Hölderlin-Freundeskreis | Waldenberger, Klaus-Peter | 25.10.2026
Skin City - Johannes Groschupf begeistert die Krimi-Fans in Lauffen
Warum lädt eine ehrenwerte literarische Gesellschaft einen Krimiautor ein? Und was ist fiktional an den Romanen von Johannes Groschupf? Ich hoffe alles!" kitzelt Klaus-Peter Waldenberger am Widerspruchsgeist der Besucher im Café des Hölderlinhauses. Er trifft den erfrischenden Ton des spritzigen Federweißen (der traditionellen Weinlese) dessen Pendant (der literarischen Herbst Lese) der schwarzhumorige Berlin-Thriller „Skin City“ aus der Feder des Autors Johannes Groschupf ist.
Beim Nachgespräch erwähnt Groschupf den Hubschrauber-Absturz, sein Nahtoderlebnis und zieht aus der Erkenntnis „Sein Leben noch einmal geschenkt bekommen zu haben“ den Schluss endlich das zu machen, was er eigentlich immer wollte: „Bücher schreiben und Tanzen“. Gewürzt mit den Erfahrungen als Schöffe: „Das Leben bringt Geschichten hervor, für die mir die Vorstellungskraft fehlen würde“, sind daraus preisgekrönte Krimis entstanden, fern aller Klischees.
Moderiert wird die Veranstaltung von Günther Grosser, ein gebürtiger Lauffener, der in Berlin am Theater Karriere gemacht hat. Offensichtlich mit Faible für Krimis, Grosser ist auch Mitglied der Jury für den renommierten Deutschen Krimi Preis. Und diese hat Groschupf für alle Bände seiner Krimi-Trilogie ausgezeichnet.
Während die ersten Bände („Berlin Prepper“, „Berlin Heat“ und „Die Stunde der Hyänen“) von einer dystopisch bedrückenden Atmosphäre geprägt waren, gibt es in „Skin City“ (2025) spürbare Veränderungen. Im Wesentlichen wird die Geschichte aus der Sicht drei ambivalenter Protagonisten erzählt: Die Ermittlerin Romina Winter hat sich in einen Außenbezirk versetzen lassen. Das sollte Ruhe in ihr Leben bringen. Doch georgische Einbrecher nehmen sich in täglichen Touren die Stadtvillen in Dahlem und Lichterfelde vor.
Die zweiten Perspektive zeigt die Sicht der Einbrecherbande. Sie gehen im Auftrag eines polnischen Bandenchefs in den Berliner Nobelvierteln auf Diebestour, arbeiten Listen genau nach Zeitplan ab, wissend, dass „die Deutschen - wie die Eichhörnchen - gern Vorräte anhäufen. Zwischen der Unterwäsche. In Euro, Dollar und manchmal auch in Schweizer Franken“.
Brilliant der dritte Erzählstrang: „Schweine neigen unter Stress zum Kannibalismus. Zum Stressabbau genügen ein paar Bälle“, setzt Groschupf lapidar den Ton und genießt auf der Spur seines Protagonisten Jacques Lippold die Entlarvung des Kunstbetriebs. Wie spielend leicht es einem verurteilten Finanzbetrüger (Cum ex) gelingt, nach seiner Entlassung aus der JVA als vermeintlicher „Finanz- und Kunstberater“ Fuß zu fassen ist atemraubend. Nicht Sachverstand, sondern die perfekte Selbstdarstellung und das Talent, auf Auktionen und Vernissagen die richtigen Floskeln fallen zu lassen zählen. Status, Steuersparmodelle und gesellschaftliche Anerkennung motivieren, so verschmelzen ein elitärer Kunstbetrieb und die organisierte Kriminalität auf seltsam ironische Weise. Sehr gut besucht ist die vorletzte Veranstaltung der literarischen Herbst Lese, die am Montag, 26.10.2026, 19.30 Uhr mit Lyrik von Walle Sayer und Tina Stroheker zu Ende geht.
Text: Leonore Welzin




