Hölderlin-Orte

Hölderlin-Orte

Kunstwerk

Das Hölderlin-Kunstwerk

Hölderlin im Kreisverkehr

Peter Lenk, Bodman-Ludwigshafen (2003)

 

Auf einem filigranen „H“ in Sichtachse zum Klosterhof-Areal, in dem Friedrich Hölderlin von 1770 bis 1774 lebte, ist der Dichter auf einem Federkiel platziert, dargestellt als ein in sich gekehrter, etwa dreißigjähriger Mann. Die Doppelfigur Goethe/Schiller beherrscht den Mittelpunkt. Goethe wird gezeigt als Titan mit Bauchansatz und mit nach unten gerichtetem Daumen in Richtung Hölderlins; die Figur Schillers hält dem Kind, das auf der anderen Seite der Feder sitzt, einen Lorbeerkranz entgegen.

 

Die einzige weibliche Figur des Kunstwerks, Diotima, die Geliebte aus Hölderlins Briefroman "Hyperion", ist als klassische Schönheit dargestellt.

Obenauf steht Herzog Carl Eugen auf dem Württemberger Hirsch in der Pose des absoluten Herrschers.

Die Figur Friedrich Nietzsches auf einem Fahrrad stellt die Verbindung zur Hölderlin-Rezeption späterer Zeiten her.

Peter Lenk sagt zu seinem Werk:

"Es geht um die Balance:
bei der Dichtkunst, bei der Liebe und bei der Macht.“

 

Ein Kunstwerk von Peter Lenk in Lauffen am Neckar

Das Kunstwerk „Hölderlin im Kreisverkehr“ des Bildhauers Peter Lenk wurde am 1. Juni 2003 in Lauffen am Neckar, der Geburtsstadt des Dichters und Philosophen Friedrich Hölderlin, enthüllt.

 

Der Titel „Hölderlin im Kreisverkehr“ hat einen doppelten Bezug: Zum einen greift er die örtliche Situation auf in der Mitte eines Kreisverkehrs, einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Fast alle Menschen, die nach Lauffen kommen oder von dort wegfahren, passieren den Kreisverkehr. Zum anderen ist Friedrich Hölderlin nicht allein Objekt des Kunstwerks, sondern wird in Beziehung zu anderen Figuren dargestellt, die stellvertretend sind für die Einflüsse auf den Dichter und sein Werk.

 

Diese besondere Lage schafft eine Dreidimensionalität, wie sie den meisten Denkmälern, die in der Regel von vorn betrachtet werden, verwehrt ist. Wer um den Kreis ganz herum geht, sieht jeweils andere Figurenkonstellationen, die den Gestalten unterschiedliches Gewicht im Ensemble geben. Die vielfältigen Vernetzungen in Hölderlins Leben und in seinem Werk werden dadurch plastisch wiedergegeben.

 

Die Grundkonstruktion des Kunstwerks ist ein geschwungenes „H“ für „Hölderlin“. Den Mittelpunkt bildet eine waagrecht liegende Schreibfeder, auf der an beiden Enden eine Figur sitzt: ein Kind im Alter von etwa zwei Jahren in Kleidung und Frisur des ausgehenden 18. Jahrhunderts und Friedrich Hölderlin als etwa 30jähriger Mann. Um diese herum erschließen sich mit Hilfe der anderen Figuren Aspekte zu Werk und Leben des Dichters.

 

Die Schreibfeder ist festgeschweißt; sie würde aber bei Windstille genau so liegen, wie sie sich darstellt – sie befindet sich im Gleichgewicht. Dazu der Bildhauer Peter Lenk: „Es geht um die Balance: bei der Dichtkunst, bei der Liebe und bei der Macht.“

 

 

 

 

Das Kind

 

Ein etwa zweijähriger Junge sitzt auf der Federspitze. Offen und arglos wirkt das Kind. Sein Körper ist den anderen Figuren zugewandt. Er lacht und streckt seine Arme vertrauensvoll der Figur Friedrich Schillers entgegen, der auffordernd einen Lorbeerkranz in die Höhe hält.

Johann Christian Friedrich Hölderlin wird am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren. Sein Vater ist Klosterhofmeister des früheren Nonnenklosters, mittlerweile in herzoglichem Besitz, die Mutter Pastorentochter. Zwei Jahre nach der Geburt des kleinen Friedrich stirbt sein Vater und als seine Mutter sich wieder verheiratet, zieht die Familie 1774 nach Nürtingen.

