Kultur & Gesellschaft

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Urmensch

Urmensch - Afrika, wiege der Menschheit?

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Friedemann SchrenkFriedemann Schrenk (Jahrgang 1956) studierte Geologie, Paläontologie, Zoologie und Anatomie in Darmstadt, Johannesburg, Südafrika, und Frankfurt am Main. Seit 2000 ist der gebürtige Stuttgarter Professor für Paläobiologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und zugleich Leiter der Abteilung Paläoanthropologie am Forschungsinstitut Senckenberg. Prof. Dr. Schrenk ist einer der angesehensten Hominidenforscher weltweit.

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Urmensch

Klimaveränderungen prägten den Menschen

Mindestens zwei drastische Klimawandel begünstigten vor ein paar Millionen Jahren die Evolution des Menschen, sagt der Urmenschen-Forscher Friedemann Schrenk.

 

bild der wissenschaft: Der Mensch stammt vom Affen ab. Einverstanden mit dieser These, Herr Professor Schrenk? FRIEDEMANN SCHRENK: Der Mensch stammt nicht von modernen Schimpansen oder Gorillas ab. Die heute lebenden Menschenaffen und wir Menschen haben aber gemeinsame Vorfahren vor rund acht Millionen Jahren. Beweisen im strengen Sinn können wir das zwar nicht. Aber diese Hypothese ist sehr wahrscheinlich.


Hat bei der Entstehung des Menschen also vielleicht doch eine höhere Macht mitgewirkt? Was halten Sie von „Intelligent Design“ und einem höheren Wesen, das dahinter steckt? Das ist Unsinn. Schauen wir uns doch nur einmal an, wie unintelligent Speise- und Luftröhre beim Menschen angelegt sind. Deswegen verschlucken wir uns ja immer wieder. Die Anlage ist nur damit zu erklären, dass in der Evolution unumkehrbare Fakten geschaffen wurden. Beim Auge ist das nicht anders: Das Licht so umständlich zu den Rezeptoren zu führen – das ist alles andere als intelligent. Es gibt Hunderte anderer Beispiele, die gegen ein intelligentes Design beim Menschen sprechen. Unser Problem ist, dass wir uns die Zeit, die seit der Menschwerdung verstrichen ist, nicht wirklich vorstellen können. Wir reden von über Hunderttausenden von Generationen. Die Evolution hatte also viel, viel Zeit.


Wissen Biologen und Paläoanthropologen, wie lange es dauert, bis sich beim Menschen aus einer zufälligen Mutation ein Wesensmerkmal entwickelt? Genau eingrenzen können wir das zwar nicht, aber es dürften dazu wohl 3000 bis 8000 Generationen vergehen.


Solange dauert es also auch, bis sich der Mensch biologisch an eine stark veränderte Umwelt anpasst? Unser Vorteil ist, dass wir uns über die Kultur atemberaubend rasch anpassen können. Deswegen ist die biologische Anpassung bei Homo sapiens nicht mehr so relevant wie bei den Vor- und Frühmenschen. In den vergangenen 250 000 Jahren haben wir uns biologisch kaum verändert.


Heißt das, dass die Evolution des Menschen aufgehört hat? Die biologische Entwicklung des Menschen wird heutzutage stark behindert – weil es keine räumlich isolierten Menschengruppen mehr gibt. Die Neubildung von Arten funktioniert immer nach demselben Prinzip: Nur in einer geographisch von anderen Gruppen getrennten Population haben Neuentwicklungen die Chance, sich genetisch auszubreiten. Andererseits ist die kulturelle Entwicklung auch eine Ausprägung der menschlichen Evolution. Da wird die Entwicklung weitergehen. Möglicherweise werden die Menschen ihre biologische Evolution selbst in die Hand nehmen.


Zurück zum Beginn der Menschwerdung. Wie war das damals? Welche evolutionären Schritte haben der Menschheit auf die Sprünge geholfen? Es gibt drei große Schritte. Der erste war die Reduzierung der Eckzähne. Alle heutigen Menschenaffen haben starke Eckzähne, der Vormensch jedoch nicht. Das bedeutet: Da hat sich eine soziale Umorganisation ereignet – möglicherweise im Sinne von Kooperation statt Konfrontation. Der zweite Schritt war die Entstehung des aufrechten Gangs. Hierzu gab es in den letzten drei, vier Jahren völlig neue Erkenntnisse. Im Gebiet des heutigen Kataloniens wurde das Fossil eines Menschenaffen gefunden, der vor 13 Millionen Jahren gelebt hat. Dieser Fund offenbarte zwei Dinge, die völlig anders sind, als man sich das bisher vorgestellt hat. Dieser Menschenaffe hat keine gebogenen Finger, er hat sich also nicht an Ästen entlang gehangelt. Und dieser Menschenaffe konnte sich bereits aufrichten. Das heißt: Unsere direkten Vorfahren haben nicht – wie so oft erzählt wird – auf den Bäumen, sondern am Boden gelebt.

 

Und wie ging es weiter? Vor sieben bis acht Millionen Jahren gab es eine drastische Klimaveränderung. Weltweit wurde es trocken und kühl. Der tropische Regenwald schwand. Rund vier Millionen Quadratkilometer gingen allein in Afrika verloren. Auf diesem Gelände entwickelte sich eine buschbestandene Baumsavanne. Die dort lebenden Wesen mussten sich neue Nahrungsquellen erschließen – beispielsweise in Flüssen und Seen. Menschenaffen können nicht schwimmen. Um im Wasser stehen zu können, brauchten sie den aufrechten Gang. Die dritte Phase der Menschwerdung wurde wiederum von einer Klimaveränderung ausgelöst, die zu einem anderen Nahrungsangebot führte. Um die hartschalige, hartfaserige Nahrung zu erschließen, sind vor 2,5 Millionen Jahren die ersten Steinwerkzeuge entstanden. Sie sind der Beginn der kulturellen Evolution des Menschen.

