Kultur & Gesellschaft

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Troja - nur ein Mythos?

Troja - Nur ein Mythos?

profil des wissenschaftlers

Ernst PernickaErnst Pernicka ist seit 2004 Professor für Archäometrie und Archäometallurgie an der Universität Tübingen. Als ausgebildeter Chemiker untersucht er archäologische Funde auch im Reinraumlabor. Gleichzeitig ist der gebürtige Wiener (Jahrgang 1950) wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie GmbH in Mannheim und Chefausgräber in Troja. Nach Chemiestudium und Promotion arbeitete er am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg. 1997 wurde er als Professor auf den Lehrstuhl für Archäometallurgie an die TU Bergakademie in Freiberg/Sachsen berufen. Sein dortiges Institut ermittelte 2003 die Echtheit der Nebra-

Scheibe.

pressebericht

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bild der wissenschaft interviewt...

Lauffen will es wissen Troja„Herr Schrott ist ein Schriftsteller“

Die Mittel für weitere Ausgrabungen in Troja drohen auszugehen. Auch deshalb, weil sich die Gelehrten erneut streiten, wo Homers sagenhafte Stadt wirklich lag. Ernst Pernicka, Trojas Chefausgräber, bezieht Stellung.

 


bild der wissenschaft: Vor Kurzem kommentierte Berthold Seewald in „Die Welt“ angesichts des drohenden Finanzierungsstopps der deutschen Troja-Forschung, „dass die meisten Belege von Korfmann und Pernicka für die Existenz einer bronzezeitlichen Handelsmetropole Troja in der Fachwelt eher Zweifel hervorrufen“. Wie leben Sie mit diesem Vorwurf, Herr Professor Pernicka? ERNST PERNICKA: Der Publizist Seewald ergreift traditionell Partei gegen Manfred Korfmann, obwohl der im Jahr 2005 verstorben ist. Sein Vorwurf an mich geht ins Leere. Ich habe nie von einer Handelsmetropole gesprochen. Tatsache ist: Für die frühe Bronzezeit – also das 3. Jahrtausend v.Chr. – können wir weitreichende Kulturkontakte belegen. Es gibt reichlich Materialien, die in der dortigen Region nicht entstanden sein können. Für das zweite Jahrtausend – das sogenannte homerische Troja – hat Korfmann tatsächlich die Bedeutung Trojas mit seiner strategischen Lage am Ausgang der Dardanellen begründet. Ich bin in diesem Punkt skeptisch. Denn wir haben aus dieser Zeit nur wenige Belege, die für einen intensiven Austausch zwischen der Ägäis und dem Schwarzen Meer sprechen. Ich glaube vielmehr, Troja war ein regionales Zentrum, dessen Bedeutung sich vorrangig aus dem fruchtbaren, landwirtschaftlich genutzten Gebiet erklärt. Aber egal, wie man die archäologischen Befunde interpretiert, Troja bleibt bedeutend – als Referenzort für die Ägäis und Südosteuropa, als Schauplatz der Ilias und als Denkmal der deutschen Feldarchäologie.


Troja gab schon immer Anlass zu Spekulationen. Vor zwei Jahrzehnten behauptete der Geoarchäologe Eberhard Zangger, Troja sei Atlantis gewesen. 2008 veröffentlichte der Literaturwissenschaftler Raoul Schrott ein Buch, wonach Homers Troja 800 Kilometer weiter östlich gelegen haben soll – unweit der heutigen Millionenstadt Adana. Wie gehen Sie mit diesen Kollegen um – oder sind das für Sie gar keine Kollegen? Herr Zangger war ein Kollege. Er hat inzwischen die Archäologie verlassen und ist in die Wirtschaft gegangen. Ehe er seine Hypothese als Buch „Atlantis, eine Legende wird entziffert“ veröffentlichte, hatte ich an ihn appelliert, er möge etwas vorsichtiger formulieren. Wer Zanggers Buch liest, merkt, dass seine Hypothese im Laufe des Textes zur Theorie wird. Von dieser war er später geradezu besessen und hat nur noch die ihm genehmen Hinweise verfolgt. Wissenschaftlich solide sind Untersuchungen nur, wenn alle möglichen Quellen herangezogen werden – auch solche, die der eigenen Überzeugung widersprechen, wie unsere Bohrprofile rund um Troja.