 

Da Hölderlin Lauffen so früh verlassen hat, finden sich nur wenige Erwähnungen seines Geburtsortes in seinem Werk. Diese sind aber sehr positiv und verbinden sich meist mit dem Erlebnis der Sonne, des Lichts und der Wärme.

 

 

Aber damit uns nicht, gleich Allzuklugen, entfliehe

Diese neigende Zeit, komm' ich entgegen sogleich,

Bis an die Grenze des Lands, wo mir den lieben Geburtsort

Und die Insel des Stroms blaues Gewässer umfließt.

Seligen lieb ist der Ort, an beiden Ufern, der Fels auch,

Der mit Garten und Haus grün aus den Wellen sich hebt.

Dort begegnen wir uns, o gütiges Licht! wo zuerst mich

Deiner gestaltenden Strahlen mich einer betraf.

Dort begann und beginnt das liebe Leben.

Aus: Stuttgart

 

 

 

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Friedrich Hölderlin (1770-1843)

 

Bei einem Denkmal für Hölderlin würde man erwarten, dass der Dichter selbst im Mittelpunkt steht. Hier haben sich mit der Doppelfigur Schiller/Goethe andere in die Mitte geschoben, während der erwachsene Hölderlin den Figuren den Rücken zuwendet. Er wirkt abwesend, in sich gekehrt.

 

Von der Mutter zum Pfarrberuf bestimmt, absolviert Hölderlin die Lateinschule in Nürtingen und die Klosterschulen Denkendorf und Maulbronn, von 1788 bis 1793 studiert er am Theologischen Seminar in Tübingen. Während der Studienzeit befreundet er sich mit Schelling und Hegel.

 

Aufgrund einer stetig wachsenden Abneigung gegen den Pfarrberuf wird Hölderlin 1793 auf Empfehlung Schillers Hauslehrer bei Charlotte von Kalb in Waltershausen, Thüringen. 1794 besucht er Vorlesungen Fichtes in Jena. Er erhält 1796 eine Stelle als Hauslehrer bei dem Frankfurter Bankier Gontard. Die schwärmerische Liebe zu dessen Gattin Susette, die von dieser innig erwidert wird, endet mit einer erzwungenen Trennung. Weitere Stationen führen Hölderlin 1800 nach Stuttgart und Nürtingen. 1801 hat er kurz eine Hauslehrerstelle in der Schweiz inne, 1802 bei einem deutschen Konsul in Bordeaux.

 

1802 stirbt Susette Gontard und Hölderlin trifft damit der große Verlust seines Lebens. Seine persönliche Entwicklung nimmt den umgekehrten Weg zu seiner poetischen: Als Dichter betritt er immer wieder neue Räume, entwickelt er eine bis heute faszinierende Meisterschaft, aber als Mensch gerät er zunehmend in bedrängende Zustände.

 

Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt

All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,

Doch es kehret umsonst nicht

Unser Bogen, woher er kommt.

Aus: Lebenslauf

 

Sein Gemütszustand verschlechtert sich so, dass er unter Obhut gestellt werden muss. Er hält sich eine Zeit lang in Nürtingen im mütterlichen Haus auf, später bei seinem Freund Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Schließlich wird er gegen seinen Widerstand in die Authenriethsche Klinik in Tübingen eingeliefert, in der man mit den Methoden der damaligen Zeit versucht, seine Psyche zu behandeln. Die Diagnose lautet schließlich "unheilbar". Er ist 37 Jahre alt, als er vom Schreiner Ernst Zimmer zur Pflege in sein Haus aufgenommen wird und er wird bis zu seinem Tod am 7. Juni 1843 weitere 36 Jahre dort im Tübinger Turm wohnen, wird knappe Briefe und ein paar Gedichte und Fragmente schreiben.

 

Hälfte des Lebens


Mit gelben Birnen hänget

Und voll mit wilden Rosen

Das Land in den See,

Ihr holden Schwäne,

Und trunken von Küssen

Tunkt ihr das Haupt

Ins heilignüchterne Wasser.


