Freundeskreis

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aktuelle Aktivitäten

Aktuelle Aktivitäten des Hölderlin-Freundeskreises

Lesen Sie hier, welche Fortschritte der Freundeskreis macht, was aktuelle Themen sind und nehmen Sie gerne Kontakt zum Vorstand auf, wenn Sie eigene Ideen oder Anregungen haben. Die Arbeit des Hölderlin-Freundeskreises lebt von den Menschen, die ihn unterstützen.

Neujahrsbrief von Frau Gerlinde Endriß an die Mitglieder

Liebe Mitglieder des Hölderlin-Freundeskreises,

 

in meinem letzten Schreiben an Sie vom Januar 2019 hatte ich in einer Vorschau auf die zahlreichen Veranstaltungen zu Ehren von Hölderlins 250. Geburtstag im Jahr 2020 hingewiesen. Dass die meisten davon ausfallen würden, hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Beim Durchblättern des Programm-Katalogs für das Jubiläumsjahr wird mir bewusst , wie viele Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen, Vorträge und Tagungen  coronabedingt  ausfallen mussten. So konnten in Lauffen weder der Festakt zum

250. Geburtstag Hölderlins und zur Eröffnung des Hölderlinhauses am 20. März

noch die Jahrestagung der Hölderlin-Gesellschaft im Juni  stattfinden.

 

Großes Glück hatte unser Freundeskreis:

So durfte die von uns verantwortete Aufführung des Theaterstücks „Hyperion“ nach dem Briefroman von Friedrich Hölderlin mit dem Landestheater Tübingen am letzten Tag vor dem 2. Lockdown – am 1. November 2020 – mit zwei Veranstaltungen und unter Einhaltung von Hygieneregeln noch über die Bühne gehen. Viele von Ihnen haben vermutlich diese denkwürdige Inszenierung gesehen. Sie hat die Zuschauer tatsächlich gefordert und der Eine oder Andere mag auch enttäuscht gewesen sein. Aber Hölderlins „Hyperion“  ist eben weder einfach zu lesen noch einfach auf die Bühne zu bringen.

 

Kommen wir zurück und schauen in die Zukunft:

Ende März/ Anfang April 2021 sollte satzungsgemäß unsere nächste Mitgliederversammlung mit Neuwahlen stattfinden. Ich werde dann nach 10 Jahren als 1. Vorsitzende – wie bereits vor zwei Jahren angekündigt – nicht mehr für dieses Amt kandidieren. Es ist Zeit für etwas Neues – für den Freundeskreis und für mich.

 

Unser bei der Gründung des Freundeskreises im Mai 2011 gestecktes Ziel, Friedrich Hölderlin in seiner Geburtsstadt als Mensch und Dichter lebendig werden zu lassen, haben wir, so hoffe ich, mit zahlreichen Veranstaltungen und Projekten erreicht. Ich erinnere beispielhaft an:

 

die Exkursion nach Bad Homburg,

die Besichtigung des Hegelhauses in Stuttgart,

den Vortrag von Prof. Wertheimer aus Tübingen,

den Besuch des Pfarrhauses in Löchgau mit einem Umtrunk bei Charlie Pflumm-Hölderlin in Besigheim,

unser Neujahrstreffen mit Lesung aus dem Buch „ Eine Winterreise“ von Thomas Knubben im tief verschneiten Garten von Claudia Schäfer,

unser Ausflug nach Nürtingen und Umgebung im Juli 2013,

unser Kalender-Projekt mit Hans Krauss und  Schülern der Werkrealschule Lauffen,

den Vortrag der damaligen Präsidentin der Hölderlin-Gesellschaft, Prof. Sabine Doering, zum Verhältnis von Hölderlin und Goethe,

den Auftritt der Musikergruppe „ Hoelder“ in der Alten Kelter,

den Besuch des Klosters Maulbronn mit Konzert des „Dover Quartet“,

die Teilnahme am Festumzug des Jubiläumswochenendes anlässlich 100 Jahre Stadtvereinigung Lauffen mit Figuren des Kunstwerks „Hölderlin im Kreisverkehr“,

die Spurensuche in Sachen Hölderlin in Tübingen mit Stadtführung und Besuch des Ev. Stifts,

unsere Neujahrstreffen mit Weinproben,

die Exkursion zum LiMo in Marbach,

die Hölderlin-Geburtstagsfeiern mit Rudolf Guckelsberger,

die Hölderlin-Kurse mit dem Philosophen Dr. Christoph Quarch mit internationalen Gästen im Klosterhof,

die Lesung mit dem Lyriker und Büchner-Preisträger 2017, Jan Wagner,

die Erstellung eines Leporello mit Hölderlin-Aphorismen und Drucken der Lauffener Künstlerin Rea Siegel-Ketros.

 

Ja, es ist einiges zusammengekommen im Lauf der Jahre. Meinen Traum, einer Mitgliederreise nach Bordeaux, konnte ich leider nicht verwirklichen.

 

Bei Ihnen, die Sie unsere Veranstaltungen mit viel Interesse besucht haben und bei den Helfern, die uns immer wieder bei deren Durchführung unterstützt haben, möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Sie haben unserem Freundeskreis Leben eingehaucht. Danken möchte ich aber auch den Mitgliedern, die im Hintergrund blieben, aber durch ihre Mitgliedsbeiträge unsere Vereinsarbeit möglich gemacht haben. Zu guter Letzt gilt mein Dank auch den Mitgliedern des Vorstands, die mich die ganzen Jahre tatkräftig unterstützt haben.

 

Für das eben erst begonnene Jahr 2021 wünsche ich Ihnen Zufriedenheit und Wohlbefinden.

