Technik & Umwelt

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Öl und Gas: reichts noch?

Öl + Gas: Reicht's noch? - Ob fossile Energierohstoffe auch zukünftig in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen

Profil des Wissenschaftlers

Hilmar RempelHilmar Rempel (Jahrgang 1945) ist Diplom-Geologe und seit 1990 in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover tätig. Nach seinem Studium der Erdölgeologie an der Universität Baku/ Aserbaidschan arbeitete er als Geologe an verschiedenen Forschungsinstituten und von 1982 – 1990 war er Mitarbeiter im Ministerium für Geologie in Berlin. In der BGR verantwortete er von 2003 – 2008 das Referat Energierohstoffe und seit 2009 ist er stellvertretender Arbeitsbereichsleiter „Verfügbarkeit von Energierohstoffen“. Er ist gefragter Autor und Referent zu Themen der Rohstoffstatistik und der weltweiten Ressourcen von Energierohstoffen.

Pressebericht

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bild der wissenschaft interviewt...

 

ErdölförderungEin in Baku ausgebildeter Erdöl-Geologe ist seit vielen Jahren der maßgebliche deutsche Experte für die Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe weltweit. Seit 40 Jahren beschäftigt sich der gebürtige Thüringer Hilmar Rempel mit der Erdölförderung und dem Verbrauch. 1970, als er in den Beruf einstieg, wurde weltweit noch doppelt so viel Erdöl gefunden wie verbraucht. Inzwischen wird pro Jahr viermal so viel verbraucht wie neu nachgewiesen. 

 

 

bild der wissenschaft: Vor zehn Jahren behauptete Ihr Kontrahent Werner Zittel im bdw-Disput, dass es im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu einem Rückgang bei der Rohölproduktion und damit zu Versorgungsengpässen kommen würde. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil: Bisher lagen die Pessimisten noch jedes Mal daneben, wenn sie sich auf eine baldige Trendwende festlegten. HILMAR REMPEL: Die Frage der maximalen Ölförderung ist ein theoretisches Konstrukt. In den Nicht-OPEC-Ländern, die etwa 55 Prozent des heute produzierten Erdöls liefern, haben wir den Höhepunkt wahrscheinlich schon überschritten. In den OPEC-Ländern könnte die Förderung noch ausgeweitet werden. Allerdings wird die Ölförderung nicht allein durch die Fördermöglichkeit bestimmt, sondern auch durch die Entwicklung der Weltwirtschaft, die in den vergangenen beiden Jahren zu einem zurückgehenden Verbrauch geführt hat. Weiterhin hat insbesondere die OPEC in den letzten beiden Jahren ihre Förderung zurückgenommen, um das Preisniveau hoch zu halten. Klar ist: Beim Erdöl sind die maximalen Fördermöglichkeiten ausgereizt.

 

Was heißt das konkret? Wir bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sind in unserer letzten großen Energiestudie – unter der Einbeziehung aller Möglichkeiten einer zukünftigen Förderung auch von noch ungenutzten Ressourcen – zu der Aussage gekommen, dass die derzeitige Ölförderung bis etwa 2030, 2035 geringfügig steigen könnte. Wir sagen aber auch: Eine Förderung von mehr als 5 Milliarden Tonnen pro Jahr wird nicht möglich sein. Vor der Weltfinanzkrise lag sie bei 3,9 Milliarden Tonnen.


Wenn Sie die Entwicklung der Reserven- und Ressourcenstatistiken der vergangenen zehn Jahre anschauen – was fällt Ihnen auf? Die Reserven haben sowohl bei Erdöl als auch bei Erdgas zugenommen. Betrachten wir aber lediglich die Neufunde, zeigt sich bei Erdöl eine stark rückläufige Tendenz: Die neuen Funde wiegen den Verbrauch nicht mehr auf.

 

Es gibt immer mal wieder Botschaften von großen Neufunden im Atlantik, sei es vor der westafrikanischen Küste oder vor Brasilien. Wie bewerten Sie deren Kapazität?
Nennenswerte Funde der vergangenen Dekade sind vier Felder im Atlantik vor Brasilien, in Kasachstan das Kashagan-Feld, im Iran das Azadegan-Feld und in China das Jidong-Feld. Diese Funde sind stattlich, doch zusammen gerade so groß, dass sie den Weltjahresverbrauch für anderthalb Jahre decken könnten.

