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Klonen

Klonen: Geklonte Tiere - geklonter Mensch?

Profil des wissenschaftlers

Jens ReichJens Reich (Jahrgang 1939) war bis zu seiner Pensionierung 2004 Forschungsgruppenleiter für Bioinformatik am Max-Delbrück-Centrum in Berlin und gehört der Humboldt-Universität als Emeritus-Professor an. Von 1968 bis 1990 forschte Reich am Institut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin. 1989 war er Mitbegründer der Bürgerbewegung „Neues Forum“ und 1994 unabhängiger Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.

 

Pressebericht

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bild der wissenschaft interviewt...

StammzellenInterview mit Prof. Jens Reich

Embryonale Stammzellen könnten geschädigte Organe reparieren – hoffen Forscher. Doch bislang lassen sich nicht einmal definierte Stammzelllinien züchten. Der Südkoreaner Hwang Woo-Suk hatte das behauptet, wurde aber des Betrugs überführt. Prof. Jens Reich fordert eine schärfere Begutachtung.

 

 

bild der wissenschaft: Hwang Woo-Suk musste vor wenigen Wochen zugeben, dass seine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Experimente gefälscht waren. Er hatte behauptet, menschliche Embryonen geklont und daraus lebensfähige Stammzelllinien hergestellt zu haben. Welche Auswirkungen hat dieser Betrug auf die Akzeptanz der Stammzellforschung, Herr Prof. Reich? JENS REICH: Da die embryonale Stammzellforschung beim Menschen sowieso ethisch umstritten ist, kann man solche Skandale gar nicht gebrauchen. Der Ruf ist jetzt erst einmal lädiert. Andererseits zeigt der Fall, dass das System der wissenschaftlichen Selbstkontrolle funktioniert. Schließlich waren es ja Wissenschaftler, die herausfanden, dass die beschriebenen Experimente nicht stimmen konnten, weil sie sich nicht wiederholen ließen.

 

Die gefälschten Publikationen sind nicht irgendwo erschienen, sondern in Science, einem weltweit angesehenen Wissenschaftsmagazin, das viel darauf hält, nur solche Artikel zu veröffentlichen, die von angesehenen Fachwissenschaftlern zuvor begutachtet wurden. Wie konnte dort eine so fatale Fälschung durchgehen? Es gibt in der Tat Fälschungen, die man als Gutachter nicht erkennen kann. Ein Gutachter ist kein Kripobeamter, sondern er geht primär davon aus, dass in einer Publikation Dinge beschrieben werden, die einen Fortschritt in der Wissenschaft darstellen. Er schaut daher danach, ob die Argumentation überzeugt und sachlich fehlerfrei ist. Im Fall von Hwang war es so, dass Ausschnitte in ein Computerbild hineinkopiert worden sind, was man nur mit ausgeklügelten Bildverarbeitungsprogrammen nachweisen kann. Aber: Bei sensationellen Arbeiten wie der von Hwang, die auch viele Fachwissenschaftler sehr überrascht hat, wäre es künftig angebracht, schärfer zu kontrollieren.


Was die Veröffentlichung verzögert......und für die Betroffenen unangenehm ist, weil sie im Konkurrenzkampf mit anderen Gruppen stehen. Ein weiteres Problem kommt hinzu. Die wissenschaftlichen Journale Science und Nature erzeugen neuerdings einen enormen Medienhype, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Verlage dieser wissenschaftlichen Journale informieren die Publikumspresse über die bevorstehende Sensation. Damit erfahren die Publikationen eine ganz andere Öffentlichkeit – die sich bei Fälschung noch potenziert.


Müssen diese Zeitschriften ihre Veröffentlichungsgewohnheiten andern? Ich denke, ja. Beide Journale sind vor zwei Jahren schon einmal hereingefallen, als sie die Arbeiten des Deutschen Jan Hendrik Schön veröffentlicht hatten, die aber plumper gefälscht waren als die von Hwang. Damals flogen die Fälschungen deshalb auf, weil aus dem Labor von Schön anonyme Hinweise kamen.


Sie sind selbst Gutachter. Wie sieht eine solche Arbeit konkret aus? Bei dem allgemein üblichen Peer-Review-System geht es um die anonyme und unentgeltliche Begutachtung von eingereichten Manuskripten im Hinblick auf ihre Qualität und Plausibilität durch Wissenschaftler, von denen man annehmen kann, dass sie sehr kompetent sind. Das Problem dieses Systems ist, dass die hochkompetenten Gutachter überlastet sind und schon deshalb keine Zeit für eine kriminalistische Hinterfragung der vorgelegten Texte haben.


