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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 18.09.2026

High Heels oder Wanderschuhe?

Talkrunde mit fünf hochkarätigen Frauen aus Politik, Wissenschaft, Weinbau, Wirtschaft und Kultur

Logos "Starke Frauen" & Kulturregion Heilbronner Land (rotes Männchen mit ausgestreckten Armen das nach rechts oben zeigt)
Starke Frauen Talkrunde: Prof. Dr.-Ing. Zamira Daw, Katharina Kalmbach, Moderatorinnen Ulrike Kieser-Hess und Bettina Keßler, Friedlinde Gurr-Hirsch, Solvejg Bauer, Clarissa Mayer (v.l.n.r.)
Talkrunde zum Thema „Starke Frauen" mit (von links) Prof. Dr.-Ing. Zamira Daw, Katharina Kalmbach, den Moderatorinnen Ulrike Kieser-Hess und Bettina Keßler sowie Friedlinde Gurr-Hirsch, Solvejg Bauer und Clarissa Mayer. (Foto: Manuel Keßler)

Das diesjährige Thema der Kulturregion HeilbronnerLand ebenso wie in der Lauffener Kulturarbeit lautet "Starke Frauen". Machen wir Nägel mit Köpfen und diskutieren das Thema in weiblicher Runde, dachte Kulturamtsleiterin Bettina Keßler, die erkannt hat, dass man die Bedeutung des Themas gar nicht hoch genug hängen kann: Als Co-Moderatorin holte sie die Journalistin Ulrike Kieser-Hess mit ins Boot. Als kluge Köpfe aus der Kultur sind Solvejg Bauer (neue Intendantin des Theaters Heilbronn) und Katharina Kalmbach (seit 2025 Kantorin der Ev. Regiswindiskirche) vertreten. Die Politik wurde durch die geschätzte CDU-Politikerin Friedlinde Gurr-Hirsch repräsentiert, die Wirtschaft durch die international erfahrene Juniorchefin Clarissa Mayer des Familienbetriebs Pflanzen-Mauk und die Wissenschaft durch die aus Kolumbien stammende Zamira Daw, die in Deutschland promoviert hat und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Luftfahrtsysteme der Universität Stuttgart ist.

Fünf erfolgreiche Frauen zwischen Mitte zwanzig und siebzig, ein Pool weiblicher Erfahrungen, aus dem Erkenntnis gewonnen werden kann zur großen Frage. Was braucht's, um als Frau erfolgreich den eigenen Weg zu gehen? Mut? Macht? Möglichkeiten? Tatsächlich durchzieht erwartungsvolle Neugier den Klosterhof: Welche Erkenntnisse wird das Publikum am Ende des Abends mitnehmen?

Gut gewählt ist der spielerische Einstieg, der nach Vorbildern fragt und in einem Set aus Entweder-Oder-Fragen eine erfrischend lockere Gesprächsatmosphäre schafft. Kaffee oder Sekt? – warum nicht „morgens Kaffee, abends Sekt?". Buch oder Podcast? Planerin oder Bauchmensch? Hier ist die Damenrunde jeweils geteilter Meinung. Schnitzel oder Tofu? „Spaghetti Bolognese" gesteht Bauer, die auch bei der Frage Frühaufsteher oder Nachteule mit heiterem Sowohl-als-auch kontert: „Ich arbeite früh und am Theater auch bis spät". High Heels oder Wanderschuhe? Gurr-Hirsch differenziert „High Heels in jungen Jahren, heute Wanderschuhe", bevorzugen alle anderen eindeutig die Wanderschuhe.

Starke Frauen Talkrunde: Musikalische Eröffnung durch den Lady-Gaga-Projektchor mit dem Gospelchor JUST4YOU, Leitung: Katharina Kalmbach
Der Abend wurde sehr passend musikalisch eröffnet durch den Lady-Gaga-Projektchor mit dem Gospelchor JUST4YOU unter der Leitung von Katharina Kalmbach, u.a. mit einer Hymne der LGBTQ+-Community, dem Song "Born this way". (Foto: Manuel Keßler)

Frauen kennen das Muster des Entweder-Oder, denn die Frage „Kind oder Karriere", die sich primär für Frauen stellt, ist für ihre Biografie entscheidend. Auch wenn sich das heutige Rollenverständnis zugunsten berufstätiger Frauen gewandelt hat und nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz Fragen nach der Kinderbetreuung unzulässig sind, ist potenzielle Diskriminierung aufgrund des Geschlechts noch lange nicht überwunden. Auch das eine Erkenntnis der Talkrunde.

Das Gespräch stützt sich auf Berufs- und Lebenserfahrungen, ist nah an der Praxis - außer den beiden Mittzwanzigerinnen Mayer und Kalmbach, haben alle Diskutantinnen Kinder. Und hochspannend, weil nicht theoretisiert wird über Gender Gaps und emanzipatorisch Ziele. Zum Einstieg wollte Keßler wissen: „Mit welcher historischen oder berühmten Frau würden Sie gerne einmal zu Abend essen – und warum gerade mit ihr?" Sofort ist auch das Publikum gedanklich aktiviert, fragt sich, mit welcher Frau aus der Geschichte würde ich gern einmal ein Gespräch führen? Gurr-Hirsch würde gerne Maria Theresia treffen und wissen, wie sie 16 Kinder, ihre Ehe und die vielen Repräsentationspflichten unter einen Hut gebracht hat. Daw würde gern eine afroamerikanische Astronautin kennenlernen und von ihr erfahren, wie sie ihren Berufsweg gefunden hat. Kalmbach möchte die jüdische Dichterin Hilde Domin treffen und Bauer ist interessiert, wie Simone de Beauvoir die schwierige Beziehung zu Sartre gemeistert hat. Mayer würde gerne von der Präsidentin der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde wissen, wie sie Entscheidungen trifft, in ihrem Job, bei dem man es nie allen recht machen kann. Und Kieser-Hess hätte Lust auf die Frau des ersten Bundespräsidenten, Elly Heuss-Knapp, die „tough und unkonventionell die Dinge in die Hand genommen hat. Ich hätte nur gebannt zugehört und wahrscheinlich gar nichts mehr sagen können".

Eine Diskussionsrunde ohne Worthülsen, erfrischend und von entwaffnender Ehrlichkeit. Wie bei jeder gelungenen Veranstaltung, eilt das Publikum nach dem Applaus nicht sofort nach Hause, sondern diskutiert inspiriert weiter. Denn was hatte Bauer angemahnt: „Errungenschaften sind nicht selbstverständlich. Wir müssen das Erreichte halten und ausbauen". Und Gurr-Hirsch stimmt zu: „Die Messe ist noch lange nicht gelesen. Da müssen wir nur auf die gehypten "Tradwives" schauen. Wir Frauen müssen uns gegenseitig unterstützen, die Männer tun das auch.“

Text: Leonore Welzin