 

Auch die heutigen Menschenaffen haben Werkzeuge. Ähneln sie denen, die unsere Vorfahren vor 2,5 Millionen Jahren benutzten? Durchaus. Selbst die Herstellung von Werkzeugen ist bei Menschenaffen nachgewiesen worden. Der entscheidende Unterschied zum Menschen: Bei den Menschenaffen nutzt immer nur eine lokale Population diese Werkzeuge. Das Wissen wird nicht an andere Populationen weitergegeben.

 

Uns Menschen zeichnet vor allem die Sprache aus – und damit einhergehend das Bewusstsein. Wie war das bei Homo rudolfensis vor 2,5 Millionen Jahren? In der Tat ist die Sprache das Transportmittel der kulturellen Evolution. Es gibt zwei Hinweise auf den frühen Sprachgebrauch. Die zunehmende Komplexität der Werkzeuge zeugt davon, dass Information mündlich weitergegeben wurde. Und es gibt bei den Urmenschen, die vor zwei Millionen Jahren lebten, erste Hinweise auf unsere heutigen Sprachzentren im Gehirn – das Broca-Zentrum oder das Wernicke-Zentrum.

 

Sie haben sich in den letzten Jahren auf die „Habitat-Forschung“ konzentriert. Was ist das?Fossilfunde sind Grundlage jeder Paläoanthropologie. Und jeder neue Fund ist höchst willkommen. Deshalb bleibt die Geländearbeit wichtig. Ich selbst grabe an verschiedenen Stellen. Mir geht es aber um den gesamten Lebensraum, also auch um Pflanzen und Tiere, die die Umgebung des Menschen damals prägten. Nur wenn man den gesamten Lebensraum und dessen Veränderungen dokumentiert, offenbart sich die volle Bandbreite, warum sich bestimmte Dinge entwickelt haben. Nur wer die klimatischen Veränderungen früherer Epochen verstehen lernt, kann ergründen, wie sich das Leben evolutionär weiterentwickelt hat. Mit der Heidelberger Akademie der Wissenschaften haben wir gerade ein ganz neues Projekt begonnen, das mindestens 20 Jahre laufen soll. Ein Ziel der Arbeit ist, sämtliche existierenden Daten und alle Publikationen — also unser gesamtes Wissen – miteinander in Beziehung zu setzen. Dadurch wollen wir herausfinden, welche Rolle die Kultur bei der frühen Ausbreitung des Menschen von Afrika in andere Kontinente gespielt hat. Nur wer eine bestimmte Technik entwickelt hat, kann die Grenzen seines Lebensraums überwinden.

 

Auf wie vielen Hominidenfunden basiert die gegenwärtige Paläoanthropologie? Es gibt etwa 300 Neandertaler-Funde. Unser gesamtes Wissen über die Entstehung des Menschen davor basiert auf etwa 2000 Funden. Rein statistisch betrachtet kommt also auf einige Tausend Generationen ein einziger Fund. Was wir in unserer Disziplin wissenschaftlich diskutieren, sind nicht mehr als Gedankenspiele. Wir testen Hypothesen. Dafür brauchen wir allerdings auch nicht von jeder Generation ein Individuum. Eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit ist, Erklärungen der Jetztzeit in die Vergangenheit zurück zu interpretieren: Wenn ich weiß, welche Fußabdrücke ein Hase hinterlässt, kann ich aus Spuren im Schnee auf ihn schließen, ohne dass ich den Hasen konkret sehe.


Sie sind der einzige Deutsche mit einer Grabungslizenz in Ostafrika. Wie kommt man an so eine Lizenz? Durch die Zahlung von Geld? Es nutzt gar nichts, mit viel Geld nach Afrika zu fahren und Leute zu bestechen. Wir haben uns erst einmal um wissenschaftlichen Nachwuchs aus Ostafrika bemüht und die Studenten und Doktoranden in Darmstadt und Frankfurt ausgebildet. Heute sind das unsere wissenschaftlichen Projektpartner.
Sie haben Ihren Beruf als Paläoanthropologe zielstrebig angegangen. Ihren Ruf erhielten Sie durch wichtige Funde.

 

Welche Rolle spielen denn Funde allgemein in Ihrem Geschäft? Wer als Paläoanthropologe im Gelände arbeitet und ernst genommen werden will, braucht irgendwann einen, besser mehrere Funde. Da ich aber nicht davon ausgehen konnte, einen solchen Fund zu machen, habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig vorangetrieben, die mir eine anderweitige berufliche Entwicklung ermöglicht hätten.


Wann waren Ihre großen Funde? Meinen ersten Hominidenfund machte ich 1991, den zweiten 1996 – beide in Malawi. Der dritte war in Tansania 2002. Wenn man Glück hat und an den richtigen Stellen gräbt, ist etwa ‧alle fünf Jahre ein Fund drin. Demnach wäre bei mir bald wieder einer fällig.


Was ist das für ein Gefühl: Weiß man sofort, was man da in den Händen hält, oder ist man sich erst nach vielen Untersuchungen sicher? Es ist natürlich ein tolles Gefühl! Schließlich weiß ich, wonach ich suche und kann einen Paviankiefer von einem Hominidenfund auf den ersten Blick unterscheiden.

 


Das Gespräch führte Wolfgang Hess für bild der wissenschaft 6/2008

bildnachweise

Friedemann Schrenk: M. Kirchgessner

Vor Ort in Malawi: W. Hess

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