 

Wie sieht es in der Nordsee aus? Ganz aktuell ist der Fund des Catcher Feldes vor der schottischen Küste, das Ende Juni auf rund 50 Millionen Tonnen Öl eingeschätzt wurde. 2001 wurde auf britischem Territorium das Buzzard Feld entdeckt, das 75 Millionen Tonnen Öl enthält, und 2007 das Gaskondensat-Feld Jura mit 23 Millionen Tonnen Öläquivalent. Alle anderen in den vergangenen zehn Jahren entdeckten Nordsee-Ölfelder sind deutlich kleiner.

 

Wenn nirgendwo mehr gigantische Ölfelder gefunden werden – warum nehmen die Vorräte dann trotzdem zu? Das liegt an der Neubewertung bereits gefundener Felder. Sie hängt einmal von neuen Technologien ab, durch die man aus einer Lagerstätte technisch mehr herausholen kann. Andererseits lassen sich im Laufe der Zeit die geologischen Verhältnisse exakter bewerten, was wiederum eine höhere Ausbeute zur Folge haben kann.

 

Ist das die ganze Wahrheit? Oder lassen Ölmanager die Bestände auch deshalb höher bewerten, weil ihre Bonuszahlung vom Buchwert der Felder abhängt? Ich kann dazu keine profunde Stellungnahme abgeben. Es gibt aber sicherlich Konzerne und Staaten, die mit ihren Reserveangaben Politik machen.


Inwiefern hat sich der Aufschwung Chinas auf die Versorgungslage der Welt mit Öl ausgewirkt und den Ölpreis verändert? 1998 verbrauchte China etwa 185 Millionen Tonnen Erdöl. 2008 waren es 369 Millionen Tonnen – das heißt: Verdoppelung. Natürlich wird der Verbrauch Chinas weiter wachsen. Doch wenn man sich vor Augen hält, was die USA pro Jahr verbrauchen – knapp 900 Millionen Tonnen –, wirkt sich der Verbrauch der Chinesen nicht allzu heftig auf den Weltmarkt aus.


Ein Barrel Öl kostet an den Rohstoffbörsen derzeit rund 80 Dollar. Wie hoch liegen die konkreten Förderkosten? Über die Förderkosten gibt es keine verbindlichen Angaben. Man weiß aber, dass sie im Nahen Osten – Saudi Arabien, Irak – in der Größenordnung von ein, zwei Dollar pro Barrel liegen. In der Nordsee sind sie deutlich höher, wohl zwischen 20 und 30 Dollar je Barrel.


Wie beurteilen Sie den Abbau der Ölsande in Kanada? 2006 bis 2008 wurden eine Reihe ehrgeiziger Projekte in Angriff genommen. Mit der Weltfinanzkrise und dem anschließenden Zusammenbrechen des Ölpreises wurden einige davon zurückgestellt. Inzwischen nehmen die Aktivitäten wieder zu. Man rechnet damit, dass dort in einigen Jahren etwa 100 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr gefördert werden.


Ist das dann das Ende der Fahnenstange? Oder könnte die Produktion bei entsprechender Nachfrage deutlich erhöht werden – sagen wir mal auf eine Milliarde Tonnen?
Das ist unwahrscheinlich. Saudi-Arabien fördert nur rund 500 Millionen Tonnen. Ich glaube, dass Ölsande über viele Jahre abgebaut werden, aber mit beschränkter Jahreskapazität.

 

Die negativen Auswirkungen auf die Umwelt sind ja wohl beträchtlich. Manche sprechen von Schweinerei … die Frage ist doch, wie man fördert. Um das Öl aus den Sanden zu gewinnen, benötigt man viel Wasser. Es wird deshalb versucht, das eingesetzte Wasser erneut für den Prozess zu rezyklieren. Ein Problem sind die leichten Öle und Kondensate, die man braucht, um das als Hauptprodukt anfallende Bitumen zu verdünnen und transportfähig zu machen. Die Nachfrage ist so groß, dass die Öle und Kondensate bereits importiert werden müssen.

 

Beim letzten bdw-Interview 2008 beantworteten Sie die Frage nach den Umweltrisiken der Ausbeutung von Öl und Gas unter dem Arktischen Ozean so: „Wenn moderne Umweltstandards angewandt werden, fließt vom Öl nichts ins Wasser.“ Wie die Katastrophe im Golf von Mexiko zeigt, dürfen wir darauf nicht vertrauen. Relativieren Sie Ihre Aussage jetzt, Herr Rempel? Nein. Das Unglück ist ja nicht direkt auf die moderne Technik zurückzuführen, sondern auch auf menschliches Versagen. Es gab ja Anzeichen, dass im Bohrloch noch Gas war. Man hätte sehr wohl entsprechende Maßnahmen einleiten und das Bohrloch dicht machen können.

