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Aktuelle Nachrichten | Keßler, Bettina | 19.10.2026

Ein Leben für die Frauen auf dem Land

Eine Lesung erinnerte an Hanne Schiefer – eine beeindruckende Frau, die Verantwortung übernahm und sich für die Bildung von Frauen starkmachte.

Der Saal platzte aus allen Nähten. Von überallher wurden noch Stühle herbeigeschleppt, um alle Interessierten unterzubringen. „Heute kenne ich gar nicht alle, die da sind“, stellte Karin Faaß, Vorsitzende der Lauffener Landfrauen, mit einem Schmunzeln fest. Ihr Verein hatte am vergangenen Freitag im Rahmen des städtischen Themenjahrs „Starke Frauen“ und unter dem Dach der Kulturregion HeilbronnerLand zu einer Lesung aus den Lebenserinnerungen von Johanna „Hanne“ Schiefer eingeladen. Gekommen waren nicht nur Landfrauen, frühere Freundinnen und Weggefährtinnen, sondern auch zahlreiche Gäste aus der Region.

Zunächst erzählte Enkelin Marieluise Noack von ihrer Großmutter, die partout nicht „Oma“ genannt werden wollte. „Mutter“ war die Lösung: Das Groß- von Großmutter war den Enkeln einfach zu lang. Und eine Mutter war Hanne Schiefer tatsächlich für viele. Als ihr Mann Heiner im Krieg blieb, war sie gerade einmal 37 Jahre alt. Mit zwei kleinen Töchtern, dem Hof, einer lebensuntüchtigen Schwester und ihrer kranken Mutter stand sie allein da.

Doch Hanne Schiefer ließ sich nicht auf ihre Rolle als Bäuerin und Mutter festlegen. 1947 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des Lauffener Landfrauenvereins und wurde gleich, wenn auch fast unabsichtlich, dessen zweite Vorsitzende. Zwei Jahre später übernahm sie schon eine landesweite Funktion in der Landfrauenarbeit. Auch politisch engagierte sie sich und wurde als erste Kreisrätin für die FDP in den Kreistag gewählt.

Warum sie so viele Ämter übernahm? Nicht aus eigenem Geltungsdrang, sondern weil andere ihr die Aufgaben zutrauten – manchmal mehr als sie selbst. „Ihr Wort zählte“, beschrieb Noack ihre Großmutter. Sie habe klare moralische Vorstellungen vertreten und Widerspruch nicht gescheut, sei dabei aber stets freundlich und zugewandt geblieben. Besonders wichtig war ihr die Bildung von Frauen auf dem Land. Weil sie selbst nur acht Jahre die Schule besuchen konnte, setzte sie sich umso nachdrücklicher für Weiterbildung und lebenslanges Lernen ein.

Dann ließ Katja Schlonski, Journalistin und ehemalige SWR-Mitarbeiterin, Hanne Schiefer selbst zu Wort kommen. Ihr zurückhaltender, eindringlicher Vortrag passte zu den Aufzeichnungen: klar, schnörkellos und gelegentlich überraschend offen. Gleich zu Beginn ging es um eine dramatische Episode aus ihrer Kindheit: Hanne kam mit nur zwei Kilogramm zur Welt und erkrankte später an Keuchhusten. Als der Arzt sie bereits aufgegeben hatte, gab eine Nachbarin den entscheidenden Rat – und ein Schluck Lauffener Sekt soll ihr das Leben gerettet haben.

Die Zuhörer erfuhren aber auch viel von den Lichtblicken im Lauffener Alltag, von der Liebe zu ihrem späteren Mann Heiner und von den Hoffnungen einer jungen Familie, die Hitlers Krieg zerstörte. Auch die Entscheidung, in Lauffen zu bleiben, statt sich im Osten eine neue Existenz aufzubauen, gehörte zu den prägenden Erinnerungen.

Nachdem Heiner im Osten als vermisst gemeldet und schließlich für tot erklärt worden war, fand Hanne Schiefer in der ehrenamtlichen Arbeit eine Aufgabe, die ihren Geist forderte und ihr Leben über Jahrzehnte bestimmte. Für Sitzungen nahm sie regelmäßig sechs bis sieben Stunden Zugfahrt nach Bonn auf sich: eine Nacht hin, einen Tag Sitzungen, eine Nacht zurück – und anschließend ging es weiter mit dem Alltag auf dem Hof. Ihr besonderes Anliegen war dabei stets die Bildung von Frauen. Sie wollte ihnen ermöglichen, dazuzulernen, selbstbewusster aufzutreten und auch Männern gegenüber ihre Stimme zu erheben. Dabei blieb sie bodenständig und direkt, mit dem ihr eigenen „Pfarrfrauen-Schwäbisch“, wie sie es selbst nannte. Zeitzeugen beschreiben sie als eindrucksvolle Persönlichkeit, die man nicht wieder vergaß.

Musikalisch begleitete ein Quintett des Lauffener Posaunenchors den Abend, zu dem auch Hanne Schiefers Enkel Johannes Schäffer gehörte. Die Gäste sangen gemeinsam „Kein schöner Land“ – Hanne Schiefers Lieblingslied, dessen sämtliche Strophen sie auswendig beherrschte. So wurde der Abend zu einer Begegnung mit einer Frau, deren Lebensweg weit über die eigene Familie hinausweist. Ihre Erinnerungen erzählen von Verlust und harter Arbeit, aber auch von Beharrlichkeit, Verantwortung und dem Willen, gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten. Eine Haltung, die Hanne Schiefer selbst in einem berührenden Satz zusammenzufasste: „Zuversicht und Barmherzigkeit brauchen wir in dieser Zeit am meisten“. Daran hat sich auch heute nichts geändert.

Text und Foto: Bettina Keßler