Nimmt die kriminelle Energie unter Forschern zu? Ich sehe das nicht. Dass immer mal wieder Fälschungen ans Tageslicht kommen, muss in Relation zur Zahl der Publikationen gesehen werden – und diese Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Natürlich ist der Anreiz zum Schummeln beim heutigen Hype da. Man braucht schon eine intakte Moral, um nicht herumzudoktern, wenn man an der Grenze arbeitet. Wissenschaftler, die etwas wirklich Interessantes herausgefunden haben, sorgen sich nämlich sehr, dass ihnen eine andere Gruppe zuvor kommt. Auch mir ist es schon passiert, dass ich eine Arbeit zu spät eingereicht habe. Sie können es mir glauben, wie man sich ärgert, wenn man vom Gutachter hören muss: Nein, dieses Ergebnis habe ich schon vor vier Wochen in einer anderen Zeitschrift gesehen.


Wie lange hat man für die Begutachtung Zeit? Im Normalfall 14 Tage. Wenn man eine Anfrage zur Begutachtung zusagt, dann aber etwas dazwischen kommt, kann man als Gutachter ganz schön unter Zeitdruck geraten. Dennoch ist man bei den normalen Arbeiten in der Regel schon in der Lage, die Sache durchzulesen, etwas nachzuschlagen oder am Computer nachzurechnen. Wissenschaftliche Sensationen, wie die vermeintliche von Hwang, habe ich bisher noch nie zu begutachten gehabt. Bei der Begutachtung lässt man sich in der Regel auch beeinflussen, wenn ein sehr berühmter Kollege Mitautor ist. Im Fall der Hwang-Fälschungen stand der US-Wissenschaftler Gerald P. Schatten von der University of Pittsburgh als Mitautor auf dem Papier. Wenn ein so berühmter Name auf einer Veröffentlichung genannt wird, geht sie natürlich rascher durch als bei einem Nobody.


Sehen wir jetzt einmal ab vom Schatten, der sich durch Hwangs Fälschungen auf die Stammzellforschung gelegt hat. Was ist gesichertes Wissen, was kann man, was möchte man können? Embryonale Stammzellen sind genauso wie Körperstammzellen in der experimentellen biologischen Grundlagenforschung etabliert – etwa bei Mäusen. Menschliche Körperstammzellen spielen auch in der Humanmedizin eine wichtige Rolle: Beispielsweise hat die Transplantation von Knochenmarkstammzellen bei Leukämie schon vielen Menschen das Leben gerettet. Gegenwärtig wird versucht, solche Stammzellen auch für andere Organe als Ersatz auszuprobieren. Embryonale Stammzellen haben ein größeres Potenzial als Körperstammzellen und halten sich anders als Körperstammzellen in Zellkulturen sehr lange. Deshalb hat man die Hoffnung, eines noch sehr fernen Tages damit lebensfähige regenerierte Zellen herstellen zu können, ohne dass es zu krebsiger Entartung kommt. Letzteres ist bei embryonalen Stammzellen noch ein ganz großes Problem.


Nach dem Stammzellgesetz darf in Deutschland nur an embryonalen Stammzellen geforscht werden, die vor dem 1. Januar 2002 für die Forschung zur Verfügung gestellt wurden. Viele Forscher hierzulande beklagen das. Wieso? Ich selbst weiß hier nur vage Bescheid. Spezialisten erklären, dass neuere Stammzelllinien besser an die Forschung angepasst seien. Ein Problem ist, dass die älteren Stammzelllinien alle auf Mausgewebe gezüchtet worden sind. Bei einer Transplantation auf Menschen würde man so eventuell Krankheiten, die bisher nur Mäuse haben, auf den Menschen übertragen. Andererseits bieten die älteren Stammzellen Standards, mit denen man gegenwärtig noch sehr gut arbeiten kann. Eine starre Vorschrift – wie sie jetzt in Deutschland Gesetz ist – behindert auf jeden Fall den wissenschaftlichen Fortschritt. Auch psychologisch: Ausländische Kollegen könnten abwinken – nach dem Motto: deine Stammzellen sind ja Schnee von vorgestern.


Rechnen Sie mit einer Novellierung des Stammzellgesetzes? Nein. Im Augenblick erkenne ich keine Anzeichen in unserer Politik.


Das heißt, die Forschung auf diesem Sektor wird in Deutschland behindert? Es könnte dazu kommen. Spätestens dann würde der Unmut der Forscher wieder lauter. Im Moment erzählen mir Wissenschaftler, die dort arbeiten: Solche Nachteile, dass wir unseren Forschungen nur noch im Ausland nachgehen können, haben wir nicht. Wenn einzelne Wissenschaftler dennoch auswandern, ist das kein Gegenbeweis. Andererseits ist die Stimmung um die humane Stammzellforschung für Senkrechtstarter nicht gerade einladend, sich in Deutschland auf das Gebiet zu begeben.


Wie schwierig ist es, embryonale Stammzellen des Menschen zu züchten? Das gelingt nur Speziallabors. Und die brauchen unbedingt technische Assistentinnen, die besonders geschickt sind. Die Arbeit ist diffizil: Die Stammzellen gehen leicht kaputt, entarten rasch, und das Messprotokoll muss akkurat geführt werden.

 

 

Das Gespräch führte Wolfgang Hess für bild der wissenschaft 4/2006 

BILDNACHWEISE

Jens Reich: MDC

Menschliche embryonale Stammzellen: N. Benvenisty

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