Technik & Umwelt

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Chance Deutschland

Chance Deutschland - Wie Deutschland dank seiner Innovationskraft hervorragende Chancen auf dem Weltmarkt hat

profil des wissenschaftlers

Hans-Jörg BullingerHans-Jörg Bullinger ist seit 2002 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG), die in 80 Einrichtungen aktuell 17 000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Etat von 1,6 Milliarden Euro hat. Bullinger formte die Fraunhofer-Gesellschaft zeitgemäß um und wurde 2007 in seine zweite Amtszeit gewählt. Als er die FhG übernahm, hatte die inzwischen größte Gesellschaft der angewandten Forschung in Europa 11 000 Mitarbeiter. Bullinger (Jahrgang 1944) promovierte und habilitierte im Maschinenbau. Mit 36 Jahren wurde er in Hagen Professor für Arbeitswissenschaft. Kurz darauf berief man ihn zum Leiter des neu gegründeten Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. Seit Juli 1982 ist er Professor für Arbeitswissenschaft an der Universität Stuttgart. Zu Beginn des Jahres 1991 wurde er außerdem Leiter des an der Universität Stuttgart neu eingerichteten Instituts für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement, das durch einen Kooperationsvertrag mit dem Fraunhofer IAO verbunden ist.

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bild der wissenschaft interviewt...

FrauenhofertruckNomadentum im Businessplan

Der mittelständisch geprägte Maschinenbau wurde durch die Finanzkrise schwer gebeutelt. Wie sich die Branche aufrichten kann, sagt Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger – Manager des Jahres 2009.

 

 bild der wissenschaft: Gratulation zum Manager des Jahres! Sie sind der erste Forscher, der diese vom Manager Magazin seit 1998 vergebene Auszeichnung erhalten hat. HANS-JÖRG BULLINGER: Ich war völlig überrascht. Gleichwohl hat es nicht nur mich, sondern auch Kollegen von anderen Forschungseinrichtungen gefreut, dass inzwischen Leistungen auch außerhalb der Wirtschaft als gute Managerarbeit anerkannt werden. Dass die Wahl auf Fraunhofer fiel, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass wir 2009 trotz der Finanzkrise ganz gut vorangekommen sind.

 

Manager des Jahres waren unter anderem schon Klaus Zumwinkel und Jürgen Schrempp, Menschen also, deren Stern in späteren Zeiten verblasste. Wie wird man über Hans-Jörg Bullinger in fünf oder zehn Jahren reden? Ich werde dann im Sessel sitzen und meinen Ruhestand genießen, sodass die Gefahr des öffentlichen Abstiegs nicht mehr so groß ist. Spaß beiseite: Wenn ich feststellen müsste, dass viele von unseren längerfristigen Weichenstellungen im Forschungsbereich völlig danebengelegen haben, würde mich das betrüben.

 

An welche Weichenstellungen denken Sie da? Nach dem Beispiel des Fraunhofer-Strategie-Prozesses hat sich auch die Bundesregierung in ihrer Hightech-Strategie auf fünf Felder fokussiert, die für Deutschland besondere Chancen bieten. Es geht darum, Lösungen für die wichtigsten Herausforderungen der kommenden Jahre zu entwickeln. Das sind: Energie mit den Schwerpunkten regenerative Energiequellen und Effizienz-Technologien, Gesundheit mit den Schwerpunkten Prävention, personalisierte und regenerative Medizin, Kommunikation mit dem vielfältigen Ansatz der elektronischen Assistenz, Mobilität mit dem Fokus auf Elektro-mobilität und schließlich Sicherheit der Bürger, Datennetze und Infrastrukturen. Die radikalen Innovationen, die Arbeit und Leben tiefgreifend verändern werden, kommen aus der Konvergenz — dem Verschmelzen — der klassischen Disziplinen Physik, Chemie und Biologie im Nanobereich.


Ehe die Lösungen da sind, werden Sie im Ruhestand sein, wie so viele andere Deutsche auch. Befürchten Sie, dass die Kreativität unserer Nation durch den demographischen Wandel schwindet und wir gegenüber anderen Ländern wirtschaftlich an Boden verlieren?Nein. Ich habe großes Zutrauen in die, die nachwachsen. Zwar verlassen schon jetzt in China mehr fertige Ingenieure die Hochschulen als in allen europäischen Ländern zusammen. Doch unsere kulturelle Umwelt fördert die Kreativität des Einzelnen stärker, als das in China der Fall ist. Natürlich stehen wir angesichts unserer Alterspyramide vor riesigen Herausforderungen.

