Kultur & Gesellschaft

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Zukunft

Zukunft - Was taugen Zukunftsszenarien?

Profil des Wissenschaftlers

Hariolf GruppHariolf Grupp (* 3. Juli 1950; † 20. Januar 2009) studierte an der Universität Heidelberg die Fächer Mathe und Physik. Seine Beschäftigung mit der Spieltheorie führte ihn zur Wirtschaftswissenschaft, in der er sich 1997 an der TU Berlin habilitierte. 1984 trat er in das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe ein, ab 2005 als Direktor. Seit 2001 war der Physiker und Mathematiker Professor am Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung der Universität Karlsruhe. Über 20 Jahren erstellt er mit anderen für die Bundesregierung den Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands. Seit 2007 war er Stellvertretender Vorsitzender der von der Bundesregierung berufenen Expertenkommission Forschung und Innovation.

pressebericht

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bild der wissenschaft interviewt...

„Der Export von Waren ist ein Auslaufmodell“

Deutschland ist Exportweltmeister. Der Technologieexperte Hariolf Grupp ist überzeugt, dass der Titel nicht mehr viel wert ist.

 

bild der wissenschaft: Wie beurteilen Sie die aktuelle technologische Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland, Herr Prof. Grupp? HARIOLF GRUPP: Nach wie vor ist sie sehr gut – auch in Anbetracht des Weltmarkts. Die Schwierigkeiten des Wirtschaftsstandorts Deutschland resultieren aus lahmem Binnenkonsum und verbreiteter Investitions-zurückhaltung.  


Das Klima für Forschung und Entwicklung habe sich verbessert, ist neuerdings oft zu hören. Wie erklärt es sich dann, dass das Handelsblatt vor wenigen Wochen auf der Titelseite eine Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft präsentierte, wonach sich jüngst die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 2,52 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt auf 2,48 Prozent verringerten? Von der Betrachtung solcher kurzfristigen Schwankungen bei der zweiten Stelle hinter dem Komma halte ich überhaupt nichts. Längerfristige Betrachtungen machen dagegen Sinn. Erinnern wir uns: 1988/89 gab man in Deutschland fast 3 Prozent für F&E aus. Doch durch die Kosten der Wiedervereinigung, die politisch richtig war, haben wir bis 1994 deutlich abgebaut und erreichten nur noch knapp 2,3 Prozent. Zwar steigen die Ausgaben seit Mitte der Neunzigerjahre wieder, aber eben nicht überdurchschnittlich. Um mit Ländern wie den USA, Japan, den skandinavischen Staaten oder selbst Südkorea gleichzuziehen, müssten wir mehr zulegen.

 
Wirkt sich die neue Bundesregierung positiv auf das Technologieklima aus? Was wir jetzt im Bereich der Technologie an Erholung sehen, ist vermutlich durch die – wenn auch zögerlichen Maßnahmen – der Vorgängerregierung in die Wege geleitet worden. Bis sich Strukturen verändern, vergehen ein paar Jahre. Entscheidend ist, wie es jetzt weitergeht.

Kann die momentan günstige Stimmung aufrecht erhalten werden oder kippt sie beispielsweise durch die Mehrwertsteuer-Erhöhung wieder?

 

Das Kabinett Merkel verkündet stolz, in dieser Legislaturperiode sechs Milliarden Euro mehr für Forschung und Entwicklung locker zu machen. Das angestrebte Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für F&E auszugeben, wird damit aber nicht erreicht. Korrekt. Dazu müssten auch die Unternehmen mehr investieren. Doch das ist nicht alles: Die Achillesferse sind die fehlenden Personen. Wir haben einen Riesenmangel an hochqualifizierten Fachkräften vor uns. Wenn man – wie von Brüssel geplant – tatsächlich drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU für Forschung einsetzen möchte, brauchen wir weit über 100 000 Personen zusätzlich, um diese Forschungen und Produktentwicklungen durchzuführen – und die haben wir nicht.

 
Die um 2000 eingeführte Greencard für ausländische Spezialisten sollte zumindest in der deutschen Informationstechnologie Abhilfe schaffen. Was die Köpfe angeht, haben wir dadurch im vierstelligen Bereich zugelegt. Wir brauchen aber eine sechsstellige Zahl.

 
Sehen Sie andere Lösungen?Die jetzt angegangenen Verbesserungen im Bildungsbereich – auch die gezielte Ansprache von Mädchen – wirken sich erst in 10 bis 12 Jahren aus. Schnell nenne ich das nicht. Wenn es um rasche Veränderungen geht, haben wir drei Chancen: Einmal Hochqualifizierte aus dem Ausland zu gewinnen. Da tun wir uns durch unser Zuwanderungsgesetz und das kulturelle Drumherum schwer, weil es gesuchte Hochqualifizierte gleich behandelt wie alle Einwanderer. Die USA agieren geschickter: Nicht zuletzt deshalb sind von den dortigen Doktoranden inzwischen über die Hälfte nicht im Land geboren. Unsere zweite Möglichkeit ist, qualifizierte Frauen für die Forschung wieder zu gewinnen, die in ihrer Mutterrolle ihre Hauptbeschäftigung haben. Das erfordert andere Modelle der Kinderbetreuung und flächendeckende Ganztagsschulen. Da geschieht bei uns zu wenig. Bleibt die intensive Weiterbildung in den Unternehmen selbst. Leider liegen wir auch bei der Weiterqualifizierung international auf den hinteren Plätzen.