Und wie stehen Sie zu Raoul Schrott? Auch ihm werfe ich ein unwissenschaftliches Vorgehen vor. Doch ihn betrachte ich nicht als Kollegen. Herr Schrott ist Schriftsteller und hat sich an der Universität Innsbruck mit einem schmalen Werk über Dadaismus für Literaturwissenschaft habilitiert. Das qualifiziert ihn nicht für das halbe Dutzend Fachgebiete, die er sich in seinem Buch anmaßt, das auf den ersten Blick ein wissenschaftliches Werk zu sein scheint – mit Fußnoten also. Doch alle Fußnoten, die ich nachgeprüft habe, sind entweder falsch zitiert oder selektiv: Es ist also nicht der vollständige Literaturstand wiedergegeben. Dies ist ein Grund, weshalb dieses Buch in der Wissenschaft nicht ernst genommen wird. Herr Schrott begegnet sämtlicher Kritik aus der Wissenschaft dadurch, dass er behauptet, die Archäologen seien eingefahren, ja verknöchert und neuen Ideen nicht aufgeschlossen.

 

In der Öffentlichkeit kamen und kommen die Ansichten von Zangger und Schrott gut an. Das beweisen deren Medienerfolge. Am 31. Januar lief beispielsweise im ZDF zur besten Sendezeit ein dreiviertelstündiger Bericht über Troja, der Raoul Schrotts Sichtweise propagierte. In der Öffentlichkeit wird es gern gesehen, dass ein einsamer Wissenschaftler ein ganzes Denkgebäude renoviert oder gar zum Einsturz bringt. So läuft es aber in der Wissenschaft seit 100 Jahren nicht mehr. Figuren wie Darwin oder Einstein sind sehr, sehr selten. Wer eine neue Hypothese vorträgt, wie Schrott es tut, ist in der Beweispflicht und sollte nicht so tun, also ob sich dadurch die etablierte Forschung erneut beweisen müsste.

 

Kommen wir zu Ihrer aktuellen Troja-Forschung. In den 1990er-Jahren wurde mit naturwissenschaftlichen Methoden ein Graben nachgewiesen, der räumlich deutlich von der sogenannten Oberstadt abweicht. Die wurde als Indiz für eine ausgedehnte Unterstadt gewertet, die den möglichen Fürstensitz umgab. Mit magnetometrischen Bodenuntersuchungen hatte man damals den Boden bis in ein, zwei Meter Tiefe durchleuchtet. Mittels traditioneller Grabung stieß das Team um Manfred Korfmann auf eine Struktur, die als Stadtgraben gedeutet wurde. Nachdem ich die Grabungsleitung 2006 übernommen hatte, die durch den frühen Tod meines Freundes und Kollegen Manfred Korfmann frei geworden war, wollte ich wissen, wie umfassend diese Struktur ist. Durch magnetometrische Messungen konnte man nur die Hälfte eines Grabens um die potenzielle Unterstadt erfassen. Ich habe mich also gefragt, wo ich als Verteidiger von Troja den Graben fortsetzen würde. An den mutmaßlichen Stellen haben wir gegraben – und den Graben in der Tat erneut aufgespürt.

 

Wieso kam der Graben durch magnetometrische Messung nicht zum Vorschein? Weil er dreieinhalb Meter unter der Oberfläche ansetzt. Das ist für die physikalische Messung zu tief. Über den Siedlungsschichten von Troja liegen weitere aus der hellenistischen und römischen Zeit. 2008 haben wir in der Grabenanlage ein drittes Tor gefunden, 2009 die Reste eines mindestens 3800 Jahre alten Doppelgrabes.

Wie viele Einwohner zählte Troja Ihrer Meinung nach? Wir glauben, dass in dieser Unterstadt während der etwa 500-jährigen Blütezeit von Troja einige Tausend Menschen gewohnt haben.