 

Können Ältere ebenso kreativ sein wie Jüngere? Kreativ sind die Hungrigen – jene also, die vorankommen wollen. Hungrig sein hängt ein Stück weit vom Lebensalter ab: Natürlich wollen vor allem Jüngere etwas erreichen. Andererseits kenne ich keine wissenschaftliche Untersuchung, die belegt, dass Ältere nicht mehr kreativ sein können. Die Frage lautet daher: Ist unsere Gesellschaft so organisiert, dass Ältere hungrig bleiben und vorankommen wollen? Hier gibt es einiges zu tun. Schauen Sie sich die Weiterbildungsmaßnahmen in Unternehmen an: Dort werden Menschen über 50 allzu gerne von den Programmen ausgeschlossen. Das ist falsch. Salopp gesprochen müssen wir uns intensiv damit beschäftigen, wie wir mit einer Rentnerband Welthits kreieren können.

 

Vor einem Jahr berichteten Sie über eine gute Ergebnislage bei Fraunhofer. Auch zum Jahresende 2009 brillierte Ihre Forschungsgesellschaft mit Wachstum – bei Beschäftigten ebenso wie im Etat. Was zeichnet die Fraunhofer-Gesellschaft aus? Weil die Nachfrage nach unseren wissensbasierten Dienstleistungen so groß war, haben wir 2009 fast 1000 Menschen eingestellt. Mitverursacht wurde dies dadurch, dass die öffentliche Förderung deutlich zugenommen hat. Während der 2009 zu Ende gegangenen Legislaturperiode des Deutschen Bundestags wurden acht Milliarden Euro mehr für die Forschung ausgegeben als in der Periode zuvor. Die Fraunhofer-Gesellschaft hat also – wie die anderen Forschungs-gesellschaften auch – mehr Geld zur Verfügung. Und die Perspektive ist nicht schlecht: Wenn der Koalitionsvertrag für die jetzige Legislaturperiode umgesetzt wird, wächst das Forschungsbudget weiter. Bei Fraunhofer profitieren wir noch von einem zweiten Effekt: Die Unternehmen fragen unsere Leistung stärker nach.

 

Ist das auf die schiere Not vieler mittelständischer Unternehmen zurückzuführen? Wir machen etwa die Hälfte unseres Umsatzes mit dem Mittelstand. Dass aus schierer Not von dort ganz neue Kunden auf uns zukommen, ist selten. Unsere Kunden haben nicht die schlechtesten Kennwerte, sind aufgeschlossen und können unsere Leistungskraft meist aus früheren Projekten beurteilen.

 

Was lässt Unternehmen zögern, mit der Fraunhofer-Gesellschaft zusammenzuarbeiten: Berührungsängste oder die Preise? Das fängt bei Sprachbarrieren an. Der typische Mittelständler kommt mit einem groben, nicht spezifizierten Problem. Er klagt etwa darüber, dass sein Umsatz zurückgegangen sei. Um das wirkliche Problem herauszufinden, brauche ich also Mitarbeiter, die den Ursachen des Umsatzrückgangs erst einmal auf den Grund gehen und die Klagen des Unternehmers interpretieren, ehe sie ihr Expertenwissen einbringen. Was die Kosten angeht, gilt: Fraunhofer ist mit Mann-Tag-Preisen von unter 1000 Euro deutlich günstiger als die bekannten Unternehmensberatungen. Doch auch das ist für kleine Mittelständler teuer. Sie können unsere Leistungen in der Regel nicht allein bezahlen. Das geht nur über Verbundprojekte, die sie zusammen mit anderen Unternehmen angehen müssen.

 

Kommen wir zum Maschinenbau, der im Branchendurchschnitt 3,5 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert und damit weit hinter der Pharmazeutischen Industrie (12,5 Prozent) oder der Nachrichtentechnik (9,3 Prozent) liegt. Ist der deutsche Maschinenbau Lowtech – und international damit bald zweitrangig? Die Antwort ist komplexer, als es der Blick auf solche Zahlen vermuten lässt. Auch in der Produktionstechnik sind moderne Systeme integriert: modernste Steuerungen, elektronische Verfahren, Verbindungstechniken. Wer sich ansieht, was an Hightech in einer Maschine drin ist, die oft als Lowtech abqualifiziert wird, staunt nur so. Allerdings gilt auch: Wenn wir Produktionstechnik sagen, meinen wir oft den herkömmlichen Werkzeugmaschinenbau – etwa für die Automobilproduktion. Doch auch für die Herstellung von Solarzellen, Windkraftwerken, Biotechnik oder Medizintechnik brauchen wir Produktionstechnik. Die Maschinenbaufirmen müssen darauf achten, dass sie stärker als bisher auf kommende Techniken fokussiert sind. Machen sie das, hat der Maschinenbau bei uns Zukunft.