 

„Behalten Sie mich immer in freundlichem Angedenken“

 

 

Gerlinde Endriß

 

 

Lauffen am Neckar, den 12. Januar 2021

Theater in Zeiten von Corona: Das Landestheater Tübingen mit „Hyperion“ zu Gast in Lauffen

„Gerade noch geschafft“ – dieser Stoßseufzer kann am besten die Gefühle derer zum Ausdruck bringen, die seit einem Jahr die „Hyperion“-Aufführung des Landestheaters Tübingen (LTT) in Lauffen geplant und vorbereitet hatten. Das Stück sollte der Beitrag des Hölderlin-Freundeskreises zum Hölderlin-Jubiläum sein und deshalb war die Erleichterung groß, als bekannt wurde, dass erst einen Tag nach dem Gastspiel der erneute Lockdown in Kraft treten würde, die Aufführung also stattfinden konnte.

 

Dennoch, ungeschoren von den Einwirkungen der aktuellen Corona-Krise blieb auch diese Aufführung nicht. Maskenpflicht für das Publikum während des gesamten Spiels, die Zuschauerzahl auf 40 begrenzt, und es war ein Entgegenkommen des LTT, zu dem Nachmittags- auch noch einen Abendtermin anzubieten.

 

Hölderlins Briefroman auf die Bühne zu bringen ist ein heikles Unterfangen, geht es in den Briefen doch weniger um das Tun und Handeln der Menschen als um ihre Gedanken und Empfindungen. Diesem Umstand versuchte die Inszenierung bereits bei der  Gestaltung der Spielszene Rechnung zu tragen. Die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum war aufgehoben, vier pavillonartige Zellen, hinter deren transparenten Wänden die vier Schauspieler aus Hölderlins Briefen las, begrenzten einen Raum, in dem auch die Zuschauer saßen. Ein Klangteppich und eine spezielle Beleuchtung markierten ihn als Ort nicht eines äußeren Geschehens, sondern eines inneres Erlebens. In der Mitte eine runde, leicht erhöhte Spielfläche, auf der im Wechsel die Schauspieler in einer Art Pantomime das in den Briefen Ausgesprochene körperlich Ausdruck verliehen. Dies geschah auf vielfältige und einfallsreiche Weise. Etwa mit Hilfe eines Kapuzenpullovers, mit dem ein Schauspieler Hyperions Streben anschaulich machte, sich der Welt zu öffnen, „eins zu sein mit Allem, was lebt!“, wie auch sein Bedürfnis, sich von der Welt abzuwenden und sich in sein Inneres zu verschließen. Dabei verkörperten die Darsteller nicht einfach die Figuren des Romans. Die Person, der die Schönheit Diotimas zur Offenbarung einer höheren Wahrheit wird, hat männliche wie weibliche Züge. Und die kriegerische Begeisterung, die Hyperion in den Krieg ziehen lässt, verkörpert eine Darstellerin, die wie eine asiatische Kampfsportlerin agiert. Vieles bleibt dabei für unterschiedliche Ausdeutungen offen. Was etwa stellt die gedrückte Gestalt dar, die immerfort ein Rad dreht? Die unaufhörlich fließende Zeit, die nichts Bleibendes in der Welt zulässt, das unerbittliche Schicksal, in dessen Mahlsteinen Menschen zerrieben werden? 

Gut gelungen ist der Schluss der Inszenierung: Wenn am Ende alle vier Darsteller in Coronaschutzkleidung auf die Bühne kommen und in den dort vorhandenen Recordern die Kassetten wechseln, werden wir als  Zuschauer auf nachvollziehbare Weise aus Hölderlins Sprach- und Erlebniswelt wieder in das Stimmengewirr unserer Zeit entlassen.

Von den zahlreichen Veranstaltungen zu Hölderlin der letzten Jahre zählt die Inszenierung von Carina Riedl, von der auch die Textfassung stammt, zu den anspruchsvollsten und auch zu denen, die die Besucher am meisten forderten.

Und was den Aufwand an Bauten, an elektronischer Technik, an Ton- und Lichtregie betrifft, war es sicher eine der aufwendigsten und ambitioniertesten, die in Lauffen je zu sehen war. Auch deswegen und nicht nur wegen der besonderen der Pandemie geschuldeten Umstände wird dieses denkwürdige Gastspiel noch lange in Lauffen in Erinnerung bleiben.

 

 

Text: Franz Kosel

Fotos: zur Verfügung gestellt vom Landestheater Tübingen aus anderen Veranstaltungen, Fotograf: Tobias Metz

 

 Gefördert vom Literaturland Baden-Württemberg

Literatur als Lesevergnügen und Stoff für interessante Gespräche

Diese Erfahrung Menschen nahezubringen und erleben zu lassen ist das Anliegen des ehemaligen Lehrers Franz Kosel vom Hölderlin-Gymnasium.

Zwölf Lauffener
Zwölf Lauffener

Auch im Jahr 2020 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils Menschen vor, die in Lauffen a.N. aktiv sind. Dieses Jahr geht es um Personen, die sich rund um den 250. Geburtstag von Hölderlin engagieren oder einen Beitrag zur Lese- und Literaturförderung in unserer Stadt leisten. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Interviews. Lesen Sie in diesem Boten das neunte Porträt des Jahres 2020.

Franz Kosel
Franz Kosel

35 Jahre Leiter eines Lesekreises, über 200 besprochene Bücher aus unterschiedlichsten Epochen und von unterschiedlichen  Autoren machen deutlich, mit welchem Engagement und Freude er sich der Leseförderung verschrieben hat. Als Dreijähriger  war er 1946 nach der Vertreibung aus Südmähren mit seinen Eltern erst ins Weinsbergertal gekommen, dann ins für ihn ungeliebte Böckingen,  „wo die Kinder noch in den Ruinen Krieg spielten“. Da stellten die Freude am Lesen und sein Dienst als Ministrant eine Gegenwelt dar, die den Jungen  geprägt hat. Lachend erinnert er sich an die  ersten Romane, die er damals verschlungen hat, Ludwig  Ganghofers „Der Jäger von Fall“ und  „Die Martinsklause“.

