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Aktuelle Nachrichten | Kast, Ingrid | 19.10.2026

Ein überaus lustiger Abend: Nora Gomringer liest bei der HerbstLese im Hölderlinhaus

Nein, es war nicht ihr Vater Eugen Gomringer, der bekannte Dichter und Erfinder der konkreten Poesie, der sie zum Schreiben gebracht hat. „Ich danke meinen Lehrern, die mich dazu ermuntert haben“, sagt Nora Gomringer bei ihrer Lesung im Hölderlinhaus im Rahmen des Literaturfestivals HerbstLese. Das Verhältnis zum oft abwesenden Vater ist auch ein Aspekt ihres Buches „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“, aus dem sie auf Einladung des Hölderlin-Freundeskreises liest.

Nora Gomringer im Gespräch mit Klaus-Peter Waldenberger, Vorsitzender des Hölderlin-Freundeskreises und BMaD
Nora Gomringer im Gespräch mit Klaus-Peter Waldenberger, Vorsitzender des Hölderlin-Freundeskreises

Ein Buch, das aber in erster Linie um die verstorbene Mutter kreist.

Ein Umstand, bei dem Klaus-Peter Waldenberger, Vorsitzender des Freundeskreises, gleich einhakt: Kein Roman, keine Erzählung sei das Buch, sondern ein „Nachrough“. Gomringer schmunzelt: „Ich hoffe, damit eine neue Gattung gegründet zu haben.“ Die Kombination aus Nachruf und dem englischen Wort rough für rau, soll deutlich machen, dass es sich nicht einfach um ein Muttermemoire handelt. „Ich habe sehr tastend geschrieben, ein Schritt vor, zwei wieder zurück. Das ist eine Art Sinuskurvenverschiebung“, erklärt sie lachend. Überhaupt wird an diesem Abend, den Waldenberger mit feinem Gespür für den Humor des Buches und den Witz seiner Autorin moderiert, viel gelacht.

Eigentlich ist sie keine große Freundin des autofiktionalen Erzählens, „das die Literatur übernommen hat“, vor allem gepflegt von junge Autorinnen und Autoren, die aus der Großstadt in ihr Heimatdorf zurückkehren und es entweder belächeln oder entdecken, wie großartig ihre Kindheit war. Nora Gomringers Blick aus dem heutigen Handy-Zeitalter auf die eigene Kindheit in einem oberfränkischen Dorf: „Ich liebe mein Handy, aber damals hatte das Leben einen anderen Rhythmus, eine andere Intensität.“

Auch da hakt Waldenberger schnell nach: Ob ihr Buch insofern nicht auch eine Biografie über die Tochter sei. „Tatsächlich steht im Buch sehr viel ich, ich, ich , aber ich erzähle halt über sie, und in diesem Dunstkreis erscheine auch ich.“ Und wie schreibt sie überhaupt? Um 5.30 Uhr steht Gomringer auf, begibt sich in eine Hotelbar und schreibt dort von 6.30 Uhr bis etwa 8 Uhr. „Und wenn ich abends arbeite, dann bei McDonald`s, denn dort ist es taghell und ideal zum Schreiben.“

Das Verhältnis zu ihren Eltern war nicht einfach. Der Vater war ein Schweiger, wenn er wütend war. „Er hat mal anderthalb Jahre nicht mit mir geredet. So etwas gab es hin und wieder, und für Mutter war es eine Qual.“ Die wiederum litt Zeit ihres Leben unter Depressionen und verbrachte etliche Jahre in einer psychiatrischen Klinik.

Dennoch: „Unser Haushalt war wahnsinnig komisch. Bei uns wurde immer viel gelacht.“ Und Nora Gomringer, die eine begnadete Vorleserin ist, lacht auch an diesem Abend viel. Das Publikum ist hingerissen vom Charisma und der Erzähllaune der 46-Jährigen, die abschließend bekennt: „Ich bin keine wütende Tochter, sondern ich habe belustigt auf unser Leben geschaut.“

Text und Foto: Uwe Grosser