Virtueller Lauffener Bote

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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 13.04.2026

Melodien gegen das Vergessen

Ein bewegender Klezmerabend voller Geschichten von Liebe, Schmerz und Lebensfreude

Zum 25jährigen Jubiläum boten die "Homentaschn" jiddische Lieder zwischen Humor und Tragik (v.l.n.r.): Götz Engelhardt, Roland Wunderlich, Rainer Albrecht und Harald Schnabel im Klosterhof.
Zum 25jährigen Jubiläum boten die "Homentaschn" jiddische Lieder zwischen Humor und Tragik (v.l.n.r.): Götz Engelhardt, Roland Wunderlich, Rainer Albrecht und Harald Schnabel im Klosterhof.

Musizierend betraten die vier Musiker des Ensembles „Homentaschn“ die Bühne im Klosterhof – ein Auftakt, der sofort Atmosphäre schuf. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens präsentierte das Quartett auf Einladung der vhs unterland im Rahmen des städtischen Kulturprogramms „bühne frei…“ ein abwechslungsreiches Programm mit zahlreichen jiddischen Liedern. Bereits das zweite Stück führte mitten hinein in die Welt der Klezmermusik: ein Lied über die „Klezmorim“, das die Bitte formuliert, fröhliche Musik möge den Kummer, die „traurige Angst“ vertreiben – ein Motiv, das im Laufe des Abends immer wieder aufblitzte und Momente der Lebensfreude zwischen tragische Lebensgeschichten streute.

Im Kontext des Lauffener Kulturjahres „Starke Frauen“ legten die Musiker dabei einen Schwerpunkt auf die Lebensgeschichten jiddischer Frauen und Mädchen. Zwei Lieder von Mordechaj Gebirtig, einem der wichtigsten jiddischen Liederdichter, erzählten von jungen Frauen und ihren Problemen mit der Liebe. Im „Rejsele“ hadert ein junger Mann mit den Erwartungen der Schwiegermutter, während das Lied „Sheyndele“ in einem berührenden Dialog zwischen Mutter und Tochter den schwierigen Konflikt zwischen Liebe und materieller Sicherheit auslotet. Die eindringliche Darstellung der beiden Sänger Rainer Albrecht und Roland Wunderlich verlieh dem Stück große emotionale Tiefe.

Das Ensemble überzeugte insgesamt durch seine enorme instrumentale Bandbreite. Wunderlich wechselte zwischen Harmonium, Bass und Mandoline, Albrecht zwischen Gitarre, Klavier und Melodika, während Harald Schnabel Klarinette, Saxophon und Schlagwerk beisteuerte. Götz Engelhardt schließlich prägte mit seiner Geige den Klang des Abends entscheidend: virtuos und ausdrucksstark ließ er die Emotionen der Lieder hörbar werden und streute gleichsam glitzernden „Goldstaub“ über das solide musikalische Fundament des Ensembles.

Nach einem freudigen Lied über die Verheiratung der jüngsten Tochter – diesmal gesungen von Götz Engelhardt - folgten lebhafte Tänze, die spürbar gute Laune verbreiteten. Doch auch ernste Themen fanden ihren Platz. Ein „jiddischer Tango“ erzählte von Auswanderung und der kriminellen Ausbeutung junger Frauen in Buenos Aires – ein düsteres Kapitel der Geschichte, eindringlich musikalisch umgesetzt. Mit Humor näherte sich das Ensemble dem Leben jüdischer Einwanderer in den USA im Lied „Vot ken you mach? Es iz Amerike“ – inklusive eines raffinierten Zitats von Gershwins „I want to be in America“ -, bevor das Ensemble mit „Bay mir bistu sheyn!“, einem der bekanntesten jiddischen Klassiker überhaupt, auf den ersten Höhepunkt des Abends zusteuerte.

Nach der Pause änderte sich die Stimmung spürbar. Mit dem berührenden, sehr persönlichen Lied über die geliebte und fürsorgliche „Shvester Khaye“ mit den grünen Augen, die als Opfer des Holocausts ihr Leben in Treblinka verlor, wurde es still im Klosterhof. Ebenso eindrucksvoll das musikalische Porträt einer weiteren starken Frau: Der Partisanin Wittke Kempner, die durch ihren unbändigen Mut und ihre Widerstandskraft vielen Menschen das Leben rettete. Ihr setzte der Dichter Hirsch Glick in einer seiner „Partisanenhymnen“ ein berührendes Denkmal.

Neben diesen ernsten Momenten fehlten jedoch auch im zweiten Teil nicht die lebensbejahenden Stücke. Lieder über Hoffnung, Widerstand und menschliche Schwächen wechselten sich ab. Besonders bewegend: Das als Folksong „Donna, Donna“ bekannte, eigentlich jiddische Lied "Dos Kelbl", bei dem das Publikum den Refrain begeistert mitsang. Die Zugabe – jiddische Strophen zu Cohens „Hallelujah“ – vereinte schließlich Musiker und Zuhörer in einem gemeinsamen, eindrucksvollen Abschluss.

Lang anhaltender Applaus war der verdiente Dank für ein Konzert, das die große Spannbreite jiddischer Musik erlebbar machte – von ausgelassener Freude über Aufstand und Wut bis hin zu stiller, liebevoller Erinnerung.

Text und Foto: Bettina Keßler