 

Das ist die eine Seite. Die andere ist aber, dass es nach dem Untergang der Deepwater Horizon drei Monate dauerte, das Bohrloch abzudichten. Das zeigt, dass BP und die anderen beteiligten Firmen auf einen solchen Notfall überhaupt nicht vorbereitet waren. Andererseits ist es nicht einfach, in einer Wassertiefe von etwa 1600 Metern bei völliger Dunkelheit und dem dort herrschenden Druck von über 160 Bar mit ferngesteuerten Robotern zu operieren. Neben dem defekten Sicherheitsventil gab es beim ersten Versuch Probleme mit der überdimensionierten Glocke, die zur Gashydratbildung und damit zur Verstopfung der Leitung führte. Auch eine zweite kleinere Glocke konnte keine komplette Abdichtung schaffen, sodass ein Großteil des Öls in den Golf von Mexiko strömte. Die Menge des täglich ausströmenden Öls lag in einer Größenordnung, die der Tagesförderung der über 1100 in Deutschland aktiven Erdölsonden entspricht. Erst im dritten Anlauf gelang es mit einer verbesserten Glocke das Bohrloch abzudichten und den Ölfluss zu stoppen. Doch auch das konnte nur eine temporäre Lösung sein. Mit dem „Static Kill“ – dem Einbringen schwerer Bohrspülung in die Bohrung – gelang es, einen Gegendruck aufzubauen, der höher war als der Druck in der ölführenden Schicht. Dadurch konnte das Erdöl in die Schicht zurückgedrängt werden. Mit dem anschließenden Einbringen von Zement wurde das Bohrloch im oberen Bereich versiegelt. Man verzichtete darauf, auch den unteren Bereich mit Zement abzudichten, was über die Entlastungsbohrungen hätte geschehen müssen. Das Problem der havarierten Bohrung ist damit gelöst. Die Beseitigung der Schäden durch das ausgetretene Erdöl wird eine viel längere Zeit in Anspruch nehmen.

 

Menschliches Versagen ist immer möglich, wenn Menschen am Werk sind. Eine Ölkatastrophe im Polarmeer ist nach menschlichem Ermessen nicht auszuschließen. Lässt man also am besten die Finger von Erkundung, Erschließung und Förderung der dortigen fossilen Rohstoffe? Klar ist, dass entsprechende Umweltschäden noch verheerender wären als im Golf von Mexiko. Ob in den arktischen Gewässern in den kommenden Jahren in großem Umfang nach Öl und Gas gebohrt wird, ist noch nicht entschieden – und wird angesichts der Katastrophe von Deepwater Horizon sicherlich neu diskutiert werden müssen. 

 
Erdöl wird in unserem Jahrhundert in immer geringeren Mengen zur Verfügung stehen. Das ist sicher. Bei der Kohle ist es um die vorhandenen Reserven weit besser bestellt – hieß es immer. Jetzt veröffentlichte die Energywatchgroup eine Studie, wonach auch die Kohle bald knapp wird. Wie beurteilen Sie diesen Gesinnungswandel? Der ist unsinnig! Unsere Analysen besagen klar: Unter den fossilen Energieträgern ist die Kohle weitaus am längsten verfügbar. Die von Ihnen zitierte Studie betrachtet lediglich die Reserven, also nur jene Lagerstätten, die heute unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gefördert werden können. Doch selbst die Reserven würden beim derzeitigen Jahresverbrauch noch 120 Jahre reichen, bei Braunkohle weit über 200 Jahre. Die Ressourcen liegen noch einmal um eine Größenordnung höher: Bei Steinkohle würden die Ressourcen rein theoretisch beim heutigen Verbrauch weitere 2700 Jahre reichen, bei Braunkohle über 4000 Jahre. Wir von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sehen keine Gefahr, dass uns die Kohle ausgeht. Inwiefern der Rohstoff Kohle unter dem Aspekt CO2-Emissionen akzeptabel ist, steht auf einem anderen Blatt. Wie das zu bewerten ist, muss die Zukunft zeigen.

