheinbahnhof auf dem großen Feld zwischen Lauffen, Hausen und Nordheim versucht wurde, vom Stuttgarter Hauptbahnhof abzulenken. Heute geht man davon aus, dass den Allierten durchaus bewußt war, was es mit dem Scheinbahnhof auf dem großen Feld auf sich hatte, dennoch – die Orientierung der Luftwaffen war aus dem Rückblick von heute spektakulär schlecht.

 

Sie schließen das Thema „Brasilien“, den Begriff nannten sie noch nicht, mit der Anmerkung: „Nach erfolgten Angriffen kamen oft sehr viele Schaulustige aus purer Sensationslust. Der Bevölkerung hat das nicht gefallen, da wir ja für Stuttgart den Kopf hinhalten mussten.“

 

Die Stadt Lauffen hatte während des 2. Weltkrieges 382 mal Fliegeralarm und 37 Angriffe zu verzeichnen, die Sirene war ca. 1.000 mal in Tätigkeit gesetzt.

 

Im Verlauf des Krieges wurden die Fliegerbomben immer schwerer und die Wirkung dadurch größer, sodass ein gewöhnlicher Hauskeller als Schutzraum nicht mehr genügte.

 

Der Verlust an Menschenleben beträgt 99 Tote, verletzt wurden etwa 200 Menschen, davon viele schwerverletzt und lebenslang Krüppel.

 

Am 13. April 1944, einem Donnerstag erfolgte zwischen 13.34 und ca. 16.00 Uhr der folgenschwerste Fliegerangriff auf unsere Stadt.

 

Es fielen 32 schwere Bomben mit 500 kg, kleinere Bomben, Phosphorkanister, und 2.000 Lips-Splitterbomben. Sie explodierten oberhalb der Erde, zersplitterten in kleine Teile und hatten eine ungeheure Durchschlagskraft. An diesem Tag starben, so der Bericht, 53 Deutsche, 3 Franzosen und ein Russe, 100 Menschen wurden schwer und leicht verletzt.

 

Am 5. April 1945 wurde die Neckarbrücke gesprengt, zwei Brückenbogen brechen zusammen.

 

Vom 6. April 1945 berichten die Verantwortlichen: Der Stadtteil Dorf wird von Marrokanern (de Gaulle-Truppen) besetzt, Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen sind an der Tagesordnung. In unbewohnten Häusern plündern und hausen diese de Gaulle-Truppen wie Barbaren.

 

5 Wochen später, so Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger, schwiegen die Waffen. Die Akten seien historisch einzuordnen. Darum ging es ihm aber nicht. Es ging ihm um das Gesicht des Krieges, die hässliche Fratze des Krieges in Lauffen, bei Verdun, in Stalingrad, in Ausschwitz, in Butscha.

 

Europa, der Kontinent, nicht die Europäische Union, sei seit dem Kriegsende im Mai 1945 nicht von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont geblieben. Gleichwohl stellt der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine eine neue Dimension des Schreckens dar.

 

Jeder Bürgermeisterkollege, jede Kollegin des 42-Millionen-Landes sei seit 2014, der Annexion der Krim und schließlich seit dem 24. Februar 2022 im Alarmzustand, wie es unsere Stadt von 1940 an war. Und in zahllosen Gemeinden und Städten der Ukraine finde seit Frühjahr exakt das statt, was die Verantwortlichen des Reichsluftschutzbundes Lauffen im Jahr 1948 retrospektiv beschrieben haben – Alarm, Bombardierung, Besetzung, Tote und Verletzte, Folter, Haft, Vergewaltigung von Kindern und Frauen – auch an diesem Sonntagmorgen wenn man im Alten Friedhof der Stadt den Gefallenen, den zivilen Opfern zweier Weltkriege gedenke.

 

„Eine zivilisierte, demokratisch organisierte Gesellschaft, darf so etwas nicht akzeptieren. Nicht in Europa, nicht in den anderen 6 Kontinenten dieser Welt. Tatsächlich sind es aber heute nicht mehr nur Autokraten, die als Aggressor auftreten. Schon der zweite Weltkrieg ist aus einer jungen Demokratie, dem ersten deutschen Demokratieversuch, entstanden, der immerhin 14 Jahre währte. Auch die russische Regierung ist gewählt und wird von der Bevölkerung in weiten Teilen unterstützt.