Troja war Ihrer Meinung nach also mehr als ein Piratennest, wenn auch nicht die große Metropole? So ist es. Schliemann hatte vor 140 Jahren den etwa zwei Hektar großen Hügel Hisarlik ausgegraben. Schon er hatte sich gewundert, warum die Siedlung so klein sein sollte und dort – ohne Erfolg – gesucht, wo die Unterstadt inzwischen nachgewiesen ist. Heute gehen wir von 30 bis 35 Hektar Siedlungsfläche aus. Die Unterstadt reicht damit an die Ausdehnung von Knossos heran, die als größte Stadt der Ägäis in der späten Bronzezeit angesehen wird. Doch auch andere Städte in Anatolien, im Vorderen Orient und in Griechenland hatten diese Ausdehnung.


Wenn man über Troja spricht, redet man nie über Inschriften. Gibt es die dort nicht?Beschriftete Tontafeln und dergleichen wurden dort nicht gefunden. Die Ausgrabungen von Korfmann haben lediglich ein Schriftzeugnis zutage gefördert: ein Metallsiegel, das mit luwischen Hieroglyphen beschriftet ist. Luwisch ist eine Sprache der Hethiter. Dies passt zu den hethitischen Schriftquellen, die Troja als Vasall des Hethiterreiches darstellen.


Wie erklären sich Archäologen dieses Fehlen? Zunächst sind Schriftzeugnisse in bronzezeitlichen Siedlungen sehr selten. Es müssen besondere Umstände dafür eintreffen. Eine andere Erklärung wäre, dass sich die Trojaner nicht auf Ton-, sondern auf Holztafeln mitgeteilt haben. Die wären nach dreieinhalb Jahrtausenden natürlich verrottet. Solche Schrifttafeln aus Holz wurden in dem spätbronzezeitlichen Schiffswrack von Uluburun gefunden. Auf dem Meeresgrund konnten sie sich erhalten.


Keine Schriftzeugnisse, kaum Ruinen, ganz wenige Gräber. Wundert es Sie nicht, wenn es immer wieder Kritiker gibt, die behaupten, Troja sei bei Weitem nicht die Stadt gewesen, für die sie in unserem Kulturverständnis steht? Ruinen gibt es natürlich schon, besonders die immer noch imposanten Mauern der Zitadelle, die bis zu acht Meter hoch ragen. Troja ist vorrangig ein prähistorischer Siedlungshügel und bei solchen gibt es andere Erwartungen und Ziele. Es geht um die Rekonstruktion der ungeschriebenen Geschichte anhand von Überresten menschlicher Aktivität. Aber das Trojabild der meisten ist natürlich von der Ilias geprägt.


Wie viel von dem, was Sie publizieren, ist Fakt, wie viel ist Mutmaßung? Zunächst sind die Funde und Befunde Fakten. Viele Interpretationen davon sind eindeutig und evident – etwa dass der Graben eine Verteidigungsanlage war. Manche sind Mutmaßungen oder Schätzungen – wie die Bevölkerungszahl. Dazwischen gibt es alle Schattierungen. Zusätzlich zu archäologischen Methoden, wie dem Stilvergleich, versuchen wir aus dem Material selbst Informationen zu beziehen. So sind wir in der Lage, bei Keramik herauszufinden, wo sie entstanden ist, weil Ton selten über weite Strecken transportiert wurde.


Und wie gelingt Ihnen das? Wir untersuchen das Material mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden – beispielsweise durch Neutronenaktivierung. Aufgrund der gesteinstypischen Analysen können wir erkennen, wo dieses Material her ist. So konnten wir für den Raum um Troja nachweisen, dass die frühere mykenische Keramik tatsächlich aus Mykene stammt, die spätere aber nicht. Diese Analysen funktionieren auch bei Metallgefäßen. Der berühmte Archäologe Sir Colin Renfrew glaubte noch 1980, dass in Troja die Bronze – eine Legierung aus Kupfer und Zinn – erfunden wurde. Doch da irrte er. Wir konnten nachweisen, dass es in der Region um Troja zwar Kupfer gibt, aber kein Zinn. Die in Troja gefundene Bronze enthält Zinn, das vielleicht in Mittelasien abgebaut wurde. Unsere Ergebnisse haben übrigens dazu beigetragen, dass man in der Archäologie Völkerwanderungen in jener Zeit wieder als Erklärungsmodell für Kulturwandel in Betracht zieht.