 

Wie steht’s um die Erdgaslagerstätten? Wenn wir die weltweiten Reserven betrachten, sieht es deutlich besser aus als beim Erdöl. Dividiert man die sicher gewinnbaren Reserven durch den Weltjahresverbrauch, reichen die Reserven noch länger als 60 Jahre. Doch auch die nicht-konventionellen Reserven spielen beim Erdgas eine Rolle. Die Produktion von „Shale Gas“ – also von Gas aus Tongesteinen – hat soeben dazu geführt, dass die USA das lange führende Russland in der Erdgasförderung überholt haben. Shale Gas machte in den USA im Jahr 2008 bereits fast zehn Prozent der Erdgasförderung aus, mit stark steigender Tendenz. Insgesamt kam 2008 zusammen mit Erdgas aus dichten Gesteinen und aus Kohleflözgas die Hälfte der Erdgasfördermenge aus nichtkonventionellen Quellen. Ob Shale Gas auch in Europa eine wichtige Rolle spielen kann, ist noch nicht klar. Potenziale sind vorhanden, doch der Abbau beansprucht riesige Flächen.

 

Wie macht man denn aus Tongestein Erdgas? Das Erdgas steckt im Gestein. Doch das hat eine relativ geringe Durchlässigkeit. Das heißt: Von Natur aus fließt das Gas nur zurückhaltend. Um den Gasfluss in einen wirtschaftlichen Bereich zu bringen, muss man das Gestein aufbrechen: Unter hohem Druck wird Wasser eingepresst. Dadurch entstehen Risse – und das enthaltene Erdgas kann gewonnen werden.


Woher beziehen Sie Ihre Daten? Initiiert die BGR eigene Untersuchungen? Wir beziehen Daten aus den unterschiedlichsten Quellen und orientieren uns mehr oder weniger an allem, was öffentlich und international zugänglich ist. Teilweise machen wir eigene Abschätzungen über Angaben, die wir aus entsprechenden Feldern haben. Wer sich mit der Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe beschäftigt, weiß, dass es die richtige Zahl nicht gibt: Dazu sind die Quellen zu unterschiedlich. Es kommt auch nicht darauf an, die Stelle nach dem Komma zu treffen, sondern die Größenordnung abzuschätzen.


Welche Rolle spielt das Wissen des Rohstoff-Geologen Rempel? Eine nicht geringe. Denn mit den Jahren hat man eine tiefgehende Erfahrung über die Vorkommen und die Situation im Umfeld. Ich glaube schon, anhand meines Wissens nicht auf irgendwie gelagerte Interessen hereinzufallen.


Dann können Sie uns bestimmt in einfachen Worten das teilweise irrwitzige Auf und Ab des Rohölpreises und des Preises an den Tankstellen erläutern? Weltweit haben wir einen nahezu einheitlichen Spotmarktpreis, der sich nach den Sorten etwas unterscheidet. Die leichteren Ölsorten lassen sich besser verarbeiten und haben einen etwas höheren Preis. Dass der Ölpreis oft im Wochenrhythmus stark steigt oder fällt, hängt nicht so sehr von den Förderkapazitäten und der konkreten Nachfrage ab, sondern eher von den Handelsmärkten. Spekulanten spielen natürlich auch mit. Preisschwankungen an Tankstellen in Höhe von sieben, acht Cent in wenigen Stunden sind für mich nicht nachvollziehbar.


Was hat Sie während der vier Jahrzehnte Ihrer Beschäftigung mit fossilen Rohstoffvor-kommen am meisten überrascht? Sehr überrascht hat mich, wie die Weltwirtschaft den imposanten Ölpreisanstieg der Jahre 2004 bis 2008 verkraftet hat. 2004 verkündete der Chef der Internationalen Energieagentur, Claude Mandil: Eine Steigerung des Ölpreises um 10 Dollar pro Barrel reduziert das Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozent. Damals lag der Ölpreis bei 30 Dollar pro Barrel. Mitte 2008 war er bei knapp 150 Dollar. Nach Mandils Auffassung hätte das die Weltwirtschaft um rund 5 Prozent drücken müssen, tatsächlich ist sie aber gerade in der Zeit des gigantischen Ölpreisanstiegs stark gewachsen. Offenbar kommt die Weltwirtschaft mit einem hohen Ölpreis gut zurecht. Das zeigt sich auch gegenwärtig: Trotz des Ölpreises von 70 bis 80 Dollar pro Barrel zieht die Wirtschaft weltweit an.

 

Wolfgang Hess für bild der wissenschaft 10/2010

BILDNACHWEISE

Hilmar Rempel: R. Frommann

Erdölförderung in Emlichheim: Wintershall

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