 

Warum glauben die Menschen dem im Jahr 2004 noch als lupenreiner Demokrat Bezeichneten die Lügen über vermeintliche Nazis in der Ukraine, warum glauben die Freien und die Tapferen in den USA einem Dauerlügner, der schon vor einer Wahl erklärt, diese nur anzuerkennen, wenn er sie gewinnt. Weil die Demokratie verletzlich ist, weil das einfachste Regierungshandeln immer über Ressentiments gegen Randgruppen und durch das Schüren von Ängsten funktioniert – der Gegner wird zum Gegner weil er Jude ist, oder Nazi, oder Mörder ungeborenen Lebens.“

 

Es fordert offensichtlich ein besseres Menschengeschlecht, wie Friedrich Hölderlin es im Empedokles formuliert hat: Zitat: „ Es ist die Zeit der Könige nicht mehr/Euch ist nicht/zu helfen/wenn ihr selbst euch nicht helft …“

 

Volkstrauertag 2022 Foto: Keßler 

Der Bürgermeister weiter: „Wir müssen die hässliche Fratze des Krieges zeigen. Es macht Mut, wenn wir hier in unserer Stadt erleben, dass der Volktrauertag aus seiner Wahrnehmungsnische verschwindet und sich breite Kreise der Zivilgesellschaft diesem Thema annehmen. Schon im vergangenen Jahr mit der Kooperation der Evangelischen Kirche und der Stadtkapelle, dieses Jahr mit dem Akkordeon-Konzert heute um 17.00 Uhr. Großartig die Ausstellung des Heimatvereins und der Evangelischen Kirchengemeinde zur Geschichte des Volktrauertages im historischen Weinkeller des Hölderlinhauses. Diese vielen Namen, alphabetisch in Holz geschnitzt, die Gefallenen des Ersten Weltkrieges – wie viele Kinder mussten ohne Vater aufwachsen – wofür denn? Und die in Fotos aufgearbeitete Historie des Kriegerdenkmals auf der Rathausinsel – warum haben wir die Steine aus dem Bauhoflager geholt, warum haben wir es nur teilweise aufgebaut. Gibt es für das kommende Jahr ein Format, um wieder die Jugend unserer Stadt einzubinden? Wer hat eine Idee – Kirchen, Vereine, der VdK Ortsverein?

 

Und dann – was kann jeder Einzelne von uns tun, gegen diese hässliche Fratze des Krieges.

Stehen Sie zur europäischen Idee. Lassen Sie nicht zu, dass Europa, die Friedensunion, durch autokratische Demokraten und rechtes Geschwätz in Misskredit gerät. Verteidigen Sie auch die Schwächen eines Bürokratiemonsters in Brüssel und Straßburg und fordern Sie von unseren Regierenden Gesetze und Verwaltungshandeln gegen den Missbrauch der Freiheiten, die uns ein freizügiges Europa garantiert. Wenn wir einen Krieg wie in der Ukraine verhindern wollen, muss die Europäische Idee wachsen und die EU sich ausdehnen. Und mit jedem Staat, der Mitglied wird, braucht es mehr Befürworter und Unterstützer, denn das Tagesgeschäft wird schwieriger, das Ideal einer freien Gesellschaft angreifbarer.“

 Volkstrauertag 2022 Foto: Keßler   Stadtkapelle und Urbanus

 

Ein herzlicher Dank geht an die Stadtkapelle, Herrn Gerhard Seidenberg und den Gesangverein Urbanus für die Mitwirkung an dieser Feierstunde. Zusammen mit Axel Jäger und Volker Spörle wurde anschließend ein Kranz der Stadt Lauffen am Neckar und ein Kranz des VdK-Ortsvereins am Ehrenmal für die Gefallenen der Weltkriege niedergelegt und das offizielle Totengedenken verlesen.

 

Fotos: Keßler (2), Drechsler (1)