Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 07.04.2026
Zwischen Witz, Wut und Wahrheit
Rein weiblicher Poetry Slam im Klosterhof feiert Selbstbestimmung und Vielfalt

Am 26. März 2026 wurde der Klosterhof in Lauffen einmal mehr zur Bühne für große Worte und feine Zwischentöne: Im Rahmen des Lauffener Kulturjahrs "Starke Frauen" fand dort ein Poetry Slam statt, der in besonderer Weise in Erinnerung bleiben dürfte. Unter der Moderation von Elias Raatz traten ausschließlich Frauen auf – sowohl im Wettbewerb als auch als Special Guest. Ein bewusst gesetztes Zeichen, das sich auch inhaltlich eindrucksvoll widerspiegelte - zur Freude des zahlreichen und überdurchschnittlich jungen Publikums.
Bea Herzog - "Eisbrecherin"
Den Auftakt und die Überleitung nach der Pause gestaltete Bea Herzog aus Mainz, die als „Eisbrecherin“ das Publikum schnell auf ihre Seite zog. Als Psychotherapeutin ist sie es gewohnt zuzuhören – auf der Bühne kehrt sie dieses Verhältnis genüsslich um. Mit pointierter Selbstironie sprach sie über die kleinen und großen „Traumata“ des Alltags einer Frau Ü40. Ob es nun der fehlende „sexy Raoul“ im Fitnessstudio ist, die harsche Realität beim Brautkleidkauf für Frauen ohne die Figur einer Disneyprinzessin oder der Sport-BH mit imaginärem Gewerkschaftsvertreter: Herzog traf mit ihren Beobachtungen zielsicher den Nerv des Publikums; einzig ihre provokant eingebauten "Pimmel-Witze" stießen auf geteiltes Echo, führten aber zur gewünschten Lockerheit.
Im Wettbewerb selbst traten – in dieser Reihenfolge – Pauline Metz, Silke Weißenrieder und Anna Lisa Azur an. Drei Stimmen, drei Perspektiven – und doch verbunden durch den klaren Fokus auf weibliche Lebensrealitäten.
Die junge Pauline Metz eröffnete den Wettbewerb mit einem ebenso humorvollen wie nachdenklichen Blick auf das Leben von Frauen in ihren Zwanzigern. Sie thematisierte gesellschaftliche Erwartungen, verkörpert durch die immer gleiche Frage nach dem „Mann“, den Freund, der nicht nur für "Tante Ilse" die Frau erst zu einem vollständigen Wesen macht. Mit trockenem Witz stellte sie dem die Selbstbestimmung entgegen und formulierte selbstbewusst: „Ich bin ’ne Frau, also brauch ich keinen Mann!“ Ihr zweiter Text führte in die prekäre Lage gut ausgebildeter junger Menschen auf dem aktuell sehr schwierigen Arbeitsmarkt. Zwischen zahllosen Bewerbungsschreiben, enttäuschenden Absagefloskeln und Selbstzweifeln verdichtete sie ihre Erfahrungen zu einer Mischung aus Frust und Humor – inklusive der resignierten Erkenntnis, dass selbst die Bahn sie nicht wollte: „Der Zug ist abgefahren.“
Eine ganz andere Perspektive brachte Silke Weißenrieder auf die Bühne. Als Lehrerin und Mutter nahm sie zunächst die allgegenwärtige Perfektion ins Visier, wie sie etwa durch Kinderbuchfiguren wie die bekannte "Conni"-Reihe vermittelt wird. Mit bissiger Ironie entwarf sie alternative, bewusst überzeichnete Buchtitel und entlarvte so den Druck, der auf den Kindern, aber auch insbesondere auf Müttern lastet. Auch in ihrem zweiten Text blieb sie bei einer Kritik an gesellschaftlichen Idealbildern – diesmal in Form von Märchenprinzessinnen. Mit analytischem Blick und viel Humor zeigte sie, wie tief stereotype Rollenbilder verankert sind, und plädierte zugleich für ein selbstbewusstes Aufbrechen dieser Muster: „Seien wir wachsam und laut: hauen wir den Frosch an die Wand und bekommen trotzdem den Prinzen!“.
Den Abschluss machte Anna Lisa Azur, die als erfahrene Bühnenperformerin nicht nur mit ihren Texten, sondern auch mit ihrer Präsenz überzeugte. Ihr erster Beitrag, ein kunstvoll aufgebauter Brief an ihr jüngeres Ich, entwickelte sich zu einer berührenden Reflexion über Selbstbild, Körper und gesellschaftliche Wahrnehmung. Besonders eindrücklich gelang ihr die Erkenntnis, dass Kleidung an sich unschuldig ist – und erst durch Zuschreibungen aufgeladen wird. In ihrem finalen Text „Herz auf Hand“ wandte sie sich einem männlichen Gegenüber zu und dekonstruiert scheinbar klare Rollenbilder. Hinter der Fassade des „Machers“ zeigte sie einen sensiblen Mann, der ebenfalls unter dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck leidet. Ihre Botschaft traf mitten ins Herz: Menschlichkeit zählt mehr als jedes Geschlechter-Klischee.
Das Publikum zeigte sich durchweg begeistert und honorierte die Vielfalt und Tiefe der Beiträge mit großem Applaus. Am Ende setzte sich Anna Lisa Azur durch – ein verdienter Sieg, der jedoch den Eindruck eines insgesamt außergewöhnlich starken Abends nicht schmälert. Der „Dichterinnenwettstreit Deluxe“ wurde seinem Namen gerecht und hinterließ ein Publikum, das sich noch lange nach dem letzten Applaus an diese Texte erinnern wird.
Text und Foto: Bettina Keßler
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