Nach dem Abitur am Justinus-Kerner-Gymnasium studierte er Deutsch, Geschichte und katholische Theologie in Tübingen mit einem kurzen Abstecher nach Wien. Die kulturträchtige Stadt an der Donau hat ihm gutgetan und ihm mit Theater und Oper neue literarische und musikalische Erlebniswelten erschlossen. Mit Hölderlin hat er sich im Studium nicht speziell beschäftigt. Er war ihm aber bereits in der Schule begegnet, wo er, als jeder sein Lieblingsgedicht vorstellen sollte, Hölderlins „Andenken“ vortrug. „Es war die unerklärliche Magie dieser Sprache, die mich faszinierte, und sein bewegendes Schicksal, das hinter dieser Dichtung stand.“

 

1972 bekam er am Hölderlin-Gymnasium seine erste Lehrerstelle, Schwerpunkte: Religion und Deutsch. Neben dem Unterricht führte er damals zahlreiche Theaterfahrten mit Schülern nach Heilbronn durch. „Intendant Klaus Wagner war ein Glücksfall für Heilbronn. Sein vielseitiges Repertoire und seine kluge, am Zuschauer orientierte Aufführungspraxis waren  gerade auch für Jugendliche ideal.“ 1985 schließlich wurde der Literaturgesprächskreis ins Leben gerufen und Lehrer Kosel freute sich, „dass ich das, was ich gerne mache, nämlich mich mit Literatur zu beschäftigen, auch mal außerhalb der Schule mit Erwachsenen und ohne Lehrplan tun konnte“. Es sollte ein wirklicher Gesprächs-Kreis sein, in dem jeder, so er will, seine Eindrücke von dem Gelesenen äußern kann.  Im Zeitraum eines Winterhalbjahres werden sechs Titel gelesen und besprochen. Sie sind einem Rahmenthema zugeordnet, so dass inhaltliche Bezüge wie auch Unterschiede zwischen den Werken erkennbar werden. „Es ist interessant, wie vielfältig und unterschiedlich Texte  wahrgenommen werden und wie groß der Ertrag für das eigene Verständnis des Werkes dabei ist.“ Nicht die Vorbereitung der einzelnen Sitzung stellt für ihn inzwischen die anstrengendste, aber auch wichtigste Aufgabe dar, sondern die Auswahl der zu lesenden Titel. „Auf dem heutigen Buchmarkt wird es zunehmend schwieriger zu erkennen, was wirklich lesenswert ist.“  Nur einmal ist Franz Kosel mit einem Buchvorschlag komplett durchgefallen: „Es war der satirische Blick in ein  Frauenmagazin für  Kosmetik und Mode“. Ansonsten liest sich die Leseliste des Literaturkreises, der zur Zeit im „Senfkorn“ beheimatet ist, wie eine Empfehlungsliste nach dem Motto: „Diese Bücher sollten Sie gelesen haben“.

 

Seit 2011 ist Franz Kosel im Vorstand des Hölderlin Freundeskreises und dies sehr gern. „Die Entwicklung in Lauffen in Sachen Hölderlin macht mir große Freude“. Bei den Exkursionen des Freundeskreises zu verschiedenen Hölderlinorten  war er Mitorganisator  und konnte dabei seine Erfahrungen bei Planung und Durchführung von Städtereisen des Albvereins nutzen. „Viele in Lauffen“, so gibt er zu bedenken, „machen sich nicht klar, welche Chancen für die Stadt das Hölderlinhaus darstellt. Schließlich besitzt der Ort nun eine zusammenhängende Kulturmeile, die vom Kreisverkehr bis zum Kiesplatz führt, der mit Fluss, Brücke, Burg, Weinberg und urwüchsiger Natur eine Topographie bietet, die sich auch bei Hölderlin  findet.“  Lauffen könnte erreichen, „was  Marbach gelungen ist, dass nämlich der Ortsname mit dem Namen des Dichters im Laufe der Zeit für immer mehr Menschen eine enge Verbindung eingeht.“  Als vor kurzem in einer bekannten Fernseh-Quizsendung nach „der Wein- und Hölderlinstadt in Deutschland“ gefragt wurde, hieß  die richtige Antwort bereits: Lauffen am Neckar.          

 

Text und Foto: Ulrike Kieser-Hess

„Was ist eigentlich das Besondere an der Dichtung Hölderlins?“

Franz Kosel vom Hölderlin-Freundeskreis Lauffen a.N.

 

Immer wieder werden Hölderlin-Freundeskreis und Stadtverwaltung gefragt „Was ist eigentlich das Besondere an der Dichtung Hölderlins?“ oder auch „Sagen uns diese Texte auch heute noch etwas?“ Hierzu einige Anmerkungen von unserem Vorstandsmitglied Franz Kosel:

1. 

Was bleibet aber, stiften die Dichter

 

Dieser Satz aus Hölderlins Gedicht Andenken mag in manchen Ohren recht anmaßend klingen. Gibt es denn etwas  Flüchtigeres und Vergänglicheres als einige auf  Papier geschriebene Worte? Und diese sollen unvergänglich sein?  Freilich – fast alles, was zu Hölderlins Zeit in Wissenschaft und Technik, in Gesellschaft und Politik aktuell war, ist inzwischen verändert, verbessert oder durch anderes ersetzt worden. 