Wie ist es, wenn man als Chemiker plötzlich die Archäologen-Szene aufmischt? Als ich nach Deutschland kam, wurde mir zwar gelegentlich gesagt, der Schuster möge doch bei seinem Leisten bleiben. Aber das änderte sich in den Moment, als wir gemeinsam neue Erkenntnisse publiziert haben.


Sie sind also ein lebender Beweis dafür, dass es in der deutschen Archäologie Interdisziplinarität gibt? Und das verdanken wir auch der Volkswagenstiftung. Sie förderte ab den 1970er-Jahren das Grenzgebiet zwischen den Naturwissenschaften und der Archäologie schwerpunktmäßig. 1997 stellte sie Mittel für eine Stiftungsprofessur ,Archäometallurgie‘ an der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen zur Verfügung, auf die man mich berufen hat.


Der Troja-Forschung scheinen dagegen die finanziellen Mittel auszugehen. Die Daimler AG hat ihre großzügige Förderung schon vor Jahren beendet. 2009 lief auch das noch von Korfmann begonnene Langzeitprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus. Wie wird es weitergehen? Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht. Wir wollen das Lebenswerk Manfred Korfmanns in einer Gesamtpublikation veröffentlichen. Einer von drei geplanten Bänden wird dieses Jahr fertig. Um das zu schaffen, müssen wir in Troja Material bearbeiten, das versiegelt in Containern lagert. Schon deswegen müssen wir unsere Grabungen fortsetzen. Ich bin Inhaber der Grabungslizenz und werde sie auch weiter beantragen, solange wir die Mittel dazu nachweisen können. Was danach kommt, weiß ich nicht. Hier ist die deutsche Öffentlichkeit gefordert. Wenn wir die Troja-Ausgrabungen einstellen, ist der Ort nicht mehr mit deutscher Wissenschaft verbunden. Mehr noch: Inzwischen kommen im Jahr rund 500 000 Besucher nach Troja. Die Türkei baut dort gerade ein Museum und hofft wohl auf weiteres deutsches Engagement. Wenn wir jetzt Adieu sagen, wäre das für die Türken ein schlechtes Signal.


Kann das Deutsche Archäologische Institut — eine Institution, die zum Auswärtigen Amt gehört – nicht einsteigen? Ich habe die Fortführung dort angeregt, höre aber, dass dafür keine Mittel zur Verfügung stehen.


Was ist mit den vielen privaten Mäzenen der Kulturförderung? Wir sprechen solche Institutionen an, stellen aber im Zuge der Weltfinanzkrise fest, dass es sehr schwierig geworden ist, Zusagen zu bekommen. Immerhin können wir durch eine großzügige private Spende einer Einzelperson die Grabung in diesem Jahr fortführen.

 

Sie sind jetzt 60 und haben eine Menge erreicht. Hat der Wissenschaftler Pernicka noch Wünsche? Ich fühle mich geehrt, dass ich der Leiter der Ausgrabungen in Troja sein darf: Bisher hat es dazu keinen Widerspruch aus der Archäologie gegeben. Wenn ich mir noch etwas Außergewöhnliches wünschen dürfte, dann wäre das, die großen Goldfunde archäometrisch untersuchen zu dürfen. An einem arbeiten wir sogar schon: Im bulgarischen Varna wurde 1972 das früheste Gold der Menschheit ausgegraben – 4500 Jahre vor Christus datiert. Dabei handelt es sich um insgesamt etwa 3000 Fundstücke, die zusammen sechs Kilogramm wiegen. Die Herkunft dieses Goldes ist unbekannt. Für Troja wären natürlich ähnliche Untersuchungen an den Goldfunden interessant, die jetzt im Puschkin-Museum in Moskau liegen und an anderen Goldfunden aus dieser Zeit. Ein weiterer Wunsch wäre die Aufklärung der Herkunft des Zinns in der Bronzezeit – eines der großen Rätsel der prähistorischen Archäologie.

 


Das Gespräch führten Wolfgang Hess und Cornelia Varwig für bild der wissenschaft 7/2010

bildnachweise

Ernst Pernicka: T. Wegner

Ernst Pernicka im Labor: T. Wegner

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