 

Was zeichnet den deutschen Maschinenbau gegenwärtig aus? Beispielsweise ein intelligenter Service. Ein guter Maschinenbauer macht ein Viertel seines Umsatzes mit Service. Und da ist Intelligenz gefragt. Wenn jemand drei Maschinen in ein Land verkauft, kann er deswegen noch keine Niederlassung in diesem Land aufbauen. Deshalb entwickeln die Unternehmen Systeme, über die sich die Maschinen selbst diagnostizieren. Die Daten gelangen via Kommunikationssatellit in die Zentrale, die dann die entsprechenden Korrekturen vornimmt oder Ersatzteile losschickt.

 

Wie gut sind die Unternehmen im internationalen Vergleich? Um deutlich zu werden: 08/15-Werkzeugmaschinen werden künftig wohl nur noch China und andere asiatische Länder herstellen. Wir müssen uns auf komplexe Maschinen konzentrieren, die die anderen noch nicht hinbekommen. Angesichts der gewaltigen Zahl an Ingenieur-Absolventen in China wird diese Strategie wohl nicht lange helfen. Die übermächtige Zahl an Absolventen sollte uns nicht schrecken. In der ehemaligen DDR gab es pro 1000 Einwohner doppelt so viele Wissenschaftler wie in der Bundesrepublik. Mut machen sollte uns auch ein anderes Beispiel: Die Schweiz, Dänemark oder Schweden haben deutlich weniger Einwohner als Deutschland, aber sie sind gleichwohl auf den Weltmärkten mit spezifischen Produkten hervorragend positioniert. Wenn auch wir uns richtig für die Zukunft positionieren, hat unsere Produktionstechnik weiterhin hervorragende Chancen auf dem Weltmarkt.

 

Gilt Ihre Aussage auch für kleinere und mittlere Unternehmen? Ich bin absolut überzeugt, dass der Mittelstand weiterhin gute Chancen hat, allerdings nicht unbedingt Firmen, wie sie heute bestehen. Wir werden künftig eine Vielzahl kleinerer Firmen mit vielleicht nur zehn Mitarbeitern haben, die sich auftragsbezogen formieren und mit anderen Unternehmen zusammentun.

 

Was heißt das? Menschen werden kooperieren, um eine Ingenieursleistung anzubieten. Wenn diese erbracht ist, werden sie sich in anderen Gruppierungen zusammenfinden, die dann ihrerseits wieder Leistungen anbieten. Das Ganze ähnelt dem Nomadentum, das bei der Unternehmensberatung bereits üblich ist.

 

Sie sind seit 2002 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft und als solcher ein gefragter Vortragender. Haben Sie den Eindruck, der Bedeutung von moderner Technologie mehr öffentliches Interesse verschafft zu haben? Ich glaube, dass es uns gelungen ist, öffentliche Programme – unter Mitwirkung der Wirtschaft – zeitgemäßer zu fixieren. Dass wir in Deutschland inzwischen eine Hightech-Strategie haben, ist sicherlich nicht nur auf Studien irgendwelcher Wirtschaftsforschungsinstitute zurückzuführen. Klar ist: Die Technikfeindlichkeit, wie sie bei uns in den 1970er- und 1980er-Jahren verbreitet war, haben wir hinter uns gebracht. Allerdings haben wir noch keine Technikbegeisterung wie in der USA. Es ist unvorstellbar, dass bei uns Menschen auf der Straße übernachten, um als Erste ein neues Apple-Handy zu bekommen.

 

Ihre Vorträge würzen Sie mit Bonmots – gerne aus dem Schwäbischen. Kommt das überall gut an? Ich hoffe, dass dadurch mehr vom Gesagten im Gedächtnis haften bleibt. Doch ich bin mir darüber im Klaren, dass auch gute Vorträge meist nur zum Nach- oder Überdenken anregen – im besten Fall regen sie zur Nachfrage an.

 

Das Gespräch führte Wolfgang Hess für bild der wissenschaft 4/2010

bildnachweise

Hans-Jörg Bullinger: B. Huber/Fraunhofer

Fraunhofer Truck: Fraunhofer Gesellschaft

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