Spitzenwerke aus vergangener Zeit in Dichtung, Musik oder bildender Kunst erregen dagegen bis heute unsere Bewunderung. Ihre Schönheit ist zeitlos, es wäre absurd, sie verändern oder verbessern zu wollen. Wir nennen sie „klassisch“. Nur wenigen Künstlern gestehen wir zu, solche Werke geschaffen zu haben. Beethoven etwa und auch Hölderlin, die beide in diesem Jahr ihren 250ten Geburtstag feiern.

 

2. 

Doch ist mir einst das Heil´ge, das

    am Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen

 

So steht es im Gedicht An die Parzen, in dem Hölderlin die Schicksalsgöttinnen anfleht, ihm genügend Lebenszeit zu schenken, damit er erreiche, was ihm so sehr am Herzen liegt: das Gedicht, das seinen hohen Ansprüchen genügt. Diesem Ziel, diesem unbedingten Kunstwillen hat Hölderlin alles in seinem Leben untergeordnet. Seine „exzentrische“, so außerhalb des Gewohnten verlaufende Lebensbahn berührt bis heute viele Menschen. Wie bei kaum einem anderen Künstler sind bei ihm Leben und Werk eng miteinander verbunden. Deshalb kommt jeder, der sich von einem seiner Texte ansprechen lässt, Hölderlin auch als Person nahe. Viele haben Gedichte wie Lebenslauf, Schicksalslied, Hälfte des Lebens verinnerlicht, weil sie eine Wahrheit auch ihres Lebens zum Ausdruck bringen. Immer wieder zitiert, sind sie  ein Teil unseres kulturellen Erbes geworden.

 

3. 

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,

   Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,

      Leicht und kräftig die Brücke,

         Die von Wagen und Menschen tönt.

 

Dies ist die zweite Strophe in Hölderlins Gedicht Heidelberg, in der die berühmte Neckarbrücke der Stadt beschrieben wird. Hölderlin wählt eine Form, die für uns ungewohnt ist: ohne Endreim, mit unterschiedlich langen Versen und in einer ganz bestimmten  Abfolge von betonten und unbetonten Silben, die sich mit folgendem metrischen Schema darstellen lässt:

Die grafische Abstrahierung ist auch auf der Rückseite des Briefpapiers des Hölderlin-Freundeskreises abgedruckt.
Die grafische Abstrahierung ist auch auf der Rückseite des Briefpapiers des Hölderlin-Freundeskreises abgedruckt.

Dabei bedeutet der waagrechte Strich eine betonte Silbe, der halbe Kreis eine unbetonte Silbe, der senkrechte Strich eine kurze Pause. Alle acht Strophen dieses Gedichtes entsprechen genau diesem Schema, haben also in jedem entsprechenden Vers dieselbe Zahl von Silben und dieselbe Abfolge von Betonungen und Senkungen, was jeder unschwer nachprüfen kann.

 

Unfassbar, wie es Hölderlin schafft, diese komplizierte Strophenform zu bewältigen, ohne dass seine Sprache konstruiert und künstlich wirkt, sondern präzis im Ausdruck und frei fließend, als könne das Gesagte gar nicht anders ausgedrückt werden. Nur wenige deutsche Dichter haben sich an diese Versformen aus dem antiken Griechenland gewagt. Keiner hat sie so beherrscht und mit Leben erfüllt wie Hölderlin.

 

Warum wählt er diese unfassbar schwere Form? Wäre es mit Endreim und freien Rhythmen nicht einfacher gegangen? Diese gibt es bei ihm auch, aber der besondere unverwechselbare Ton seiner Dichtung ist dieser Konzentration auf die vorgegebene strenge Form geschuldet – ein Ton, der beim lauten Lesen am besten erfahrbar wird. Nicht das Subjektive und Gefühlvolle, sondern das Objektive und immer Gültige einer Sache bringt seine Dichtung zum Ausdruck, wie es die Strophe über die Neckarbrücke zeigt.

 

Hölderlins intensive Arbeit mit der Sprache hat neue Sprachräume erschlossen und den Bereich unserer Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Und da die Grenzen unserer Sprache auch die Grenzen unseres Denkens sind, entdecken wir bei ihm vieles, was vor ihm so noch nicht zur Sprache gebracht wurde. Vor allem in den späten Gedichten finden sich Stellen, die sich in einer gleichsam tastenden Weise um das gerade noch Sagbare bemühen. Dies erklärt, warum bedeutende Denker und Dichter wie Nietzsche und Celan sich intensiv mit Hölderlin beschäftigt haben.

 

4. 

Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? Der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen? Der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? Ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht ist, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden.

 

An vielen Stellen spricht uns Hölderlin aber auch direkt an. Hier mit Worten Hyperions aus seinem gleichnamigen Roman. Er ist nicht nur der Dichter des hohen Tons und der kunstvoll gebauten Gedichte. Er kann auch klagen, sich empören, mahnen und fordern, wenn vernünftiges Handeln und sinnvolles Leben bedroht ist, wenn es um Freiheit und Frieden unter den Menschen und mit der Natur geht.

 

5. 

Komm! Ins Offene, Freund!

 

Wie sollen wir Hölderlins Geburtstag feiern? Wer ihm „ins Offene“ folgen will, darf nicht nur zurück, sondern muss auch nach vorne blicken. Wir sollen die Erinnerung an ihn und sein Werk lebendig erhalten und dürfen mit Dankbarkeit und ein wenig Stolz seinen Geburtstag feiern. Dabei sollten wir beherzigen, was uns Hölderlin – auch im Blick auf sein dichterisches Werk – rät: 

 

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

   Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern´,

      Und verstehe die Freiheit,

         Aufzubrechen, wohin er will.

