Kultur & Gesellschaft

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Der deutsche Wandel

Der deutsche Wandel! - Wer wir sind und wie wir uns verändern

PROFIL DES WISSENSCHAFTLERS

Lauffen will es wissen 2014 Dr. Jürgen SchuppDr. Jürgen Schupp ist seit Feburar 2011 Direktor der forschungsbasierten Infrastruktureinrichtung Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Seit Februar 2013 ist er Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Pressebericht

Den Pressebericht im Lauffener Boten finden Sie hier.

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Bild der Wissenschaft interviewt

Der Mindestlohn steigert     die Produktivität    

 

Welche Auswirkungen der Mindestlohn haben kann und wie es um die Lebenszufriedenheit der Deutschen steht, erläutert der Direktor des Sozio-oekonomischen Panels SOEP, Jürgen Schupp.

Das Gespräch führte Wolfgang Hess.

 

bild der wissenschaft: In Deutschland soll es ab 2015 einen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro geben. Wie viele Menschen kommen in den Genuss dieser gesetzlichen Regelung, Herr Professor Schupp?

Jürgen Schupp: Auf der Basis unserer Langzeitstudie rechnen wir mit vier bis fünf Millionen Menschen, die davon profitieren würden. Im Osten Deutschlands liegen derzeit noch 23 Prozent der Beschäftigten unter einem Stundenlohn von 8,50 Euro, in Westdeutschland 14 Prozent. Da viele Menschen gar nicht genau wissen, was sie in der Stunde verdienen, haben wir ihren Stundenlohn entsprechend unseren Befragungsergebnissen zum Monatsentgelt und der wöchentlich vereinbarten Arbeitszeit errechnet.

 

Haben sich die Befragten gescheut, über ihren Verdienst  Auskunft zu geben?

Fragen zur Höhe des Gehalts sind in Deutschland eher schwierig zu erheben. Doch da kommt uns beim Soziooekonomischen Panel die jährliche Wiederbefragung zugute. In der ersten Welle einer Studienteilnahme liegt der Anteil derer, die Einkommensfragen nicht beantworten können oder wollen, bei rund 10 Prozent. Im Lauf der Zeit sinkt er, weil Vertrauen zwischen Befrager und Befragtem aufgebaut wird. Bei Selbstständigen liegt der Anteil „fehlende Verdienstangaben“ bei mehr als 20 Prozent – was sicher auch an den zeitlich weniger klar abgrenzbaren Einkommensstrukturen von Selbstständigen liegt.

 

Wie groß ist der Unterschied zwischen der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit und der entlohnten?

Unabhängig von der Mindestlohndebatte beobachten wir in unserer Panel-Befragung, dass der Anteil der nicht vergüteten Mehrarbeit seit Jahren zunimmt.

 

Heißt das, dass die Arbeitsbeanspruchung nach der Einführung des Mindestlohns zunehmen wird?

Ich kann mir gut vorstellen, dass Branchen mit schwer durchsetzbaren betriebsbedingten Kündigungen demnächst mehr Arbeit in derselben Zeit verlangen. Und ich vermute, dass es gerade in Kleinbetrieben vermehrt  Arrangements geben wird, mithilfe von Arbeitszeitsenkungen ansonsten anstehende Erhöhungen des Monatslohns zumindest teilweise aufzufangen. Anders betrachtet heißt das: Die Arbeitsproduktivität dürfte vielfach durch die Einführung des Mindestlohns gesteigert werden.

 

Der Mindestlohn soll Arbeitnehmern ein gewisses Einkommensniveau garantieren. Wie sieht es denn bei den Rentnern aus? Hat die Altersarmut zugenommen?