Weh mir, wo nehm ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

 

Hölderlin sitzt in sich gekehrt auf dem Kiel der Schreibfeder. Er wendet den anderen Figuren des Kunstwerks den Rücken zu. Er hat eine andere Richtung gewählt, einen eigenen Weg, der quer liegt zu den Erwartungen seiner Familie, zum damaligen Zeitgeist, aber auch zu seinen eigenen Hoffnungen. Hölderlin ist kompromisslos auf der Achse seiner Zeit gewandert, von den Idealen der Französischen Revolution zu Schillers ästhetischem Idealismus, über die Philosophen seiner Zeit, er hat an Goethe vorbei gesteuert, er wanderte durch die griechische Antike und die liebevolle Bestätigung durch Susette Gontard hindurch. Sein Weg führte weiter, er führte weg von dieser Zeitachse, seine Schreibfeder liegt quer dazu, seine Poesie ist anders orientiert. Er findet sein „Eigenes“. Sein poetischer Ausdruck entwickelt sich unaufhörlich weiter und in seinem Werk werden bis heute immer wieder neue Facetten entdeckt. Ein Dichter, der spannend ist und bleibt, wenn man sich auf ihn einlässt.

 

... So komm! dass wir das Offene schauen,

Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.

Aus: Brot und Wein

 

 

 

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Schiller und Goethe

 

Ein Doppelwesen besetzt den Raum im Mittelpunkt des Kunstwerks: auf der einen Seite der kraftvolle, massige Körper Goethes, der, wie ein römischer Kaiser im Bewusstsein seiner Macht, über dem erwachsenen Hölderlin den Daumen senkt; auf der anderen Seite der klassizistisch geformte Schiller, der aus dem Rumpf Goethes entwächst und in Richtung des Kindes gewandt mit großer Gebärde einen Lorbeerkranz nach oben hält.

 

Hölderlin weiß, dass er Dichter und nicht Pfarrer werden will, verschweigt das aber seiner Mutter noch. Er beschreitet den Weg, der zur damaligen Zeit der vielversprechendste ist, um ein anerkannter Dichter zu werden: er sucht den Kontakt zu den Dichterfürsten in Weimar. Zunächst zu Schiller, der ihm aufgrund seiner geschichtsphilosophischen Schriften näher steht. Von ihm erfährt der junge Mann Ermutigung, doch trotz einiger positiver Briefe und Besuche kommt es nicht zu einer Zusammenarbeit, auch wenn Gedichte Hölderlins in Schillers Zeitschrift „Die Horen“ gedruckt werden. Hölderlins Bewunderung für Schiller bleibt einseitig. So schreibt er am 23. Juli 1795 an Schiller nach Jena:

 

„Ich war immer in Versuchung, Sie zu sehen und sah Sie immer nur, um zu fühlen, dass ich Ihnen nichts sein konnte. Nur alle Monate möcht’

ich zu Ihnen und mich bereichern auf Jahre. Ich suche übrigens mit dem, was ich von Ihnen mitnahm, gut hauszuhalten und zu wuchern.”

 

Das Verhältnis zu Goethe war von Beginn an kühl. Bezeichnend für diese Beziehung ist Hölderlins Schilderung ihrer ersten Begegnung im Jahr 1794 bei Schiller in Jena:

 

„Ich trat hinein, wurde freundlich begrüßt und bemerkte kaum im Hintergrunde einen Fremden, bei dem keine Miene, auch nachher lange kein Laut etwas Besonderes ahnden ließ. Schiller nannte mich ihm, nannte ihn auch mir, aber ich verstand seinen Namen nicht. Kalt, fast ohne einen Blick auf ihn, begrüßte ich ihn und war einzig im Innern und Äußern mit Schiller beschäftigt. Der Fremde sprach lange kein Wort. Schiller brachte die „Thalia“, wo ein Fragment von meinem „Hyperion“ und mein Gedicht „An das Schicksal“ gedruckt ist, und gab es mir. Da Schiller sich einen Augenblick darauf entfernte, nahm der Fremde das Journal von dem Tische, wo ich stand, blätterte neben mir in dem Fragmente und sprach kein Wort. Ich fühlte es, dass ich über und über rot wurde. Hätte ich gewusst, was ich jetzt weiß, ich wäre leichenblass geworden. Aber ich ahndete nichts. Der Himmel helfe mir, mein Unglück und meine dummen Streiche gutzumachen.”

 

Abends erfährt Hölderlin, dass Goethe bei Schiller gewesen war. Die beiden etablierten Dichter befassen sich zwar auch später mit Texten Hölderlins, sein Stil ist aber mit ihrer Auffassung von Literatur nicht in Einklang zu bringen.