Die Ideen gehen ihr nie aus

Seit 2011 ist Gerlinde Endriß 1. Vorsitzende des Hölderlin-Freundeskreises und das mit viel Freude am Amt

Zwölf Lauffener
Zwölf Lauffener

Auch im Jahr 2020 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils Menschen vor, die in Lauffen a.N. aktiv sind. Dieses Jahr geht es um Personen, die sich rund um den 250. Geburtstag von Hölderlin engagieren oder einen Beitrag zur Lese- und Literaturförderung in unserer Stadt leisten. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Interviews. Lesen Sie in diesem Boten das vierte Porträt des Jahres 2020.

Gelinde Endriß
Gelinde Endriß

Als die Juristin Gerlinde Endriß vor neun Jahren gefragt wurde, ob sie sich denn vorstellen könnte, im neu zu gründenden Hölderlin-Freundeskreis mitzuarbeiten, hat sie kurz überlegt und dann ja gesagt. Ohne zu ahnen, dass sie am Gründungstag im Mai 2011 noch auf eine Zusatzfrage gefasst sein musste, nämlich die von Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger, ob sie denn auch bereit sei, den Vorsitz zu übernehmen. „Ich war zwar total überrascht“, erinnert sie sich heute noch an den Moment. Sie hat damals wieder ein bisschen überlegt und dann zugesagt, „ja das kann ich mir vorstellen, das bekomme ich hin“.

 

Für Gerlinde Endriß, die vor ihrem Ruhestand als Richterin am Landessozialgericht in Stuttgart gearbeitet hat, war klar, „bei einer Vereinsführung nutzen mir meine juristischen Vorkenntnisse, außerdem habe ich in der Nachberufsphase mehr Zeit, bin beharrlich  und habe viele Ideen“. Ganz am Anfang fehlte ihr noch: „der Musenkuss, den viele Hölderlinfans haben“. Sie musste sich behutsam diesem Dichter nähern, „ihn erst mal kennenlernen“. Denn als Juristin, mit dem Hobby Sport und Hunde, sah sie sich in Sachen Literatur zunächst als Quereinsteigerin. Heute ist sie eine große Hölderlin-Bewunderin, „aber ich bin immer noch eine Lernende in Sachen Hölderlin, das hört nie auf“. Aber in Zukunft gesteht sie lächelnd, „muss auch mal Schluss sein mit lernen, dann geht es ans Genießen, denn Hölderlin tut einem gut“. Mit seinen Briefen hat sie ihr privates Literaturstudium begonnen, hat sich mit Marcel Reich-Ranicki  seinen Gedichten  genähert, mit Wolfram Groddeck Hölderlins Elegie „Brod und Wein“ studiert, bei Kursen mit dem Philosophen Christoph Quarch „Tempo in Bezug auf Hölderlin  aufgenommen“ und dabei schnell ein Ziel für ihren Freundeskreis gefunden: „die Bevölkerung anzusprechen und vermitteln, dass man Hölderlin verstehen kann“. Das hat sie im Laufe der Jahre einiges an Kraft gekostet, manches Mal war sie schon gefrustet, „manches geht man mit viel Idealismus an und scheitert dann trotzdem, so ist es uns leider mit unseren didaktischen Zielen ergangen, die nicht so angenommen wurden, wie wir uns das vorgestellt haben“. Aber für  Gerlinde Endriß überwiegt bei weitem  die Freude an ihrem Amt. Denn: „ich habe so viel Neues, so viele interessante Menschen kennengelernt, habe  Ausflüge, Konzerte, Lesungen und Kurse initiiert und durchgeführt und konnte viele Ideen verwirklichen“ - da spürt man auch im Gespräch ihre Begeisterung, ihr Engagement für ihren Freundeskreis. „Allerdings hätte ich das ohne die tatkräftige Hilfe der Vereinsmitglieder nicht geschafft“.

 

Sie weiß gar nicht womit sie anfangen soll zu erzählen von den kleinen und großen Highlights, vielleicht mit: den Leporellos mit Rea Siegel, dem Hölderlinkalender gestaltet von Schülern der Werkrealschule und Hans Krauss mit dem Leseabend mit Büchner-Preisträger Jan Wagner, dem SRW Sprecher Rudolf Guckelsberger oder die Ausflüge zu Hölderlins Orten. Gerlinde Endriß lacht, „am Anfang habe ich noch gedacht, wir müssten unbedingt auf Hölderlins Spuren nach Bordeaux, aber man wird bescheidener“. Wenn sie heute am neuen, super renovierten Hölderlinhaus in der Nordheimer  Strasse vorbei kommt, denkt die Vorsitzende des Freundeskreises sofort an das Kinderfest 2014, als nämlich der Festwagen des Freundeskreises schon der Umzug in das Haus vorweg nahm, unter dem Motto „wir ziehen um“. „Das hat ja jetzt geklappt“ freut sich Gerlinde Endriß, denn „ das Hölderlin Haus und seine Instandsetzung  war eines der Ziele des Freundeskreises“. Fürs Jubiläumsjahr hat der Freundeskreis mit seinen rund 90 Mitgliedern ein weiteres Hölderlin Bonbon im Angebot. Im November wird das Landestheater Tübingen mit seinem „Hyperion“ in Lauffen gastieren, „Wir haben uns für was ganz Besonderes entschieden“, verrät Gerlinde Endriß stolz.

 

Für die Zukunft wird Gerlinde Endriß das Genießen in den Vordergrund schieben, den Freundeskreis-Vorsitz im Frühjahr 2021, nach zehn Jahren,  abgeben, „der Verein läuft“, im Vorstand gerne noch dabei sein, Hölderlintexte als Wellnessprogramm betrachten, sich zusammen mit ihrem Mann Michael um ihre zwei Hunde kümmern und worauf sie sich besonders freut: „öfters mal meinen zweieinhalb Jahre alten Enkel in Köln besuchen“.