Die uns vorliegen Daten jener Menschen, die über der Verrentungsgrenze liegen, zeigen aktuell noch kein Wachstum bei der Altersarmut. Die von Armut über proportional betroffene Altersgruppe sind heute die Jugendlichen. Wenn wir die Erwerbstätigen kurz vor der Rente aber genauer unter die Lupe nehmen, sehen wir schon jetzt höhere Abschläge auf die Rente auf uns zukommen – aufgrund der brüchiger gewordenen Erwerbsbiografien. Das heißt: Das Armutsrisiko wird zumindest für neue Rentner enorm steigen.

 

Was sind die Ursachen der brüchigeren Erwerbsbiografien?

Die Abschläge resultieren aus einem späteren Berufseintritt, aus Beschäftigungsformen wie Minijobs, Solo-Selbstständigkeit oder anderen sozialversicherungsfreien Arbeitsverhältnissen. Diese Beschäftigungsformen haben zwar dazu geführt, dass die Arbeitslosenquote abgenommen hat. Doch die Rentenanwartschaft wurde dadurch brüchiger, und die Altersarmut wird so betrachtet zunehmen. Daran werden auch die aktuellen Rentenreformen wenig ändern.

 

Und bei Frauen?

Da sieht es besser aus. Vor allem ostdeutsche Frauen der Babyboomer-Generation, also der heute etwa 50- Jährigen, haben lückenlosere Erwerbskarrieren. Auch im Westen haben Frauen, die heute um die 50 sind, einen höheren Rentenanspruch erworben als ältere Frauen, die nach der Eheschließung häufig ihre Erwerbsarbeit an den Nagel gehängt haben.

 

Wie zufrieden sind die Rentner insgesamt?

Die Zufriedenheit mit der Einkommenssituation sinkt unmittelbar nach der Verrentung deutlich. Aber: Die Zufriedenheit mit der nun frei verfügbaren Zeit steigt steil an. In der Bilanz einer allgemeinen Lebenszufriedenheit verzeichnen wir deshalb keine nennenswerte Veränderung gegenüber den vorausgegangen Beschäftigungsjahren. Jene, die über die Verrentung hinaus noch erwerbstätig sind – und sei es auch nur in einem Minijob – sind sogar zufriedener als vor ihrem Renteneintritt. Unzufrieden sind vor allem jene Menschen, die mit 55 aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen sind. Natürlich resultiert das auch daraus, dass Menschen, die früh verrentet worden sind, häufiger als andere gesundheitliche Probleme haben. Aber auch wer in diesem Alter arbeitslos ist, ist unzufriedener als ein Beschäftigter. Den Job zu verlieren, ist einer der größten subjektiven Wohlfahrtsverluste überhaupt. Interessanterweise werden Arbeitslose, die ins Rentenalter kommen, wieder signifikant zufriedener. Allein der Status „ich bin nicht mehr Arbeitsloser, sondern Rentner“ sorgt für eine höhere Zufriedenheit.

 

Wie wirkt sich eine Partnertrennung auf die Lebenszufriedenheit aus?

Da gibt es interessante Unterschiede zwischen Mann und Frau. Unsere über Jahre wiederholten Befragungen offenbaren deutlich: Frauen sind vor dem Datum der Trennung deutlich früher unglücklich als Männer. Die Lebenszufriedenheit der Männer sinkt häufig erst dann, wenn die Trennung erfolgt ist. Doch nach der Trennung steigt die Lebenszufriedenheit im Lauf der Jahre bei Männern und Frauen wieder auf die alten Werte an – egal, ob sie als Paar oder alleine weiter leben.

 

In welchem Alter sind die Deutschen am glücklichsten?

Der Stress wird in der Mitte des Lebens bei den etwa 45-Jährigen am heftigsten empfunden. Von daher ist diese Gruppe unzufriedener als jüngere oder deutlich ältere. Im hohen Alter, also in der Zeit vor dem Tod, geht es wieder steil bergab mit der Zufriedenheit.

 

Heißt das, dass Sie durch Ihre Langzeitstudie im Nachhinein feststellen können, wann bei den Menschen die letzten Lebensjahre angebrochen sind?