 

Hölderlins dichterische Entwickung nimmt eine eigene Richtung, in deren Verlauf er auf Reim verzichten wird, freie Rhythmen verwendet und zu einer poetischen Sprache gelangt, die erst im 20. Jahrhundert verstanden werden wird. Keiner seiner Zeitgenossen fand Zugang zu seinem Werk, das in den folgenden Jahrhunderten seine weltweite Bedeutung erlangte.

 

 

 

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Herzog Carl Eugen von Württemberg

 

Der Herzog (Regierungszeit: 1744–1793) steht in Siegerpose mit in die Hüften gestemmten Händen auf dem verendenden württembergischen Hirsch, Sinnbild des absolutistischen Herrschers. Seine Gestalt drückt aus, was auch für Napoleon gilt: Die mangelnde Körpergröße wird durch umso größeren Ehrgeiz ausgeglichen.

 

Aufgewachsen am Hof Friedrichs des Großen und beeindruckt von der Strahlkraft Ludwigs XIV, errichtet Herzog Carl Eugen imposante Zeugnisse seiner Macht; Schloss Monrepos in Ludwigsburg, Schloss Hohenheim und Schloss Solitude auf den Hügeln um Stuttgart. Sein ausschweifender Lebensstil ist legendär. Seinen Untertanen verbietet er "demokratische Umtriebe". Er gründet die "Karlsschule", in der die künftige Elite, zum Beispiel Schiller, ausgebildet wird. Er ist der Träger der Stipendien am "Tübinger Stift", wo ab 1788 auch Hölderlin wohnt.

 

Hölderlin studiert. Er ist befreundet mit Hegel und Schelling und die jungen Männer begeistern sich für die Französische Revolution, für die Dichtkunst und für die Philosophie. Sie beschäftigen sich mit Rousseau, mit Fichte, der in Jena lehrt, und mit Kant, dessen Schriften druckfrisch aus Königsberg das geistig eng gehaltene Württemberg erreichen.

 

Hölderlin denkt nicht tagespolitisch, sondern philosophisch: Er ist interessiert am Wesen der Dinge, der Natur, der Geschichte, der Menschen.

Dem entsprechen die Quellen, aus denen er die Bilder seiner Gedichte schöpft: die Natur, besonders die Landschaft, das antike, idealische Griechenland, die Mythologie. Er nimmt die Wirklichkeit wahr als etwas, das über sich hinausweist, das Größeres zu offenbaren hat.

 

Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,

Pflegend und wiedergepflegt mit den fleißigen Menschen zusammen.

Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen

In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel.

Aus: Die Eichbäume

 

 

 

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Diotima

 

Die einzige weibliche Figur des Kunstwerks ist gestaltet als griechisch anmutende Schönheit: Diotima, die Geliebte des Hyperion aus Hölderlins gleichnamigem Briefroman. Sie verkörpert das Ideal der Liebe und Natürlichkeit. An ihr wird deutlich, wie dasselbe Stilmittel des Künstlers – die Nacktheit von Figuren – unterschiedliche Wirkung erzielen kann: Diotima wird durch ihre Nacktheit klassisch, zu einer symbolischen Gestalt, während die Nacktheit bei der Figur Goethes entlarvend wirkt und etwas respektlos.

 

Die Liebe seines Lebens findet Friedrich Hölderlin in Susette Gontard, der Frau seines Frankfurter Arbeitgebers. Susette bewundert seine lyrischen Werke und unterstützt ihn durch einen intensiven Gedankenaustausch über seinen in Arbeit befindlichen Roman „Hyperion“. Sie wird ein Gegenüber, das das Beste in ihm erwecken kann.

 

In Frankfurt erfährt Hölderlin Anerkennung und Demütigung. Der Hausherr behandelt ihn wie einen Dienstboten, der Arzt Wilhelm Heinse, ein Freund des Hauses, diskutiert mit ihm intensiv über Gestaltungselemente der Poesie und Musik.

In diesem Klima der starken Gefühle gewinnt Hölderlin eine neue Perspektive für seine Weltsicht hinzu. Er erlebt Harmonie, er findet Verstehen und Begrenzung und in Susette ein Alter Ego. Diese Impulse befördern seine poetische Entwicklung, die in den Jahren bis 1806 zum Höhepunkt seines dichterischen Schaffens führt.

 

Nun! ich habe dich gefunden!