 

Text: Ulrike Kieser-Hess

Foto: privat

Verwalten hat auch immer etwas mit gestalten zu tun

Das Hölderlinhaus soll ein Ort der Begegnung werden, das wünscht sich Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger zu Hölderlins Geburtstag am 20. März

Zwölf Lauffener
Zwölf Lauffener

Auch im Jahr 2020 stellt der Lauffener Bote jeden Monat jeweils Menschen vor, die in Lauffen a.N. aktiv sind. Dieses Jahr geht es um Personen, die sich rund um den 250. Geburtstag von Hölderlin engagieren oder einen Beitrag zur Lese- und Literaturförderung in unserer Stadt leisten. Ulrike Kieser-Hess führt hierzu zwölf Interviews. Lesen Sie in diesem Boten das dritte Porträt des Jahres 2020.

Klaus-Peter Waldenberger
Klaus-Peter Waldenberger

Der Leistungskurs Deutsch kann von Vorteil sein, wenn man einmal Bürgermeister von Lauffen am Neckar wird. Das kann Klaus-Peter Waldenberger, seit 1999 Chef der Stadtverwaltung, bestätigen. Denn am Nikolaus-Kistner-Gymnasium in Mosbach hatte der viel lesende Schüler mit der Vorliebe für Gedichtinterpretationen den ersten Kontakt zum berühmtesten Sohn unserer Stadt.  

 

Als er sich um den Posten des Bürgermeisters in Lauffen bewarb wusste er: „Wer sich in Lauffen um das Amt des Schultheißen von Stadt und Dorf bemüht, sollte sich für Wein interessieren, idealerweise für Baudenkmale, aber unverzichtbar für Literatur“.

Denn schon um die Jahrtausendwende war dem Verwaltungsteam klar, es muss nicht nur der Weinbau gefördert und viel historische Bausubstanz saniert werden, 2020 steht ein runder Geburtstag ins städtische Haus und jetzt sogar ins Hölderlin Haus an der Nordheimer Strasse 5., der

250. Geburtstag des Dichters. Für alle Verantwortlichen galt es nun dem  Geburtstagskind einen würdigen Rahmen für seine Feier zu bereiten, die Voraussetzungen zu schaffen „für eine starke, eindrucksvolle Präsentation“.

 

Einiges hat Lauffen da schon zu bieten, ein Hölderlinkunstwerk, das 2003 von dem Künstler Peter Lenk gestaltet wurde, Beschriftungen mit Hölderlin Sentenzen an Häuserwänden, ebenso wie einen Hölderlin Freundeskreis, der 2011 auf Initiative des Bürgermeisters gegründet wurde, eine Hölderlinbeauftragte der Stadt, ebenso wie Bürger, die die Vorhaben zu Ehren des Dichters ideell und auch finanziell unterstützen. „Immerhin haben wir in Lauffen den einzigen komplett authentischen Ort, an dem Hölderlin gelebt hat. Alle anderen Bauwerke in den anderen Städten sind Nachbauten“.

 

Seine Stärken zum Wohle der Stadt einzusetzen ist für Klaus-Peter Waldenberger immer Ziel seiner Kommunalpolitik. Die Finanzierung, die Beschaffung von Fördergeldern für die Renovierung des Hölderlinhauses gehören da dazu, aber auch der Antrag das Haus und seine Umgebung ins Sanierungsprogramm des Landes einzubinden. Alles hat geklappt und nun kann zusammen mit dem Klosterhof ein Begegnungsort entstehen, der neben dem Gedenken an den Dichter „wir wollen uns besonders dem Menschen Hölderlin nähern“, auch eine Anlage für Konzerte, Lesungen, Trauungen, Sitzungen und vieles mehr bietet.

An die Zeit, als für ihn mit Lauffen auch die Sache mit Hölderlin immer mehr ins Blickfeld rückte, erinnert sich der Rathauschef gut, „Hölderlin wurde mir damals immer mit dem Vornamen verrückt vorgestellt“. Das wollte er so nicht stehen lassen, hat sich und seine Familie ins Hölderlinverstehen eingebunden, „wir haben im Urlaub gemeinsam schon mal das eine oder andere Gedicht auswendig gelernt“ und rät er schmunzelnd, man sollte sich einfach eines heraussuchen und hinterfragen, wie er es vor einigen Jahren mit dem Gedicht „Andenken“ gemacht hat. Es spielt in Bordeaux, wo der Dichter einige Monate als Hauslehrer tätig war, und man erlebt Landschaften, Menschen, Freundschaften, ohne dass man den letzten Sinn verstehen muss – wer sind die „braunen Frauen daselbst, auf seidenem Boden“? Ist das wirklich wichtig? Große Freude hat der Schultheiß von Dorf und Stadt Lauffen an der gekonnten Fabulierkunst des Dichters, an seiner Fähigkeit durch Sprache Bilder zu erzeugen, „oft bin ich berührt von der Tonalität Hölderlins. Ich habe eine Nähe zu ihm gefunden“.