 

Wieso schaffen es die USA weiterhin, die Besten ins Land zu holen? Die USA haben Zuwanderströme aus dem Osten – also aus Europa – und gleichzeitig Zuwanderungen aus dem Westen – also aus China, Japan, Taiwan. Forscher dieser Länder haben Europa nicht im Fokus. Der Hauptvorteil der USA sind aber Sprache und Lebensart. Es gibt in der Welt eben viele, die Englisch beherrschen.

 

Englisch wird in den Unternehmen Deutschlands mehr und mehr zur Umgangssprache. Wieso gibt es dann trotzdem ein Problem für ausländische Fachkräfte? Es ist ein Wettbewerb der Nationen um kluge Köpfe aus dem Ausland entbrannt. Kleinste Vorteile entscheiden. Die ausländischen Forscher wollen ja nicht nur mit ihresgleichen reden, sondern auch mit Sekretärinnen oder Fahrern und privat mit Verkäuferinnen, Autohändlern oder Nachbarn. Dort ist es bei uns mit Englisch schnell zu Ende. In kleinen Ländern Europas wie den Niederlanden, Dänemark oder Schweden ist das anders, weil fast jeder Englisch beherrscht.

 

Wie schlagen sich die Schweiz und Österreich im internationalen Wettbewerb hinsichtlich ihrer technologischen Leistungsfähigkeit? Die deutsche Schweiz ist von der Grobstruktur ähnlich wie Deutschland. Statt auf die Automobilindustrie setzt man dort auf die Pharmaindustrie. Die wissenschaftliche Leistung der Schweiz ist exzellent und weltweit führend. Österreich hat in jüngerer Zeit eine Riesendynamik. Zu der kommt es, weil das Land von einem hinteren Platz nach vorne preschen kann. Diese Möglichkeit spielt beim internationalen Innovationswettbewerb oft eine entscheidende Rolle. Wenn Investoren nach geeigneten Lokalitäten suchen, ist das erreichte hohe Niveau in manchen Fällen weniger attraktiv als die momentane Dynamik.

  

Geht deshalb von Ansiedlungen ausländischer Forschungseinrichtungen in Deutschland – etwa dem Europalabor von General Electric – ein wichtiges Signal aus? Ja. Ich bin aber nicht der Meinung, dass Deutschland einen großen Nachholbedarf an Forschungsabteilungen ausländischer Konzerne hat. Die geringe Ansiedlungsquote der vergangenen Jahre hat damit zu tun, dass große ausländische Firmen schon früher gekommen sind. IBM, HP, General Motors mit Opel sind mit Riesenabteilungen seit Jahrzehnten da.

 

Deutschland ist im zweiten Jahr in Folge Exportweltmeister. Vor zwei Jahrzehnten, als dieser inoffizielle Titel erstmals errungen wurde, erfüllte das hierzulande viele mit Stolz. Neuerdings macht das nicht einmal mehr Verbandsfunktionäre glücklich. Warum, Herr Grupp? Die Exportweltmeisterschaft bezieht sich auf Industriewaren, nicht auf Südfrüchte, nicht auf Mineralöl, nicht auf Dienstleistungen. Der Überschuss in der hervorragenden deutschen Leistungsbilanz darf nicht allein auf das Muskelpaket Export zurückgeführt werden, sondern hat auch mit der schwachen Nachfrage der Deutschen nach Importwaren zu tun, während der Weltmarkt boomt. Zweitens ist der Export von Waren im Zeitalter der Globalisierung eher ein Auslaufmodell. Moderne Unternehmen produzieren nämlich dort, wo die Produkte abgesetzt werden, und nicht bei der Konzernzentrale. Ich bin der Auffassung, dass die Exportweltmeisterschaft der verarbeitenden Industrie keine besonders gute Versicherung für die Zukunft ist.

 

Kennen Sie eine bessere? Der Wirtschaftsnobelpreisträger Douglas North hat eindeutig gezeigt: Immer dann, wenn die gesellschaftlichen Gruppierungen an einem Strang ziehen, geht es vorwärts. Wenn sie sich Knüppel in den Weg legen, geht es schlecht. Die florierenden skandinavischen Volkswirtschaften sind der beste Beweis. Beispielsweise gibt es dort keinerlei Berührungsängste zwischen Staat und Wirtschaft, zwischen Bildungseinrichtungen und Parteiideologen.

 

Seit zwei Jahrzehnten beraten Sie Regierungen und Unternehmen hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit. Was war denn vom heutigen Standpunkt aus betrachtet Ihr größter Irrtum?Ich – wie auch viele andere – habe noch vor zehn Jahren behauptet, Deutschland besitze weltweit mit die besten Ausbildungsstandards, sowohl in der Spitze wie in der Breite. Pisa und andere Studien haben gezeigt, dass das nicht stimmt. Wir haben zu spät erkannt, dass das deutsche Bildungssystem im Wettbewerb der Nationen keine Trumpfkarte mehr ist. Daran leiden wir heute und leider auch in Zukunft, weil schnelle Hilfe nicht möglich ist. Krass gesagt haben uns jene Länder überholt, wo die Weichen so gestellt sind, dass eine Schulkarriere selten in die Sonderschule, aber fast immer zum Abitur führt.

 

   

Das Gespräch führte Wolfgang Hess für bild der wissenschaft 6/2006 

bildnachweise

Hariolf Grupp:Fraunhofer ISI

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