Wir haben annähernd 5000 ehemals Befragte in unserem Panel, von denen wir das Sterbejahr ermitteln konnten. Ungefähr vier bis fünf Jahre vor dem Versterben geht die zuvor auf einem hohen Niveau verharrende Zufriedenheit drastisch herunter. Aus der wachsenden Lebenserwartung der Deutschen folgen mit anderen Worten „many happy years“. Der Positivsaldo der Lebenszufriedenheit wächst mit der Lebensdauer. Von daher sind Studien mit Vorsicht zu betrachten, die dokumentieren, dass Menschen in einem Land irgendwo auf der Welt die vermeintlich glücklichsten sind, wenn die Lebenserwartung dort deutlich hinter der hierzulande herhinkt.

 

Man hört immer wieder, dass die Menschen in Bhutan zu den glücklichsten gehören. Das würden Sie also nicht bestätigen? Die Lebenserwartung dort liegt derzeit bei 67,3 Jahren, in Deutschland dagegen bei 80,7 Jahren.

Was das Lebensglück angeht, bin ich bei einfachen Rankings sehr skeptisch. Die OECD ist mittlerweile dabei, mit sozialwissenschaftlich fundierten Studien eine robuste und belastbare Datenbasis zu ermitteln. Das ist deshalb wichtig, weil wir erkannt haben, dass der Indikator für das Wohlfühlen des Einzelnen nicht nur das Bruttoinlandsprodukt sein kann. Skepsis angebracht ist auch beim Blick auf den Glücklichkeits-Index verschiedener Bevölkerungsgruppen nur eines Landes. Die Angehörigen unterer Einkommensschichten fühlen sich im Durchschnitt unglücklicher als die der oberen. Aber ob das nur mit dem Einkommen zusammenhängt oder mehr mit Indikatoren wie bessere Bildung, bessere Ernährung, bessere Gesundheit, bessere Wohnung ist nicht geklärt. Ein steigendes Einkommen führt nach unseren und vielen anderen Untersuchungen weit weniger zur Steigerung des Lebensglücks als die Übernahme eines Ehrenamts, der Ausbau des Freundeskreises oder ein Engagement in der Nachbarschaftshilfe. Bei Aktivitäten wie den eben genannten hält das Lebensglück länger an als bei einer Lohnerhöhung. Sie bewirkt nur kurzfristig einen Wohlfühleffekt, weil nahezu sofort im Anschluss das  Anspruchsniveau steigt. Sozialforscher bezeichnen das als hedonistische Tretmühle.

 

Gibt es regionale Unterschiede bei der Lebenszufriedenheit in Deutschland?

Das haben wir 2013 genau untersucht. Und egal, wie wir an die Untersuchung herangingen – es gibt nur ein einziges regional unterschiedliches und statistisch belastbares Ergebnis: Im Westen Deutschlands ist man generell zufriedener als im Osten.

  

Warum?

Das ist für uns immer noch ein Puzzle. Es kann nicht nur an der größeren Arbeitslosigkeit im Osten liegen. Offenbar spielen auch hier unterschiedliche Anspruchsniveaus in Ost und West eine große Rolle. Die Erwartungen an das Leben sind im Osten deutlich höher und werden offensichtlich weniger befriedigt

 

Jürgen Schupp studierte Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Mainz und Frankfurt am Main. Nach seinem Abschluss als Diplom-Soziologe wechselte er 1984 in das Projekt ‧Sozio-oekonomisches Panel am DIW Berlin. Seit seiner Promotion an der Ruhr-Universität Bochum lehrt Schupp (*1956) am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin, 2006 wurde er dort Honorarprofessor. Im Februar 2011 übernahm er die Ko-Leitung der forschungsbasierten Infrastruktureinheit SOEP. Seit Januar 2013 ist er Direktor des SOEP.

BILDNACHWEIS

Portrait Dr. Jürgen Schupp: Norbert Michalke

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