 

Mit den verschiedensten Aktivitäten und Angeboten will die Stadt auch weiterhin die Annährung an Hölderlin fördern. Musical, Lesungen, Konzerte, Poetry Slams, Theateraufführungen, Vorträge und Feste sind geplant. Dem Dichter will man eine Plattform schaffen, das sieht Klaus-Peter Waldenberger als Aufgabe der städtischen Verwaltung, wobei für ihn klar und wichtig ist: „ verwalten hat auch immer etwas mit gestalten zu tun“. Lauffen ist Hölderlins Geburtsstadt und dem gilt es Rechnung zu tragen, „seine Stärken für den Dichtern und das Gemeinwesen einzusetzen.“

"Ein Kulturprojekt dieser Größe ist im Gegensatz zu einer Sporthalle, einer Mensa oder einem Kindergarten in jeder Stadt in der Diskussion und kommunalpolitisch heikel", so der Bürgermeister. Er schlägt vor, sich das bei Veranstaltungen und im Bürgerbüro kostenlos verfügbare Jahresprogramm Hölderlin 2020 zu besorgen. Auf 280 Seiten werden über 600 Veranstaltungen in ganz Deutschland vorgestellt. "Dann kann man sich ein eigenes Urteil bilden, ob sich die Geburtsstadt Lauffen in diesem Jahr zu viel oder zu wenig engagiert".

 

Text u. Foto: Ulrike Kieser Hess

Komm! ins Offene! Der Hölderlin-Freundeskreis zu Gast im Hause Schunk

 

 Der musikalisch-poetische Abend mit Wolfgang Jellinek war ein schöner Abschluss des Jahres und ein Versprechen für das Hölderlinjahr 2020

Es war ein verheißungsvoller Schluss und ein ebensolcher Auftakt für das Hölderlinjahr 2020, der musikalisch-poetische Abend „Komm! ins Offenen!“ von und mit dem Geiger Wolfgang Jellinek. Dass der Veranstalter, der Hölderlinfreundeskreis e.V., dafür die großzügige Gastfreundschaft des Hauses Schunk, bzw. von Heinz-Dieter Schunk, genießen durfte, machte den Abend nochmal zum Erlebnis. Jellineks Auftritt, das zeigte sich bald, war zwar eine „one-man-show“, aber eben besonderen Art. Und gleich zu Beginn gab es sogar noch eine Überraschung, als er daran erinnerte: Hölderlin konnte auch Musik! Er spielte Klavier und immerhin so gut Flöte, dass ihn sein Lehrer Friedrich Ludwig Dulon beauftragte, eine Kadenz für den ersten Satz seines Flötenkonzertes zu komponieren. Die gab es dann auch – auf der Geige – zu hören. Gustav Schwab berichtete, wie Hölderlin auch noch im Tübinger Turm musizierte und u.a. zu seinem Lieblingslied „Mich fliehen alle Freuden“ von Paisiello auf dem Klavier improvisierte. Eine bessere Einstimmung für das, was noch kommen sollte, konnte es also kaum geben.

 

Jellinek richtete seine Wahl der Musikstücke, bekannter und auch weniger populärer Kompositionen bis in die Jetztzeit, an bekannten Passagen von Gedichten Hölderlins aus, inhaltlich aber auch vom Metrum der Verse und der Musik bestimmt. Die Kombination „Hölderlin und Musik“ ist reizvoll, aber auch herausfordernd, bei einem Dichter, dessen Sprache schon „Musik“ ist, geht es um mehr als Melodie. Jellinek traf die Wahl mit Einfühlungsvermögen, nachvollziehbar, wagte aber auch fast provokante Brüche. Für das so vielzitierte „Komm, ins offene Freund!“ wählte er Cesar Bresgens (1913 – 1988) „Fantasia nach Themen von Bach“, für die zitierte erste Strophe aus dem nicht weniger populären „Hyperions Schicksalslied“ dann Franz Bibers „Passacaglia“. Die Passacaglia. ein Schreittanz und eine Variationsform des Barock mit oft festgelegten Akkordfolgen, wirkt dabei geradezu wesensverwandt zum Takt von Hölderlins Versen. „Wesensverwandt“ waren auch  die Textpassagen aus Gisela Franks „Holz“, einem Spiel um Friedrich Hölderlin), die ausgewählte Szenerie war ein teils mit „ausgedachten“, teils mit Orignaltexten gestaltetes Gespräch Hölderlins als Stiftler unter Stiftlern. Die darin angesprochene „Unzertrennlichkeit der Geister“ nahm Jellinek in seinem virtuosen Vortrag von Bachs „Ciaccona“ aus der Partita d-moll (BWV 1004) auf, auch ohne Scheu vor den Rauheiten im Spiel, wie zuvor auch schon bei Josef Matthias Hauers (1883 – 1959) „Harte Auseinandersetzung aus den Sieben Stücken op. 56).

Der Tübinger Komponist und Kirchenmusiker Gerhard Kaufmann (geb. 1944), Träger mehrerer Komponistenpreise, u.a. des Verbandes Evangelische Kirchenmusik Württemberg, war unter den Gästen, als Jellinek zum Abschluss dessen „Variationen den Frieden, den großen Frieden, herbei zu singen“ vortrug. Kein einfaches Stück, Virtuose und Zuhörer sind gefordert bei dem „langen Lied“, wie es der Komponist nennt. Es ist keine Selbstverständlichkeit bei Konzerten von zeitgenössischer Musik ein so angespannt und konzentriert lauschendes Publikum zu haben wie hier im Haus „ZERO“ bei Schunk. So zeigte der Abend dann auch auf diese Weise, dass und wie Hölderlin heute und immer wieder auf neues Verstehen stößt. Das war nicht nur für den Veranstalter und für Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger der schon besagte „gute Schluss“, es zeigte sich auch, wie die Messlatte für das angesetzt ist, was 2020 noch alles erwartet werden kann.

 

Text: Brigitte Fritz-Kador

Fotos: Klaus-Peter Waldenberger

WAR HÖLDERLIN VERRÜCKT?

Diese Frage konnte auch bei der am Sonntag, 21. Juli, im Klostergarten neben dem Hölderlin-Denkmal durchgeführten Lesung mit dem Neuropharmakologen Dr. Reinhard Horowski aus dessen Buch „ Hölderlin war nicht verrückt“  nicht geklärt werden.