Schöner, als ich ahndend sah,

Hoffend in den Feierstunden,

Holde Muse! bist du da;

Von den Himmlischen dort oben,

Wo hinauf die Freude flieht,

Wo, des Alterns überhoben,

Immerheitre Schöne blüht,

Scheinst Du mir herabgestiegen,

Götterbotin! weiltest du

Nun in gütigem Genügen

Bei dem Sänger immerzu.

Aus: Diotima

 

Hölderlin setzt die Frankfurter Erfahrungen in eine Poetik der sich ergänzenden Töne um, erst die Zusammenfügung gibt ein Ganzes. Der positiven Spannung zwischen Diotima und Hyperion, zwischen erlebendem und zupackendem Weltzugang, zwischen Natürlichkeit und Ideenwelt, entspringt Energie. Er benennt drei Töne: den naiven, den idealischen und den heroischen. Seine Gedichte baut er sorgfältig entlang dieses Prinzips. Er ordnet die Worte nach ihren Wirkungen. Harmonie und Spannung im Gedicht entstehen durch die entsprechende Balance der Bausteine.

 

 

 

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Friedrich Nietzsche

 

Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) sitzt auf einem Fahrrad und nimmt von schräg oben her kommend Kurs auf die Figurengruppe. Er fährt einhändig und streckt in seiner freien Hand den Thyrsosstab in die Höhe, das von Efeu und Weinlaub umrankte und von einem Pinienzapfen gekrönte Symbol des Dionysos. Dionysos war in der antiken Welt der Gott der fließenden Säfte, der Naturhaftigkeit, Zügellosigkeit, der Sinnenfreude und auch Gott des Weines. Nietzsche hat Hölderlin in jungen Jahren bereits als seinen Lieblingsdichter bezeichnet und gilt als einer der ersten Vertreter einer intensiven und positiven Hölderlin-Rezeption.

 

Wie Hölderlin erkennt Friedrich Nietzsche zwei grundlegende Triebkräfte des menschlichen Strebens als sich notwendig ergänzend:

die Vernunft, das Ordnende, Beherrschende und Begrenzende, das „apollinische Prinzip“ auf der einen Seite und die Sinnlichkeit, das Unbeherrschte, das Grenzen sprengende Empfinden, das „dionysische Prinzip“ auf der anderen Seite, die erst zusammen die Ganzheitlichkeit des Menschen ergeben.

Für Hölderlins Zeit sind diese Gedanken revolutionär: Er hinterfragt hiermit seine Erziehung, die Wert legt auf Selbstbeherrschung, sich einfügen und sich bescheiden und denkt gegen den von Hegel in der Philosophie und Schiller in der Kunst geprägten Idealismus an.

 

Er findet zur Harmonisierung seiner Gedankenwelt, zu seiner eigenen Philosophie, gerät aber zunehmend in Konflikt mit den gesellschaftlichen Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Er wehrt sich auf seine Weise, nicht protestierend, sondern ausweichend und sich auf sich selbst zurück ziehend.

 

Jetzt aber sitz' ich unter Wolken (deren

Ein jedes eine Ruh' hat eigen) unter

Wohleingerichteten Eichen, auf

Der Heide des Rehs, und fremd

Erscheinen und gestorben mir

Der Seligen Geister.

Aus: Lebensalter

 

Die Figur Nietzsches steht auch für die Neuzeit, die beginnende Moderne, die erst die Mittel finden wird um die späten Gedichte Hölderlins in ihrer Radikalität und Modernität zu verstehen und zu würdigen. Zu Nietzsches Zeit beginnt das, was wir heute als Beschleunigung des Lebens bezeichnen: das Rad rollt. In Nietzsches Werk finden sich zahlreiche Rad-Bilder, Symbol für eine Beschleunigung des Lebens, für etwas Unaufhaltsames. Die Entmythologisierung der Welt hat begonnen.

 

 

 

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Der Bildhauer Peter Lenk

 

Peter Lenk wurde 1947 geboren, er lebt und arbeitet am Bodensee. Seine oftmals provokanten Skulpturen stehen in zahlreichen Städten, zum Beispiel die "Imperia" in der Hafeneinfahrt von Konstanz, der "Bodenseereiter" mit einem parodistischen Porträt von Martin Walser in Überlingen.

An dem Ensemble "Hölderlin im Kreisverkehr" arbeitete Lenk eineinhalb Jahre lang. Die Figuren bestehen aus verwitterungsresistentem Steinguss.

Hölderlin im Kreisverkehr, Lenk

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