Die Mehrzahl der sich mit der Erkrankung Hölderlins beschäftigenden Psychiater diagnostizieren eine Schizophrenie. Horowski dagegen geht in seiner Streitschrift von einer Vergiftung Hölderlins durch die Behandlung in der Autenriethschen Klinik

in Tübingen im Jahr 1806 mit dem Medikament Kalomel, einer Quecksilberverbindung, aus, wobei er Autenrieth beste Absicht unterstellt.

 

Durch ein weiteres verabreichtes Medikament (spanische Fliege – Cantharidin) konnte dieses Gift – so Horowski - in das Gehirn Hölderlins gelangen und die typischen neurologischen Symptome auslösen, wie verlangsamtes Denken, Gedächtnisstörungen, schwere Müdigkeit,

Schlafstörungen mit Tag- Nacht- Umkehr und allgemeine Depression. Hinzu kommen typische Veränderungen im Sozialverhalten, wie plötzliche und unbegründete Wutanfälle, generell erhöhte Reizbarkeit und Schüchternheit – Verhaltensstörungen wie sie bei

Hölderlin vorlagen. Horowski gibt aber zu, dass er sich mit der Idee einer Kalomel-

Vergiftung in den Bereich der Spekulation begebe. Seine Annahme könne aber – falls sich in irgendeinem Museum noch eine Haarlocke Hölderlins befinde  – verifiziert werden durch die Untersuchung eines einzigen Haares. Schließlich dürfe bei der Betrachtung von Hölderlins Verhalten die bei der Autopsie  beschriebene Aortenklappen-Stenose nicht außer Acht gelassen werden, die ihn sicherlich nachts wegen eines qualvollen Erstickungsgefühls zum Aufstehen und einem Aufenthalt an der frischen Luft gezwungen habe, wie dies von Ernst Zimmer berichtet wurde.

 

Am Ende der Veranstaltung stellte sich die Frage: Spielt es eine Rolle, ob Hölderlin gesund

oder krank war? Ist Hölderlin nicht vielmehr das, was seine Gedanken, sein Werk in uns

bewirken?

 

von Gerlinde Endriß

 

POETISCHES ZWIEGESPRÄCH MIT HÖLDERLIN

 Lauffen feierte den 249. Geburtstag des Dichters

 

Die diesjährige Feier zum 249. Geburtstag von Friedrich Hölderlin wurde von drei Künstlern aus Tübingen gestaltet, die Gerlinde Endriß als Vorsitzende des ausrichtenden Hölderlin-Freundeskreises besonders herzlich begrüßte: Helge Noack, die ehemalige Leiterin des Hölderlinmuseums im Turm, die ebenfalls im Literaturbetrieb tätige Elisabeth Bohley und den als freier Musiker und Komponist in Tübingen lebenden Bernhard Mohl.

In ihrem Programm „Hölderlin-Resonanzen“ trugen sie Gedichte von Hölderlin alternierend mit Gedichten des 20. und 21. Jahrhunderts vor, was zu einem fortlaufenden poetischen Zwiegespräch zwischen diesen Texten führte. So folgte zu Beginn auf Hölderlins Ode „Der Neckar“ Friederike Mayröckers „Hölderlinturm“ – Hölderlins Naturbilder wurden so konfrontiert mit den Eindrücken der österreichischen Lyrikerin bei einem Besuch in Tübingen. Durch diese Gegenüberstellungen wurde auch erkennbar, welche Nachwirkungen – bei allen formalen und sprachlichen Unterschieden – Hölderlins Dichtkunst bei späteren Lyrikern hatte. Wenn etwa auf „Hyperions Schicksalslied“, in dem es von leidenden Menschen heißt, sie stürzten „Wie Wasser von Klippe/Zu Klippe geworfen/Jahrlang ins Ungewisse hinab“ in der Lesung das Gedicht „Der letzte Stern“ von Else Lasker-Schüler folgt, das die Brüchigkeit menschlichen Lebens in die Worte fasst: „In den Tiefen taumeln die Wasser/und drängen hin und stürzen erdenab“.

Eindrucksvoll wurden von Bernhard Mohl Gedichtvertonungen vorgetragen, der auch Hölderlins späte Jahreszeiten-Gedichte aus dem Turm zu Gehör brachte, die sich durch ihre emphatischen Bilder für eine musikalische Gestaltung eignen, wie man sie sonst von vertonten Brecht- und Biermanngedichten kennt. Die im letzten Teil des Abends präsentierten Stücke wiederum machten deutlich, was unsere Welterfahrung und Weltsicht von der Hölderlins unterscheidet. Der „Hälfte des Lebens“ und der ersten Strophe von „Brot und Wein“ mit der Anfangszeile „Rings um ruhet die Stadt“ standen nun „Auch eine Hälfte ...“ von Enzensberger und Falkners „Ringsum ruhet nichts“ gegenüber. Die erkennbaren Unterschiede konnten auch als eine kritische Anfrage an uns und unsere Zeit verstanden werden.

Nach dem herzlichen Dank an die Vortragenden klang der Abend in gewohnter Weise aus – mit Sekt und einer leckeren Geburtstagstorte und vielen anregenden Gesprächen. Eine Count-down-Installation, die Hans Krauss mit Schülern gefertigt hatte, mit denen er schon zwei Tage zuvor an gleicher Stelle Hölderlins Geburtstag gefeiert hatte, erinnerte die Anwesenden an das große Ereignis, dem wir uns nun mit jedem Tag mehr nähern:

Hölderlins 250. Jubiläumsgeburtstag 2020.

 

von Franz Kosel